Die unerträglichen Ochsen der Sonne. Das Kapitel in dem „Ulysses“ gegen die Wand fährt.

Das „Oxen of The Sun“-Kapitel des Ulysses ist einer der übelsten Fehlgriffe der englischsprachigen Literaturgeschichte, und überhaupt der modernen Literatur. Es ist der Mittelteil, der Ulysses das Rückgrat bricht und aus einem bis dahin atemberaubend konsistenten Entwurf für eine zeitgemäße Literatur einen Steinbruch gelungener Passagen macht, an den späteren Autoren anschließen konnten. Selbst ein so nachlässiger und wechselhafter Autor wie Balzac hat in seinem ganzen Leben nichts so Langweiliges verfasst, wie dieses Kapitel. Und hätte er, er hätte sich dabei wenigstens nicht so viel Mühe gegeben, und das würde das ganze weniger schmerzhafter machen. Aber Joyce – der dürfte in diesen gigantischen Unfall sogar noch einen Großteil der Arbeitskraft gesteckt haben, die in Ulysses floss.

Aber warum sind die Sonnenochsen so ein gigantischer Fuckup? Bitte, wer das ernsthaft fragen muss, hat das Buch entweder nicht gelesen oder ist einer von diesen anstrengend-angestrengten Literaturwissenschaftlern, die sich vor allem freuen, wenn sie Literatur in Literatur finden, denn damit wird der eigene Lebensentwurf bestätigt. Jedes Mal wenn ich das Buch lese oder höre (und ich höre es etwa einmal im Jahr) ist das das Kapitel, bei dem ich eigentlich abschalten möchte. Und mein Kopf macht es oft genug. Und dabei war bis dahin wirklich jede Zeile ein Genuss. Bei Hörbüchern gedanklich nicht abzuschweifen, ist nicht immer ganz leicht. Ausgerechnet der als so schwer geltende Ulysses aber macht das beinahe unmöglich. Rhythmus, Sprachmelodie, die unglaublich lebendigen Gespräche, all das drängt, das Werk ganz in sich aufzunehmen. Die Ochsen dagegen sind langweilig. Langweilig, langweilig, langweilig.

Doch manch einer wird sich auf Intuition nicht verlassen wollen. Besonders, wenn es nicht die eigene ist. Nun: Vor allem fehlt den Ochsen jene konsequente Verbindung von Form und Inhalt, die bis dahin Ulysses ausmachte und überhaupt spätestens seitdem das entscheidende Kriterium gelungener moderner Literatur ist (hinter das Große führt kein Weg zurück, und was am Ulysses gelang, gelang derart, dass es jeden folgenden Entwurf mitprägte, sogar noch die der Joyce-Verächter, die sich bis heute an ihm abarbeiten). Ulysses ist eben nicht einfach nur lustige Sprachspielerei, Klangexperiment, an einem dem unverbunden gegenüberstehenden Gegenstand. Nur einige wenige Beispiele: Die gebildete und bilderbreichen, doch im Großen und Ganzen noch naturalistisch-humanistische Sprache des Proteus-Kapitels kommt aus Stephens Kopf. Der rasche Wechsel der Gedanken, das Gegeneinanderstellen von Ideen und Lebensentwürfen aus seiner Unsicherheit mit den Kumpels, mit dem eigenen Weg und so fort. Und wie das zu den Wellen am Strand korrespondiert und zu den Wandlungen im Leben des Hundes, über die Stephen nachdenkt, bzw. die er als Gedankenspiel durchgeht, als er den Hundekadaver findet. Der Hund wiederum ist dann (bzw besser: der gesamte Komplex Hund-Stephen-Meer ist) Proteus, der sich ewig wandelnde Seegott.

Oder: Das Sirenen-Kapitel. Hier nimmt Bloom sein Mittagessen ein, Musik erklingt. Auch auf der Straße sind Gesprächsfetzen wie die Stimmen einer modernen Komposition montiert. Musik ist doppelt bzw. dreifach in Blooms Kopf: Das Nachdenken unter anderem über Improvisation lenkt ihn ab von der Affäre seiner Frau. Doch natürlich führt die Musik auch zurück zu Molly, plant die doch gerade neue Konzerte, die der Liebhaber Blazes Boylan organisiert. Und Musik ist eben auch ganz real, was Blooms Essen begleitet und seinen Weg durch Dublin in diesem Moment. Aber eben nicht Musik nur als gemütliches Geplätscher, sondern auf höherer Ebene als das Ganze, das aus Blooms Gedanken, der Bar-Musik und den Straßen Geräuschen wird. Die Symphonie einer Stadt an der Schwelle zur Moderne: Das ist der große Sirenengesang.

