Verschiedene Hegeleien. IV: Meister Eckhart.

Meister Eckhart wird gerne als „Mystiker“ bezeichnet. Innenschau, Meditation, Ekstase, der ganze Kram, den man mit diesem schillernden Wort verbindet, schwingen sogleich mit. Man nimmt ihn auch gern als frühen Protestanten, der das ganz persönliche Verhältnis zu Gott gepredigt habe.

Wenig könnte falscher sein, wie Kurt Flasch in seiner Monographie Meister Eckhart nachvollziehbar aufzeigt. Ja, es gibt einige Stellen der Eckhartschen Theologie, die man ohne tieferes theologisch-philosophisches Verständnis in diesem Sinne für mystisch halten könnte. So predigte Eckhart, dass zwischen Gott und die Welt kein Blatt gehe. Gott erschaffe sich recht eigentlich erst mit der Welt, von der Zeit davor sei nicht zu reden, denn Zeit ohne Welt, das gehe nicht (das ist nebenbei recht gut nach dem Bild der modernen Physik gedacht). Eckhart predigte, dass die Seele nicht erschaffen sei, also der Existenz Gottes nachgeordnet, sondern sozusagen direkter Ausfluss der Gottheit. Und entsprechend predigte er auch die Gottessohnschaft eines jeden Menschen, nicht als Metapher, sondern als notwendige Folge dieses Ausflusses.

All das aber, zeigt Flasch, suchte Eckhart zu beweisen, indem er auf höchstem Niveau der aristotelisch-platonischen-thomistischen Tradition der Philosophie folgte und aus dieser heraus auf neue Gedanken drängte. Sein Gott-Mensch-Welt-Gebilde ist ein äußerst vermitteltes, an dem Hegel nicht zufällig ein schon recht gutes Vorbild für das eigene Denken zu finden glaubte. Von einem spontanen ekstatischen Gottes-Erkennen ist da wenig, vielmehr wird selbst in den fürs einfache Volk gedachten Predigten ein tiefes Reflektieren auf die Verhältnisse von Sinnesorganen und Gesehenem, Denkorgan bzw. einzelnem Geist und Gedachtem und so weiter verlangt. Auch ganz praktisch predigte Eckhart, wie Flasch anhand der Überlegungen zu Martha und Maria zeigt, die Hinwendung zur Welt. Eckhart ist nicht die still sinnende Maria die Heiligere, sondern Martha, die das Leben gelebt und die Welt gesehen hat und so viel mehr Erfahrung mitbringt. Ihren Weg durch die Welt muss Maria erst noch gehen, um in ein vernünftiges Verhältnis zu Gott zu treten.

Meister Eckhart ist ein mit viel Gewinn zu lesendes Buch, das auch untersucht, wie das Bild des „deutschen Mystikers“ immer wieder aufgerichtet wurde, auch als die Quellen längst den feinsinnigen Philosophen enthüllt hatten, wobei der Nationalsozialismus noch einmal eine besondere Rolle in der „Verdeutschung“ Eckharts spielte. Auch dem vulgäratheistischen Furor gegen die alles verbietende, alles unterdrückende Kirche mag das Buch entgegenwirken. Eckhard durfte bis ins hohe Alter lehren, und auch dass er Ungewöhnliches lehrte, war nicht zuvorderst Grund seines späten Prozesses. Einige seiner Ideen, so nachvollziehbar sie sein mögen, mussten aber schließlich in unverbrüchlichen Konflikt mit der Kirche führen. Etwa die Konsequenz seines Systems, dass Gott nicht frei sei zur Schöpfung, dass die Schöpfung Gott genauso binde wie er sie. Die Schöpfung ist Notwendigkeit im Plan Gottes, was man auch als Plan für Gott verstehen könnte. Im Notwendigen aber gibt es keine Freiheit. Wunder und ähnliches haben in diesem Bild des Ganzen als spontane Ausbrüche keinen Platz mehr. Und dann verstieg sich Eckhart auch noch zu Aussagen wie der, dass der, der ein gutes Leben führe, damit gewissermaßen Macht über Gott habe (weil der eben nicht willkürlich bestimmen kann, wer Erlösung findet). Wer nicht vollkommen historisch unsensibel ist, darf sich über das päpstliche Urteil letztendlich wirklich nicht wundern.

Eckhart ist mit Meister Echkart auch als Denker zu entdecken, mit dem sich beschäftigen sollte, wen besonders das Verhältnis des späteren Hegels zum Christentum interessiert, mir scheint, beide, die ja orthodox christlich philosophieren wollten, bzw. vielleicht sogar ein geschlossenes philosophisches System aufrichten, das in absoluter Übereinstimmung mit dem christlichen Denken existieren können sollte, stießen auf die gleichen Probleme. Zu Eckhart aber gibt es eine eindeutige Aussage, wie christlich eine solche Proto-Hegelei tatsächlich genommen werden kann. Zumindest vor der Reformation. Hegel hatte, als katholischster aller Protestanten, dann das Problem nicht mehr, dass ihn jemand exkommunizieren könnte. Aber wäre die Kirche noch etwas stärker gewesen und hätte Hegel seine Philosophie als katholisch präsentiert, es hätte ihm wohl nicht erspart werden können. Dass als weiterer kleiner Baustein zu der im letzten Teil der Hegel-Serie angerissenen Frage, ob Hegel ohne Gott möglich sei.

Bild: Wiki, gemeinfrei

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