Verschiedene Hegeleien. VII – Die Kindliche Kaiserin in „Die Unendliche Geschichte“

Mal ganz abgesehen von allem, was man an der unendlichen Geschichte ideologisch tatsächlich kritisieren kann: Ich laß in der Vergangenheit öfter, in der Kindlichen Kaiserin werde quasi ein unschuldiges Bild einer deutschen Führersehnsucht verkörperlicht. Auf so einen Unfug kann man eigentlich nur kommen, wer sich kaum mit Theologie und noch weniger mit Philosophie beschäftigt hat oder all das verdrängt. Die Kindliche Kaiserin ist eine mehr oder minder kreative Variationen eines eigentlich christlichen Gottesbildes. Pantheistisch insofern, als dass sie in allem ist, Deistisch insofern, als dass sie sich verkörpern muss. Man könnte sogar sagen: Das ist gut Hegelsch, nur eben auf fantastisch verklärte Weise.

Und dann ist da noch diese spannende Stelle, an der der Alte vom wandernden Berge die Unendliche Geschichte schreibt, die gerade gelesen wird. Literarisch ist das nicht besonders interessant, solche Arten von Zeitschleifen sind Gemeingut und oft eher anstrengende Spielerei. Der Dialog zwischen Kaiserin und Altem entwickelt aber eine weiter Pointe: Der Geschichte drohe, wenn man nun so weiter mache, sagt der Alte, der Eintritt in die „ewige Wiederkunft“. Das ist eindeutig Nietzsche entlehnt und für Fantasien anscheinend eine schreckliche Vorstellung. Erst ab diesem Moment, und anscheinend nicht zwingend vorher, braucht es Bastian tatsächlich als Retter. Die Alternative zuvor war Rettung oder Vernichtung, wobei Vernichtung sicherlich nicht sehr wünschenswert ist, aber anscheinend doch einer ewigen Wiederkunft ohne Aussicht auf Rettung vorzuziehen. Die Kindliche Kaiserin, wie gesagt eine quasi-christliche Gottes Figur, entscheidet sich für den Weg der Wiederkunft mit der Hoffnung auf Rettung, die nun zwingend eintreten muss, sonst wäre das Schlimmste geschehen. Das ist eine gewitzte Engführung zweier scheinbarer Antipoden, Nietzsches und der christlichen Erlösungstheologie. Der Plan der Kaiserin verkörpert sich in Bastian, der durch diese Verkörperung sozusagen die lineare Zeit zurück nach Fantasien bringt, den Weltlauf, die Geschichte, und damit der „Weltseele“ die Möglichkeit wieder eröffnet, durch zahlreiche Permutationen zu sich selbst zu kommen. Auch das ist, wie wir wissen, eine Wiederkunft, denn Bastian war nicht das erste Menschenkind und wird nicht das letzte sein. Aber: Es ist eben kein Kreislauf, sondern eine Art Spiralbewegung in der sich das immer wieder Neue um das Ewiggleiche herum fortschraubt. Ja, da ist, wie in allem Denken, das eine ganze Welt (geistig, nachvollziehend) entwickeln und erlösen möchte ein gutes Stück Hegelei mit drin, ob das Ende nun gewollt hat oder nicht. Und natürlich auch die berühmte „Aufhebung“ im bekannten dreifachen Sinne, denn anders als es das Christentum und auch Hegel wollen, ist da kein allerletztes Telos, eher ein dunkler Grund, wie es Meister Eckhart beschreiben würde, das unnahbare göttliche, aus dem all die herrlichen, doch auch die schrecklichen, Emanationen sprießen. Das alte Phantasien wird negiert, dabei dennoch bewahrt und höher gehoben, ohne dass aber ein Telos des Ganzen bekannt würde.

Zugegeben, in all dem stört diese kitschige Erotisierung das Verhältnis Bastians zur kindlichen Kaiserin. Doch auch das ist halb so schlimm, weil hier eben nicht Jesus auf seinen Vater scharf ist, sondern gewissermaßen die Weltseele, die Kaiserin, von Bastian, der dem Logos zuzuordnen ist, begehrt wird. Ein leider von Ende nicht gerade souverän ausgemaltes Gleichnis zum Verhältnis von Natur, Ratio und Einbildungskraft.

Bild: Pixa, gemeinfrei

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