Verschiedene Hegeleien. V: „Zur Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“

Während es zur Phänomenologie des Geistes mehrere, und sogar mehrere relativ empfehlenswerte, Einführungen gibt, wird das mit allen anderen Werken Hegels deutlich schwieriger. Ich weiß, viele stellen sich auf den Standpunkt, man solle einfach die Originale lesen und fertig. Und natürlich sollte man die lesen. Doch beobachtet man nicht selten, wie aus der reinen, nicht gegengecheckten Beschäftigung mit den Originalen entweder eine heftige Orthodoxie entsteht, die das Wort hochhält wie die Bibel (wobei sich zwei Orthodoxien dabei durchaus in praktisch allen entscheidenden Dingen widersprechen können) oder das bekannte Anverwandeln, das dem „klassischen“ Hegel schon die eigenen, sei es marxistischen, sei es psychologisierenden Anerkennungstheorien, unterschiebt. Viele andere Leser werden dagegen einfach von Anfang an abgeschreckt. Hegel ist tasächlich einer der wenigen Philosophen, denen man mit etwas Recht vorwerfen könnte, schwieriger als aufgrund der Gedanken unbedingt nötig zu formulieren. Es kann nicht schaden, nein, es ist hilfreich, immer wieder mal zu schauen, was andere über Hegel gesagt und gedacht haben. Und sind wir ehrlich: Selbst nach mehrmaliger Lektüre behält man nach ein zwei, drei lektürelosen Jahren doch wieder nur Grundzüge im Kopf und bastelt sich seinen eigenen Hegel.

Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften ist daher auch ein relativ unverzichtbares Buch. In der Enzyklopädie behauptet Hegel sein System von Anfang bis Ende plausibel darzustellen, ohne das Ringen der Errichtung, das noch im Zentrum der Phänomenologie stand (und deren Unklarheiten gewissermaßen rechtfertigt – sie sind Feature, indem man tatsäch Gedanken beim sich entfalten zuzusehen glaubt). Hegel behauptet jetzt, von der Perspektive des Absoluten Geistes zu schreiben. Darüber streiten, ob das Erringen dieser Perspektive innerhalb des Hegelschen Denkens oder ansonsten überhaupt möglich sein sollte/kann, darf man an anderer Stelle.

Ich halte das Ringende der Phänomenologie wie gesagt für ihre beste Eigenschaft, die auch quasi durch die Form thematisiert, dass die Hegelei nicht außerhalb der Welt steht und, will man das Allgemeine wirklich durch das sich immer wieder transformierende Besondere begreifen, auch nicht stehen können sollte. So finden alle Verkürzungen, alle Vereinfachungen, die die Phänomenologie macht, indem sie sich auf wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Weltbilder des frühen 19 Jahrhunderts stützt, obwohl Hegel wirklich nicht zu den Selbst-Kritikern gehört, in der Phänologie quasi eine inhärente formale Selbstkritik. Das geschieht in der Enzyklopädie nicht mehr. Wo zur Illustration eines Gedanken überholte Elemente-Lehren, biologische Anschauungen oder Theorien vom „Volksgeist“ herangezogen werden, stehen sie dort unverrückbar und im Brustton der Überzeugung und sollten auch dem hegelfreundlichen kritischen Leser durchaus zu denken geben, ob man heutzutage so eins zu eins weiterhegeln kann. Auch ob die Enzyklopädie, wie einige meinen, tatsächlich die verständlichste Gesamtdarstellung des Systems ist, darf man meines Erachtens bezweifeln. Vieles wirkt sprunghaft aneinandergereiht, weniger auseinander entwickelt, als in der Phänomenologie. Weiterhin hat Hegel die Eigenschaft, seine Argumente gern als Kritik früherer philosophische Positionen aufzubauen, ohne diese explizit zu nennen, was bedeutet, dass man zum tatsächlichen Verständnis ein breites Wissen auch heute obskurer Denker aus Hegels Zeit mitbringen sollte. Hume, Kant, Descartes, und ein paar alte Griechen, streng genommen reicht das nicht.

Der Suhrkamp-Kommentar trägt alldem Rechnung und findet in Essays verschiedener Autorinnen und Autoren insgesamt einem guten Weg, die Enzyklopädie zu erschließen. Das reicht von reinen Bestimmungen zentraler Begriffe (was ist eigentlich, das „Wirkliche“, das „vernünftig“ sein soll, und was heißt das, „vernünftig“ und so weiter) bis hin zu Texten, die eher eine historisch-kritische Einordnung versuchen. Manches ist gelungener als anderes, und manchmal mag man sich wünschen, das ganze Buch wäre von diesem oder jenen Autoren verfasst worden, da die Viel-Autorenschaft natürlich auch dazu führt, dass eine besonders überzeugende Herangehensweise an einen bestimmten Abschnitt der Enzyklopädie dann zu einem nächsten nicht weitergeführt wird. Aber zumindest nach meinem derzeitigen Kenntnisstand gibt es kein ohne weiteres zugängliches besseres Werk, und dieses ist schon im Großen und Ganzen ein ziemlich gutes.

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