Einfach zu platt: „Das Mädchen, das den Mond trank“

Die Beschreibung von Das Mädchen, das den Mond trank klingt nach einem wirklich schönen Kinderbuch. Das Titelbild ist natürlich auch toll. Und auch die ersten Kapitel überzeugen noch. Da erzählt wechselnd eine Mutter ihrem Kind über die böse Hexe, die im Dorf Kinder holt, und parallel wird die Geschichte dieses Dorfes erzählt. Einmal im Jahr wird ein Kind als Opfer für die Hexe im Sumpf platziert, damit die Hexe das Dorf weiter schützt
Aber gibt es wirklich eine Hexe? Warum will der Rat, der das Opfer-Kind auf die Lichtung bringt, nicht auf die Hexe warten, wie das jüngste Mitglied vorschlägt? Und wenn es eine Hexe gibt, ist die dann wirklich böse?
Ach, das könnte eine spannende Geschichte werden. Durchaus kindgerecht, wenn man es richtig aufbereitet, jedoch nicht platt und dabei schön erzählt.
Doch leider: Die Erzählerstimme beantwortet die Frage des jüngsten Ratsmitglieds sogleich aus dem Off:

“Denn sie alle wussten, dass es keine Hexe gab. Es hatte nie eine gegeben. Alles, was es gab, war ein gefährlicher Wald mit einem einzigen Weg hindurch und ein Mindestmaß an Kontrolle über das bequeme Leben, das die Ratsherren sich vor vielen Generationen eingerichtet hatten. Die Hexe – beziehungsweise der Glaube an sie – bescherte ihnen ein verängstigtes und damit unterwürfiges Volk, ein fügsames Volk, das sein trübseliges Dasein unter einer Wolke aus Trauer fristete (…)”

Also eine klassische Priesterbetrugs-Geschichte. Die Bösen sind so richtig böse. Dass nicht nur das einfache Volk sondern auch die Herrschaft an das Übernatürliche tatsächlich glaubt, man mag es den jungen LeserInnen nicht zumuten (nebenbei: das ist auch eine der großen Schwächen von Peter Weiss Ästhetik des Widerstands. Auch Erwachsene werden nicht immer ernster genommen).

Aber immerhin: Dass es gar keine Hexe gebe, stimmt auch nicht. Denn wenig später taucht doch eine Hexe auf und nimmt das Kind zu sich. Es ist aber eine unerträglich gute Hexe, und sie macht das jedes Jahr, und bringt die Kinder dann immer in die nahen glücklichen Städte hinter Sumpf und Wald. Okay. Da auch diese Frage beantwortet ist, könnte das Buch jetzt enden.

Aaaaaaber: Aus Versehen „magifiziert“ die Hexe das Kind, das sie Luna genannt hat, und ab da stehen platte komödiantische Einlagen im Mittelpunkt, ein Springen von Effekt zu Effekt, während über Magie im typischen Jargon der verwalteten Welt geschrieben wird:

“Als Luna fünf Jahre alt wurde, hatte sich ihre Magie bereits fünffach verdoppelt, doch die Kraft trat noch immer nicht an die Oberfläche, sondern durchtränkte Knochen und Muskeln und verquickte sich mit dem Blut des Mädchens.”

Echt jetzt? Zum sich Entfalten von Magie fallen der Autorin keine besseren Bilder ein als Verdoppelungsraten? Wir reden hier doch nicht von Virenkulturen [nochmal nebenbei: Die Rezension wurde „vor Corona“ geschrieben]. In der Folge zieht sich das Buch leider wie Gummi. Die Welt ist zusammenhangslos, die Figuren bleiben schematisch, alles ist zu sehr auf den nächsten Witz oder die nächste Wendung hin gestrickt.

An solchen Kinderbüchern merke ich immer wieder, wie gut Harry Potter tatsächlich war; indem es seine jungen Leserinnen und Leser ernst nahm, und ihnen eine reichhaltige und für ein Kinderbuch durchaus vielfältig schattierte Welt schenkte. Auch wenn viele auf Harry Potter herumhacken – es kommen doch nur wenige neuere Kinderbücher da heran. Wenn überhaupt.

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