Ein solch dicht gewebter Komplex aus Geschehnissen und stilistischer Verarbeitung lässt sich, behaupte ich, für alle Ulysses-Kapitel aufschlüsseln, bis wir eben zu den Ochsen kommen. Hier wird ein Kind geboren. Einige der Figuren von früher und einige neue kommen im Krankenhaus zusammen. Und James Joyce fällt nichts besseres ein, als das auf gut zweieinhalb Stunden bzw. 60 Seiten auszuwalzen, indem die Gespräche und Beschreibungen bis zur Geburt des Kindes zahlreiche Stile aus knapp zwei Jahrtausenden britischer Literaturgeschichte chronologisch durchexerzieren. Von unindividuellen Zeit-Stilen bis hin zu immer moderneren Autoren-Pastiches. Warum zur Hölle bloß? Ich weiß, man sagt, die Geburt lässt sich mit der Geburt einer Nation oder der Frage „was das ist, eine Nation?“ analogisieren, und wie könnte ein Schriftsteller das wiederum besser auf der Metaebene verhandeln, als durch den Wandel des Sprechens und des literarischen Schreibens. Aber dem aufmerksamen Leser wird vielleicht aufgefallen sein, dass hier etwas fehlt: Die Vermittlung. Immer bisher ließ sich der Kapitel-Stil aus der persönlichen Wahrnehmungen einer oder mehrerer Figuren gut erklären, wirkte tatsächlich wie ein Ausfluss der Szenerie, zwar künstlich bzw. kunstvoll, doch zugleich organisch. In den Ochsen versammelt sich aber nicht eine Gruppe besonders nerdiger Sprachwissenschaftler zu Geburt und Saufgelage (dann wäre das Ganze sp halbwegs gerechtfertigt, obschon es in ein anderes Buch gehörte), sondern das derbe Dubliner Bürgertum, und auch wenn Bloom und Stephen so etwas wie Intellektuelle sind, sind beide a) im Moment selbst viel zu zerfahren und b) zu sehr an den Rand gedrängt, dass man behaupten könnte, diese Systematisierung der Geburt als Weg einer Nation durch ihre Sprachen könnte auch nur annähernd ihrem Kopf entspringen. Nein: Hier geschieht in Ulysses, was man diesem Roman sonst so gerne unberechtigter Weise vorwirft und was leider die schlechteren Romane in dessen Nachfolge von ihm abgeschaut haben: Ein Autor glaubt eine witzige Idee zu haben, die nun unbedingt ausgewalzt werden muss. Mit wenig Respekt vor dem, was der Gegenstand eigentlich gebietet. Zusätzlich geschieht in den Ochsen wirklich nicht viel, was weiter von Bedeutung wäre. Das Kind ist recht irrelevant und die meisten Figuren verlieren sich im Kirke-Kapitel schon wieder in der Nacht. Und auch der Bruch selbst ist zu harrsch. Bis vor den Ochsen konnte jeder neue Stil als Weiterentwicklung und Variation von Vorangegegangenem erfahren werden. Die Ochsen lesen sich wie der Anlauf zu einem komplett neuen Buch, ohne dass das Geschehen das irgendwie rechtfertigen würde.

Insgesamt findet Ulysses danach nicht mehr zu alter Form zurück. Warum Kirke als Drama geschrieben ist, ist ähnlich wenig einsichtig wie die Sprachexperimente der Ochsen. Allerdings: Im freien Hörspiel-Arrangement (ungekürzt) entfaltet Kirke sich dennoch als wundervolle Kakophonie, die den Sirenen in wenig nachsteht. Dann aber geht es endgültig abwärts. Emeaus ist eine ordentliche Zusammenführung von Bloom und Dedalus, die sprachliche Reduziertheit mag man noch der fortschreitenden Nacht und der Müdigkeit der Protagonisten zuschreiben. Das Kapitel funktioniert ganz gut, begeistert aber nicht mehr. Der Ithaka-Kathechismus wirkt ähnlich gezwungen wie die Ochsen, liest sich aber zum Glück einfacher. Der berühmte Molly-Monolog ist große Stream-of-Cociousness-Routine, aber doch auch ein wenig monoton, da Joyce nun keine Außenwelt mehr hat, mit der er Gedankenströme engführen oder konterkarieren könnte. Außerdem fällt dem Kapitel die undankbare Aufgabe zu, auf wiederum gut 60 Seiten praktisch das komplette Gegengewicht zu den restlichen 850 Seiten Bloom/Dedalus setzen zu müssen. Entsprechend wirkt dieser Schluss ein wenig gezwungen. Aber letztlich haben die Ochsen Ulysses zur Strecke gebracht. Nach diesem Horror von einem Kapitel noch einmal große Kunst abliefern zu wollen, das ist wie der Skiflieger, der auf dem Backen schon runter kommt und noch einmal abspringt. Ein paar Meter werden noch drin sein und das ganze nötigt Respekt ab, immerhin versucht er es. Aber ein gelungenes Ganzes kommt nicht dabei raus.

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