Ein zu politisch korrekter Roman? Über eine Rezension, die nichts begründet.

Heute möchte ich mal eine Rezension rezensieren. Ich habe das besprochene Buch nicht gelesen. Doch die Besprechung lässt mich ratlos zurück. Sie steuert auf das zentrale Urteil zu: Der Western solle doch bitte nicht politisch korrekt werden, das sei seinem Wesen fremd. Und deshalb sei Herzland von Téa Obreht eher kein gelungenes Buch.

Unter bestimmten Prämissen bzw. begrifflichen Schärfungen könnte ich das unterschreiben: Literatur soll nicht predigen, dafür gibt es die Kirche. Wer eine politische Theorie hat, soll sie aufschreiben und diskutieren, und nicht ein paar Charakteren in den Mund legen und das ganze Romane nennen. Auch ganz pragmatisch erreicht die sogenannte „engagierte Literatur“ für gewöhnlich vor allem die, die sowieso denken wie der/die AutorIn. Also in diesem Sinne: Ja. Literatur muss nicht „politisch korrekt“ sein sondern zuerst ästhetisch gelungen. Das aber heißt natürlich nicht, dass Politik bzw. politische und soziale Fragen in Literatur nicht eingehen können, die Literatur schöpft ihr Material aus der Sprache, und ist damit wohl immer unmittelbarer an weltliche Diskurse geknüpft als andere Künste.
Vor allem aber wundert mich, wie die Rezensionen von Sarah Pines überhaupt zu ihrem Schluss gelangt. Ich finde nichts in der Besprechung, was nahelegt, dass Herzland in irgendeinem relevanten Sinne ein besonders politisch korrektes Buch sei.

Da wird etwa einerseits behauptet:

“Auch Herzland ist das Werk einer Millennial mit all den typischen wichtigen Anliegen: Es geht um die Umwelt, die Tiere darin, das Wetter. Um Lügenpresse, weibliche Selbstermächtigung und Einwanderung.“

So etwas kann man natürlich besser oder schlechter aufziehen, und da könnte durchaus eine anstrengende Prediger-Pampe bei herauskommen. Die Kritikerin aber zeigt sich ungewillt, auszuführen, in welcher Form solche Themen verhandelt werden. Und sagt damit über die literarischen Qualitäten von Herzland also eigentlich gar nichts aus. Desweiteren: “Umwelt, die Tiere darin, das Wetter (…) Lügenpresse, weibliche Selbstermächtigung und Einwanderung.”, das ist in dieser Allgemeinheit etwas, was sich, mit gewissen aber nicht absoluten Einschränkungen bei der weiblichen Selbstermächtigung, durchaus auch über klassische Western sagen ließe. Mag sein, die Attitüde zu den Themen ändert sich, doch das sind zentrale Western-Themen. Und die großen Western waren, aus ihrer Zeit betrachtet, dabei durchaus keine regressiven Werke und spiegelten schon immer gern eher den notwendigen Verfall des gesetzlosen „Frontier“, das einer geregelteren und humaneren Gesellschaft weichen soll.

Ebenfalls stark scheint Pines das mit der politischen Korrektheit an dieser Passage festzumachen:

“Aber niemand schimpft mehr oder flucht, keiner raucht Kette oder sagt Hüa! zum Pferd, und Schießereien kommen so wenig vor wie ranzige Männer, die an von Kugeln durchlöcherten Bartresen Whiskeys kippen.“

Ernsthaft? Was für Western guckst du? Muss es immer der Bodensatz des Genres sein? Ich müsste es noch mal überprüfen, aber im Meisterwerk High Noon wird nach meiner Erinnerung wirklich wenig geflucht. Geschossen wird eigentlich nur zum Ende hin, und nicht viel, und das Hauptthema des gesamten Films ist es, der Gewalt so gut als möglich auszuweichen, und sie wirklich nur, und schweren Herzens, als letztes Mittel zu akzeptieren. Auch weitere Höhepunkte des Western zielen in diese Richtung. Herausragend: The man who shot Liberty Valance, mit dem berühmten Duell, das der ängstliche Protagonist in seiner Spülschürze bestreitet, wobei der Bandit in Wahrheit sogar aus dem Hinterhalt von jemand anderem abgeknallt wird. Western ist, in seinen Höhepunkten, Figurendrama, viel Gespräch, wenig Action. Auch hier könnte man also ebenso gut schließen, dass Herzland an die besten des Genres anschließt.

Ein letztes Indiz, was der Kritikerin aufstoßen könnte:

“(…) die Figuren sind selbstreflektierte Updates all der Rollenklischees, die das Genre bereithält: Lurie der Outlaw, Nora die Pioniersfrau, ein halbattraktiver Sheriff, ein weiser Dorfarzt, eine Verrückte in der Hütte am Dorfrand, ein Saloon-Inhaber.”

Leider wird hier wieder einmal nichts dazu gesagt, wie diese Selbstreflektiertheit der Klischees formal gestaltet wird. Denn die Aufzählung ist wieder einfach die des klassischen Westerns, und dass diese Figuren schon damals nicht einfach als Idealbilder aufgerichtet wurden, sondern für gewöhnlich das Problematische, das ihnen innewohnt, durchaus entfalteten, sollte mittlerweile klar geworden sein. Nun kann das Brechen von Klischees tatsächlich leicht zu erbärmlicher Literatur führen, und viele Texte fallen hier gnadenlos auf die Nase. Und zwar, indem man die Figuren nicht durch ihre Handlungen bricht oder durch innerhalb der Handlungswelt plausible Diskrepanzen zwischen Gefühlen/Gedanken und der Notwendigkeit, bestimmten Rollen zu genügen, sondern indem man praktisch den modernen bauchlinks/liberalen Gesellschaftskritiker in eine Welt verpflanzt, in der dieses Denken, nunja, nicht denkbar sein sollte. Eine Literaturkritik sollte genau solche Schwächen herausarbeiten, im besten Fall findet sie sogar Zitate, die das Herausgearbeitete ansatzweise belegen. Pines Kritik macht überhaupt nichts davon.

Herzland könnte natürlich trotzdem ein anstrengender predigender Roman sein, der für seine Message das Ästhetische schleifen lässt. Es könnte aber genauso gut ein Meisterwerk sein wie ein anderer stiller Western fast ohne Gewalt: Das von mir im vergangenen Jahr besprochen West von Cary Davies.
Was sich aber sagen lässt: Pines Kritik ist eine dchlechte Literaturkritik, der ist nicht gelingt, das eigene Urteil im Ansatz plausibel zu machen. Selbst, sollte Herzland kein gelungener Roman sein, ist es sicherlich das größere Übel, das zu behaupten und nicht begründen zu können.

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