Wirklich atonal oder einfach nur nicht westlich-harmonisch? Über einen ständigen Kampf mit konservativen Musikfreunden.

Ich glaube kaum ein Begriff ist in der laienhaften Musik-Kritik so schlecht definiert, wie der der „Atonalität“. Wenn mir, bzw. den Musikern Anthony Braxton und György Szabados, eine heute sehr gutbürgerliche Ruhrpott-Koryphäe der 68er etwa vorwirft, es handele sich bei Szabraxtondos um „atonales Gewichse“, glaube ich kaum, dass die Person genau sagen könnte, was sie mit „atonal“ eigentlich meint. Nach einem heute verbreiteten Verständnis des Begriffs – „ohne tonales Zentrum“ – etwa, läge mein Gegner einfach nur falsch. Alle vier bzw. fünf Kompositionen des Albums haben ein tonales Zentrum, wie überhaupt die meisten Werke des Free Jazz (vgl. Jost, Freejazz). Wieviel Gewichse möglicherweise involviert war – keine Ahnung, mir liegen keine Bildaufnahmen vor.
Ähnlich wie zum ebenfalls meist vor allem panegyrisch oder diffamatorisch verwandten Begriff des „Free Jazz“ im Folgenden also einige Überlegungen, welches Verhältnis Musik zu Tonalität haben kann, bzw. was in unterschiedlichen Perspektiven Tonalität heißen könnte.

1) Das strenge System der Dur- und Molltonalität.

Das wäre eine nahe liegende Definition, die jenes System zu Grunde legt, das die meisten als atonal empfundenen Kompositionen späterer Zeit, ob Bartok oder 12-Ton-Musik, sprengen wollten. Tonal wäre dann, was den Regeln der entfalteten Dur- und Molltonalität entspricht. Dazu gehört dann aber eben nicht nur ein Grundton (und wirklich nur einer), sondern auch noch ein ganzes Kompendium an Regeln, wie man von einer Tonart in eine andere moduliert, welche Akkorde „erlaubt“ sind und welche nicht, usw. usf. Das Problem ist offensichtlich: Auch wenn der Referenzrahmen halbwegs von der frühen Klassik bis in die mittlere Romantik gelten dürfte, wären alle Musik vor Haydn, sowie auch schon wieder einige Werke des mittleren Beethovens „atonal“. Ganz zu schweigen von manchen Volkliedern und moderner Popmusik. Und der Großteil der internationalen traditionellen und modernen Musiken, die andere Tonsysteme kennen.

2) Alle ausgearbeiteten Systeme, nach denen sich Töne aufeinander beziehen

Das klingt schon deutlich besser, hat aber den Nebeneffekt, dass nun ausgerechnet die doch bewusst atonal intendierte 12-Ton-Musik als tonal definiert wäre.

3) Alles, was ein deutlich erkennbares tonales Zentrum hat, also einen Grundton, egal ob sonst auf die Regeln der klassischen Tonalität geachtet wird.

Das ist wahrscheinlich eine relativ hilfreiche Definition, die das meiste einschließt, was als tonal empfunden wird. Gibt es einen Grundton, nach dem in der Regel aufgelöst wird? Hier inbegriffen sind dann allerdings auch Werke wie Colemans Freejazz oder Braxtons/Szabados‘ Szabraxtondos. Und herausfallen könnten je nach Blickweise solch eingängige Titel wie das zwischen C-Dur und A-Moll schwankende „Hallelujah“ von Leonard Cohen.

3.b) Alles, was eines oder mehrere tonale Zentren hat, also sowohl polytonale Titel, die die Tonart mehrfach wechseln, ohne dass eine als für das Stück dominant auszumachen wäre, wie auch solche, die in mehreren Tonarten parallel notiert sind, etwa The unanswered Question von Charles Ives.

3b) ist wahrscheinlich die am stärksten ausgeweitete Definition von Tonalität, die denkbar ist, und von den hier angebotenen die einzige, die halbwegs all das mit einschließt, was das alltägliche Bauchgefühl meist als tonale Musik verteidigen würde. Allerdings ist, wer Tonalität so definiert, eben gezwungen, auch fast alles einzuschließen, was das Ressentiment von Kommentatoren wie dem eingangs angeführten gern ausschließen würde. „Atonal“, das wären dann tatsächlich nur noch die ganz wenigen streng nach Schönbergschen Prinzipien oder ähnlichen Systemschöpfungen daraufhin ausgelegten Stücke, bei denen jeder einzelne kompositorische Schritt in erster Linie dazu dient, auch nur den Anschein eines dominanten Tones im Stück zu vermeiden. Nicht mal jede strenge Zwölfton-Komposition könnte noch als atonal begriffen werden. Denkbar wäre etwa das Durcharbeiten der Zwölftonreihe „cdefgahc cisdise-isgisa-is“ nach allen Regeln der Kunst. Momente, die da an Tonfolgen der C-Dur Tonleiter erinnern, mehrere Stimmen, die sich sogar zu Akkorden dieser Tonleiter vereinen, dürften dabei kaum zu verhindern sein.

„Atonal“ heißt für die meisten, die diesen Begriff im Munde führen entweder (seltener) „was mir gefällt“ oder (häufiger) „was ich nicht mag“. Dem scheint besonders häufig eine Verwechslung von Atonalität mit Dissonanz zugrundezulegen. Dabei ist es durchaus möglich, sogar ganz im Rahmen des gesamten Systems der Dur/Mol-Tonalität höchst dissonante Passagen zu komponieren. Oder eben mit zwölf freien Tönen ein recht angenehm eingängiges Stück zu entwickeln, wie es etwa Nahre Sol hier vorführt:

Das wird man kaum dissonant nennen wollen, und die meisten Hörer würden es wohl kaum als 12-Ton-Komposition erkennen.

2 Gedanken zu “Wirklich atonal oder einfach nur nicht westlich-harmonisch? Über einen ständigen Kampf mit konservativen Musikfreunden.

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