Selbstsuchen zwischen Deutschland, Iran und Dubai – „Das Paradies meines Nachbarn“ von Nava Ebrahimi

Das Paradies meines Nachbarn von Nava Ebrahimi beginnt wie eine typische Midlife-Crisis Geschichte. Sina, väterlicherseits iranischer Abstammung, doch nach eigenem Bekunden so deutsch, dass er das Gefühl habe, Mitmenschen zu enttäuschen, die ihn über den Iran ausfragen, entwirft Designs für eine Werbeagentur. Er bekommt einen neuen Boss, Ali Najjar, der sehr forsch auftritt, die Hälfte der Belegschaft feuert und dabei seine Zeit als Kindersoldat wie ein Werbeschild vor sich her trägt. Trotz anfänglicher Abneigung bauen die beiden eine Bindung auf. Doch Sina möchte eigentlich ein Sabbatjahr beantragen, auch in seiner Beziehung kriselt ist. Parallel montiert sind Erlebnisse eines Dritten Protagonisten, dessen Rolle anfangs unklar bleibt. Ali Reza war auch Kindersoldat und lebt noch in Ghom. Er leidet unter zahlreichen Kriegstraumata und Verletzungen durch Giftgas.

In der Mitte kippt die Erzählung dann. Kurz entschlossen erklärt sich Sina bereit, Ali Najjar nach Dubai zu folgen, wo der einen Brief seiner Mutter in Empfang nehmen möchte. Den Brief übergibt Ali Reza, und die Enthüllungen über die Beziehung der beiden Alis bilden das Herzstück des Romans. Gleichzeitig entwickelt Sina durch diese Reise auch eine noch diffus neue Perspektive auf seine Beziehung zu Hause. Ich will nicht mehr verraten, weil für diesen kurzen Roman die Enthüllungen doch sehr entscheidend sind.

Das Ganze wirkt anfangs recht klassisch modern erzählt, im Stil eines zeitgenössischen Unterhaltungsromans, wobei einige dazwischen geschaltete Passagen von Telefongesprächen und inneren Monologen erst einmal den Figuren zugeordnet sein wollen. Recht ökonomisch wird die Handlung dann zu ihrem Umschlagspunkt geführt. Sprachlich wirklich herausragende Momente finden sich nicht, der Text ist sehr auf die Handlung und überraschende Wendungen fixiert. Lesenswert in jedem Fall, aber kein absolutes Meisterwerk.

Bild: Pixa, gemeinfrei

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