Mittelmäßiger Nachfolger nach Schema: „Gangsterswing in New York“

Höllenjazz in New Orleans war trotz des dümmlichen Titels einer der besseren Romane der vergangenen Jahre. Eine glaubhafte verwickelte Krimigeschichte, deren drei Stränge zudem durch alle Schichten einer brodelnden Großstadt führten. Der junge Louis Armstrong in einer zwar gewöhnungsbedürftigen, aber doch akzeptablen Watson-Rolle, und Jazz nicht als Akzidenz, sondern aufs Tiefste, wenn auch nicht mit der Struktur, dann doch zumindest mit der Handlung des Romans verwebt.
Der Nachfolger Todesblues in Chicago ist an mir vorüber gegangen, doch den dritten Teil der Reihe, Gangsterswing in New York habe ich mir bei netgalley bestellt. Immerhin, der Titel ist noch ein Stück dümmlicher als der des ersten Bands, da sollte der Roman doch noch besser sein?

Nein, leider nicht. Ich sage es gleich voraus: Wer einen guten Krimi sucht wird sich nicht langweilen. Privatermittler Michael Talbot aus dem ersten Teil erbittet die Hilfe seiner Partnerin Ida, die wir ebenfalls in Höllenjazz kennengelernt haben. Denn Michaels Sohn ist eines Mordes angeklagt, von dem Michael nicht glaubt, dass der ihnen begangen haben könnte. Parallel ermittelt ein Gangster, der eigentlich die Mafia verlassen möchte, nach dem Verbleib von zwei Millionen Dollar. Er hat zehn Tage, denn dann muss sein waghalsiger Mafia-Ausstiegsplan durchgeführt werden oder die Chance ist auf lange Zeit vergeben. Auch Louis Armstrong hat, an jenem Punkt seiner Karriere, da der New Orleans Jazz lange tot ist, die Versuche mit Bigbands gescheitert sind und Bebop das neue heiße Ding ist, eine kleine Nebenrolle als Hinweisgeber. All das ist kurzweilige Krimi-Unterhaltung, aber leider kein Vergleich zu Höllenjazz.

Das stellte, mal dahin gestellt, ob die Darstellung nun realistisch war, New Orleans als einen wilden lebendigen Kosmos vor aus einfachen Menschen, korrupten Politikern, an den Rande der Gesellschaft gedrängten Schwarzen und den creolischen Bewohnern des Bayu, zusammengehalten von einer Musik, zu der jeder irgendeiner Art von Verhältnis haben musste. Der Plot war geschickt so angelegt, dass er den Leser durch alle nur denkbaren Facetten dieses fiktiven New Orleans führte, natürlich mit starkem Fokus auf dem Finsteren und Abseitigen. Dieses New Orleans wirkte fast wie ein lebendiger Organismus. Das New York aus Gangsterswing ist dagegen vor allem Kulisse. Wieder gibt sich Ray Celestin Mühe, uns möglichst viel von der Stadt zu zeigen, doch ein Zusammenwachsen zum Ganzen stellt sich nicht ein.
Und auch die Musik kommt nur hier und davor. Zwar fokussieren sich die Ermittlungen auf einen abgestürzten Musiker, aber im Ganzen scheint das Musikalische der Handlung peripher. Man befindet sich manchmal in Jazzkneipen, und in einer bemerkenswerten Passage beschreibt Ida, wie nach dem ersten Schock Bebop sie mehr an den klassischen New Orleans Jazz erinnert als die beginnenden New Orleans Revivals, denn jener sei, wie dieser damals, neue Musik, eine Reaktion, eine Verarbeitung dringlicher Entwicklungen der Zeit. Das andere dagegen ist plattes re-enactment. Eine Haltung, wie man sie so vielen Kunstfreunden wünscht, die irgendwann in einer Periode stecken bleiben und alles Folgende verwerfen. Aber im Großen und Ganzen wirkt Jazz in diesem Roman wie eine Zugabe, die Auftritte unter anderem Sinatra’s und Charlie Parkers wie Cameos, und der Roman dadurch wie etwas, das so nie geplant war, dann aber geschrieben wurde, weil der Auftakt der Reihe (und ich schätze auch der direkte Nachfolger) sich so gut verkauften.

Wer also einen ordentlichen Krimi mit überdurchschnittlicher sprachlich-atmosphärischer Gestaltung sucht, dürfte bei Gangsterswing gerade noch fündig werden. Wer etwas sucht, das auf gleichem Niveau an den Auftakt der Reihe anschließt, wird woanders weiter suchen müssen.

Bild: Pixa, gemeinfrei

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