„Beethoven bewegt“ – Ein Ausstellungskatalog als Sololektüre?

Mit Beethoven bewegt ‌habe‌ ‌ich‌ ‌die‌ ‌schwierige‌ ‌Aufgabe,‌ ‌ein‌ ‌Buch‌ ‌zu‌ ‌besprechen,‌ ‌das‌ ‌zugleich‌ Ausstellungskatalog‌ ‌zu‌ ‌einer‌ ‌Ausstellung‌ ‌ist,‌ ‌die‌ ‌ich‌ ‌nicht‌ ‌gesehen‌ ‌habe.‌ ‌Allerdings:‌ ‌Kein‌ ‌klassischer‌ ‌Ausstellungskatalog,‌ ‌der‌ ‌die‌ ‌Ausstellung‌ ‌nacherzählt,‌ ‌sondern‌ ‌ein‌ ‌Bildband,‌ ‌der‌ ‌auch‌ ‌sehr‌ ‌ausführlich‌ ‌in‌ ‌Text‌en ‌viele‌ ‌Facetten‌ ‌des‌ ‌Werkes‌ ‌und‌ ‌der‌ ‌Verbindungen‌ ‌Beethovens‌ ‌beleuchtet,‌ ‌die‌ ‌wiederum‌ ‌in‌ ‌loser‌ ‌Verbindung‌ ‌zu‌ ‌Ausstellungs‌gegenständen‌ ‌stehen.‌ ‌

Da‌ ‌findet‌ ‌sich‌ ‌viel‌ ‌hochgradig‌ ‌Lesenswertes.‌ ‌Etwa‌ ‌der‌ ‌vergleichende‌ ‌Essay‌ ‌zwischen‌ ‌dem‌ ‌Schaffen‌ ‌Beethovens‌ ‌und‌ ‌Goyas,‌ ‌der‌ ‌sehr‌ ‌deutlich‌ ‌macht,‌ ‌wie‌ ‌ein‌ ‌zeitgemäß‌ ‌arbeitender‌ ‌Künstler‌ ‌die‌ ‌politische‌ ‌und‌ ‌soziale‌ ‌Situation‌ ‌auf‌ ‌sein‌ ‌Werk‌ ‌durchschlagen‌ ‌lassen‌ ‌muss,‌ ‌ohne‌ ‌dabei‌ ‌zu‌ ‌einem‌ ‌dieser‌ ‌langweiligen‌ ‌Prediger‌ ‌zu‌ ‌werden,‌ ‌die‌ ‌man‌ ‌“engagierte‌ ‌Künstler‌“ ‌nennt.‌ ‌‌Oder‌ ‌die‌ ‌Untersuchung‌ ‌der‌ ‌Bildsprache‌ ‌von‌ ‌Beethoven‌-Portraits,‌ ‌von‌ ‌Kindheits‌portraits‌ ‌ausgehend,‌ ‌die‌ ‌gern‌ ‌als‌ ‌Messias‌-Abbildung‌ ‌inszeniert‌ ‌wurden,‌ ‌bis‌ ‌hin‌ ‌zu‌ ‌den‌ ‌bekannten‌ ‌Bildern‌ ‌des‌ ‌abweisend‌ ‌in‌ ‌sich‌ ‌gekehrten‌ ‌Meisters.‌ ‌Ein‌ ‌weiterer‌ ‌Essay ‌etwa‌ ‌untersucht‌ ‌die‌ ‌Veränderungen,‌ ‌denen‌ ‌die‌ ‌Waldstein‌sonate‌ ‌unterworfen‌ ‌war‌ ‌und‌ ‌wie‌ ‌Beethoven,‌ ‌dem‌ ‌nachgesagt‌ ‌wird‌, ‌dass‌ ‌er‌ ‌nicht‌ ‌mal‌ ‌auf‌ ‌die‌ ‌Spielbarkeit‌ ‌seiner‌ ‌Stücke‌ ‌Rücksicht genommen habe, ‌durchaus‌ ‌auch‌ ‌Kritik‌ ‌von‌ ‌außen‌ ‌annahm.‌

‌Ich‌ ‌gebe‌ ‌hier‌ ‌nur‌ ‌Schlaglichter,‌ ‌das‌ ‌Buch‌ ‌enthält‌ ‌wirklich‌ ‌viele‌ ‌lesenswerte‌ ‌Texte.‌ ‌Schwächer‌ ‌ist‌ ‌ausgerechnet‌ ‌die‌ ‌Eröffnung,‌ ‌die‌ ‌sich‌ ‌mit‌ ‌der‌ ‌Ausstellung‌ ‌selbst‌ ‌auseinandersetzt.‌ ‌Hier‌ ‌reden‌ ‌Kuratoren‌ ‌über‌ ‌das,‌ ‌was‌ ‌sie‌ ‌gemacht‌ ‌haben,‌ ‌wo‌ ‌doch‌ ‌einiges‌ ‌an‌ ‌Selbstbeweihräucherung‌ ‌mit‌ ‌einfließt‌ ‌und‌ ‌am‌ ‌Ende‌ ‌an Erkenntnis‌ ‌doch‌ ‌nicht‌ ‌allzu‌ ‌viel‌ ‌gewonnen‌ ‌ist.‌ ‌‌
Das‌ ‌Ausstellungskonzept‌ ‌selbst‌ ‌jedoch‌ ‌scheint‌ ‌mir‌ ‌durchaus‌ ‌eines‌ ‌der‌ ‌besseren‌ ‌im‌ ‌modernen‌ ‌Kunstbetrieb.‌ ‌Weder‌ ‌hat‌ ‌man‌ ‌sich‌ ‌auf‌ ‌eine‌ ‌Ausstellung‌ ‌festgelegt,‌ ‌die‌ ‌mit‌ ‌Bildern‌ ‌das‌ ‌Leben‌ ‌des‌ ‌Künstlers‌ ‌nacherzählt,‌ ‌noch‌ ‌hat‌ ‌man‌ ‌rein‌ ‌nicht‌ssagen‌der ‌moderner ‌Kunst‌,‌ ‌die‌ ‌man‌ ‌praktisch‌ ‌zu‌ ‌allem‌ ‌und‌ ‌nichts‌ ‌montieren‌ ‌kann,‌ ‌das‌ ‌Übergewicht‌ ‌verliehen.‌ ‌Stattdessen‌ ‌eine‌ ‌kluge‌ ‌Selektion‌ ‌aus‌ ‌zu‌ ‌Beethoven‌ ‌zeitgenössischer‌ ‌Kunst‌ ‌und‌ ‌solcher,‌ ‌die‌ ‌thematisch‌ ‌mit‌ ‌dem‌ ‌Werk‌ ‌verbunden‌ ‌werden‌ ‌kann,‌ ‌ob‌ ‌es‌ ‌sich‌ ‌nun‌ ‌um‌ ‌moderne‌ ‌Werke‌ ‌handelt‌ ‌oder‌ ‌solche‌ ‌von‌ ‌Goya‌ ‌oder‌ ‌Turner.‌ ‌Auch‌ ‌das‌ ‌Moderne‌ ‌besteht‌ ‌in‌ ‌mehr‌ ‌als‌ ‌nur‌ ‌zufälligem ‌Bezug‌ ‌zu‌ ‌Beethoven und erarbeitet etwas von dessen Notaten und Klängen aus abstrahierende Formen, die sich erfolgreich dem Trend weiter Teile des Kunstbetriebs zum Schwanken zwischen Beliebigkeit und Aktionismus widersetzen.

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