Die Natur mit der Abstraktion verschmolzen. Santeri Tuoris Bildband Time Is No Longer Round

An Rezensionen zu modernen Bildbänden wage ich mich eher selten. Zu gering die Chance, auf etwas zu stoßen, das zu bleiben verdient, auf etwas, das nicht reines Ornament oder Kommentar zum Zeitgeist ist. Die Bäume und Wolkengebilde von Santeri Tuori haben mich aber sofort fasziniert. Einer meiner Hauptkritikpunkte an einem Großteil der modernen Kunst ist, dass Abstraktion, Spielerei, Spektakel, sich längst verselbstständigt haben zum Selbstzweck, nur noch der Aufmerksamkeit auf einem hart umkämpften Markt dienen und nicht mehr aus einer tiefen Notwendigkeit heraus eingesetzt werden. An der entgegengesetzten Front kämpft man gegen Kunst-Reaktionäre, die nicht bereit sind, zwischen notwendigen formalen Ausbrüchen und solchen um des Spektakels Willen zu unterscheiden und sich die Kunst am liebsten komplett zurück wünschen ins 19. Jahrhundert (oder eine Epoche ihrer Wahl, die „klassische“ Moderne wird von den meisten ja mittlerweile anerkannt).

Santeri Tuori lotet nun mit Time Is No Longer Round, sicher nicht als einer der ersten, aber doch in eindrucksvoller Weise, die Berührungspunkte zwischen Natur, Stilisierung und Abstraktion selbst aus, etwa durch Montagen von Fotografieren von Bäumen gegen einen auf dem Bild weiß werdenden Himmel, durch Wolkenbilder, die fast den Gemäden Turners entsprungen sein könnten und zahlreiche Variationen dieser Motive von sanft-zurückhaltend bis gerade zu überfordernd-labyrinthisch. In manches Astgewirr spielt dabei auch noch die Ästhetik chinesischer oder japanische Tuschemalerei hinein, das Aufladen der Leere mit Bedeutung für das, was sich in Farbe oder schwarz absetzt. Solch ein Bild auf Leinwandgröße hochgezogen, und man könnte stundenlang davor stehen und sich darin verlieren.

Dass Tuori dabei, ohne radikale Verfremdung, eine der andauerndsten Lebensformen auf diesem Planeten und mit den Wolken wahrscheinlich eines der ältesten Naturphänomene in solche Bilder überführt, die man mit Fug und Recht hochmodern nennen kann, macht den besonderen Reiz des Werkes aus. Entfremdung von der Natur durch künstlerische Gestaltung und gleichzeitig einen Schritt in Richtung Versöhnung durch den erhöhten Genuss des Meditativen, den ein reines „abfotografieren“ von Natur kaum so ermöglichen würde (was wieder auch den Blick darauf lenkt, dass natürlich auch die meisten scheinbar naturalistischen Naturfotografien für diesen Effekt aufwendig bearbeitet werden. Einen tiefen Wald z.b. einfach so zu knipsen oder einen bewölkten Himmel, das vermittelt meist noch nicht einmal eine Idee von dem Gefühl, das den überkommt, der die gleiche Szenerie live erlebt hat. Es braucht oft, und nicht nur in den Stilisierungen, viel Künstlichkeit, um einen Ahnung von atemberaubender Naturerfahrung nach Hause zu holen).

Time Is No Longer Round ist eine beeindruckende Sammlung, die allerdings in dem mir vorliegenden Online-Rezensionsexemplar wahrscheinlich nur einen Bruchteil ihrer Kraft entfaltet. Da braucht es schon einen möglichst großformatigen Bildband. Die gebundene Ausgabe hat das Format 24,1 x 31,8 cm , was sicherlich eher eine adäquate Rezeption ermöglicht. Um ehrlich zu sein: Ich würde einige der Werke gern noch deutlich größer sehen.

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