Ordentlicher „Bildungsbürger-stöbert-in-Familiengeschichte“-Roman, mehr nicht. Alma von Le Clezio

Von J.M.G. Le Clézio habe ich bis heute noch keinen Roman gelesen. Die Nobelpreisverleihung war vor der Zeit, da ich begonnen habe, regelmäßig Rezensionen zu verfassen, und entsprechend auch zu versuchen immer rasch ein paar Titel des aktuellen Nobelpreisträgers zu lesen. Mittlerweile habe ich damit übrigens wieder aufgehört, der Preis wird in einer so erratischen Weise verliehen, dass ich kaum Lust habe, den Launen einer schwedischen Jury hinterherzurennen.

Nun hatte aber netgalley den aktuellen Titel Le Clézios, Alma, im Angebot, und da kann man dann ja doch einmal reinschauen. Der Text handelt von einem Wissenschaftler, der nach Mauritius kommt, “um nach Spuren des ausgestorbenen Dodos zu suchen und der stattdessen die Geschichte seiner Familie und seinen eigenen Platz in dieser Geschichte findet.”, wie der Klappentext mitteilt, und ausnahmsweise stimmt dieser Handlungsumriss sogar im Großen und Ganzen. Weiter aus dem Klappentext:

“Als Jéremy Felsen [auf Mauritius] ankommt, weiß er nur, dass seine Familie dort jahrhundertelang auf der Plantage Alma erst Tabak, dann Zuckerrohr angebaut hat. Doch all das ist lange her, die Plantage existiert nicht mehr. Die Moderne hat Einzug gehalten, mit Flugverkehr, Touristen, Supermärkten. Zwar findet Jéremy, der zuvor noch nie auf der Insel war, nicht das, was er eigentlich suchen wollte, nämlich Spuren des ausgestorbenen Vogels Dodo, dafür aber gibt es überall Spuren seiner Familie, auf die er in vielen Gesprächen mit Inselbewohnern und bei ausgedehnten Streifzügen stößt. Und es gibt Dominique – genannt Dodo – Felsen, der auf der Insel geboren wurde und der parallel zu Jéremy seine Geschichte erzählt. Eine Geschichte von Krankheit und Kolonialismus, aber auch von Neugier und Lebensfreude.”

Ein bisschen fragwürdig, dass Dominique quasi als Nachgedanke zu Jeremy abgehandelt wird. “Dodo”, letzter Nachfahre der einst mächtigen Familie Felsen, mittlerweile obdachlos und bei der Ankunft Jeremies offiziell verschwunden, ist tatsächlich gleichberechtigter Hauptcharakter in Alma, wechselnd werden die Kapitel aus beiden Perspektiven erzählt. Dabei ist „Dodo“ definitiv die originellere Schöpfung, sein anfangs behütetes Leben wird von einer lange unbenannten Krankheit erschüttert, die sein Gesicht zerfrisst, Dodo derweil lebt heute, wie er selbst sagt “in einer unendlichen Gegenwart”, was auch dazu führt, das seine Erinnerungen durchweg im Präsens erzählt werden und es nicht immer ganz einfach ist die Geschehnisse zeitlich einzuordnen. Allein nachzuvollziehen, wie aus Dominique Dodo wurde, und woran er erkrankt ist, dürfte die meisten Leser bei der Stange halten.

Jeremies Strang dagegen enthält wenig, was man nicht erwarten würde, wenn man bereits ein paar der zahlreichen „Älterer Mann mit ähnlichem Bildungsstand wie der Autor gräbt in seiner Vergangenheit“-Romane gelesen hat und sich ein bisschen mit der französischen Kolonialgeschichte beschäftigt hat. Auch die übergreifende Dodo-Metapher für das Verlorene, für das Unpassende, über das der moderne Weltlauf hinweg schreitet, ist ein bisschen ausgelutscht (selbst Genesis haben darüber ja schon ein Lied geschrieben). Jeremy tritt mit Einwohnern in Kontakt, sucht Plätze seiner Kindheit auf, wird konfrontiert mit den finsteren Seiten der Geschichte der Insel und seiner Familie, besonders natürlich mit deren Verwicklung in die Sklaverei. Und natürlich darf auch ein viel zu junges Mädchen nicht fehlen, auf das sich zeitweise Faszination, Libido und/oder Retterfantasien projizieren.

Im Großen und Ganzen ist Alma ein angenehm zu lesender Roman, der zwar nichts wirklich Neues bietet, seine Themen aber mit einer gewissen schriftstellerischen Souveränität verarbeitet, sodass sich Leser während der etwa dreihundert Seiten nicht langweilen dürften. Es ist aber kein Text, der mich jetzt dazu drängt, unbedingt mehr von Le Clézio lesen zu wollen.

Bild: Wiki, gemeinfrei

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