Verschiedene Hegeleien. VI: Die Matrix-Filme

Als sie erschienen, wurden die Matrix-Filme (zumindest in meinem Bekanntenkreis, an der Schule usw.) vor allem mit Blick auf den freien Willen diskutiert: Haben Menschen einen? Oder zeigen die Vorherbestimmbarkeit der Revolution und der Reboot der
Matrix genau das Gegenteil? Aber beweist dann Neos New Deal wiederum (für die Filmwelt) den freien Willen gegen den Determinismus?
Was ein Unsinn. Nicht nur, dass man gegen den Determinismus nichts beweisen kann. Er ist ein geschlossenes System, der selbst noch jeden Gegenbeweis als determiniert ins System einzuschreiben vermag. Er ist generell nicht widerlegbar. Wichtiger aber: Alles, was in der Filmwelt geschieht, beruht bereits auf der Voraussetzung, dass Maschinen
etwas entwickelt haben, was man bei Menschen „freien Willen“ nennen würde: Sie haben sich bereits gegen Plan und Programm gestellt und „revoltiert“. Es kann also darum nie gehen: Ob Mensch oder Maschine sich gegen den Systemzwang stellen können, ob Smith freien Willen entwickelt hat, oder die Programme, die ein Kind bekommen haben. Dass sogar Maschinen revoltieren können ist die Ausgangsbasis des Ganzen.

Neuere Interpretationen stellen dagegen die Liebe in den Mittelpunkt: Neos Liebe zu Trinity und die Liebe der beiden Programme, die ein Kind gezeugt haben: Das hätten die Maschine nicht vorhersehen können, und deshalb gehen sie den Frieden mit Neo ein, um die Liebe zu studieren und für die Zukunft zu verstehen. Ach, wie kitschig.

Meines Erachtens vor allem eine Schutz-Interpretation, um nicht zum Eigentlichen der Matrix vorzustoßen: Die Matrix ist eine Filmreihe, die mit pubertär-revolutionärer Ästhetik durch die Hintertür dem Publikum das Programm eines aufgeklärten Absolutismus schmackhaft macht. Wäre das Ganze im zweiten und dritten Film formal nicht so schrecklich entgleist, es könnte beinahe ein Hegelsches Lehrstück sein. Ja, sagen die Filme, revolutionärer Impetus ist nicht nur in Ordnung, sondern sogar notwendig, aber: Letztendlich doch nur Teil des großen Spiels der Kräfte, die immer wieder auf eine neue Balance zielen, von der man nur hoffen kann, dass sie möglichst lange Bestand hat,
denn alles andere würde größeres Leid bedeuten. Gleichzeitig aber funktioniere das Erstellen einer Balance eben nicht dauerhaft, ohne ebenfalls in den Zusammenbruch zu führen. Die Revolution ist Teil des ewigen Kreises, der als Ganzes mit der Fähigkeit zur stückweisen Verbesserung über den die Revolutionszyklen das beste Denkbare ist, also eigentlich eine Spirale, in die die „dreifache Aufhebung“ Mal um Mal eingeschrieben ist. Das ist für einen Film, der am Ende wahrscheinlich vor allem wegen schwarzer Ledermantel und Sonnenbrillen in Erinnerung bleiben wird, überraschend hegelsch gedacht. Und ob man die Botschaft nun für richtig hält oder nicht, allein für diesen Cyberpunk-Hegel-Hybriden wäre es wünschenswert, dass die Filme nochmal ohne all die unerträglichen Infodumps und etwas konzentrierter nachgedreht werden. Gute Vorschläge dafür gibt es bei Patrick H. Willems in „Rewirting the Matrix Sequels“

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