Etwas bemüht parabolisch – Nulluhrzug von Juri Buida

„Ein auf brutale Weise kraftvolles Buch, das von Beckett stammen könnte, aber durchwoben ist von einer grotesken, surrealen Poesie.“, zitiert der Klappentext zu Juri Buidas Nulluhrzug das Magazin Time Out. Ein Vergleich mit Kafka durch Julia Franck wird ebenfalls bemüht.

Ich denke nicht, dass diese beiden Vergleiche gerechtfertigt sind. Die Besonderheit der Texte Kafkas entspringt aus einem Stil, der wiederum, wie ich wiederholt versucht habe zu zeigen, Teil einer Haltung ist, die unter anderem darin besteht, gerade keine Parabel erzählen zu wollen sondern der verwalteten Welt gegenüber zu treten, als sei sie keine, als ginge das noch: Fröhliche Resignation im Sinne Goethes. Das kann man bei Beckett wohl eher nicht behaupten, dafür fällt Beckett unter die Autoren, die ihre Verfremdung durch die konsequenteste nur denkbare sprachliche und formale Gestaltung erzeugen. Traditionalistische Gegner des modernen Theaters weisen das gerne von sich, doch kaum ein Autor gestaltet seine Szenen so konsequent, seine Dialoge so pointiert (und übrigens seine Stücke so streng nach den drei Einheiten), wie Beckett.

Buida dagegen will mit Nulluhrzug offenkundig eine Parabel erzählen, noch dazu eine mit politischer Aufladung, und sein Text wird in erster Linie (zumindest in deutscher Übersetzung) von der Mysteriösität der Ereignisse getragen, weniger von einer paradoxen Weltsicht (wie Kafka) oder von der strangsten Form (wie bei Beckett). Wobei ich gleich hinzufügen muss, dass das kluge Nachwort von Frank die Vergleiche relativiert. Nur in ihrer Absolutheit geben sie vielleicht ein falsches Bild.

Nulluhrzug spielt höchstwahrscheinlich im sibirischen Osten der Sowjetunion, da gibt es ein kleines Dorf, durch das jede Nacht um null Uhr ein geheimnisvoller Zug fährt. Die Dorfbewohner spekulieren über Inhalt und Ziel dieses Zuges, manchmal fliehen Dorfbewohner, eine scheint mit dem Zug davon gefahren zu sein. In einem Moment wird die Idee des Zuges mit der Idee Gottes kurzgeschlossen, und diese Stelle möchte ich zitieren, einfach weil in der Gewalt, mit der dieser Kurzschluss geschieht, vielleicht am besten der himmelweite Unterschied zu Kafka und Beckett deutlich wird:

“»Ich weiß es nicht. Vielleicht hast du recht. Vielleicht ist dort irgendwas. Weiß der Teufel! Aber es kann ebenso gut sein, dass da nichts ist, und trotzdem ist die Linie da – hier, sie existiert, der Nuller fährt, wir leben, und das alles hat einen Sinn, aber welchen, das wissen wir einfach nicht. Genau wie im Leben. Kann das nicht sein?« »Wanja …« Fira war verwirrt. »Du redest ja von Gott. Wanja …« »Von welchem Gott?« Iwan war erstaunt. »So, wie du gerade von der Linie gesprochen hast, so haben die Menschen tausende Jahre von Gott gesprochen. Und bei dir klingt es, als wäre die Linie…“

Ansonsten werden Leben vor sich hin gelebt, und vor allem der Hauptcharakter Iwan (Dom Domino) wird als gewalttätiger Mensch in einem gewalttätigen System vorgestellt. Das Nachwort Franks ist da analytisch sehr klar, und was jemand schon mal klug gedacht hat lässt man am besten so stehen:

“Was auf den ersten Seiten als Spurenlese und Abgesang auf Industrialisierung, Fortschrittsglaube und Sozialismus erscheint, entfaltet sich nach und nach als surrealistisches Gleichnis, die weitgehende Abwesenheit aller Kultur, die Zermürbung des Sozialen schlechthin. Während die Welt um Don Domino auseinanderbricht, ermächtigt sich dieser darin noch als gewaltiger Liebhaber und Mörder, bis er letztlich selbst zum Streckenvorsteher ernannt ist. Von den Erstsiedlern der Station wie auch allen späteren Bewohnern wird er der Einzige sein, der zurückbleibt. Übrig geblieben in einer sinnlosen und nutzlosen Welt.””

Die Szenerie kippt vom anfangs eher realistischen Bild in etwas, das an einen Fiebertraum erinnert, und zum Schluss hin zerfällt das Dorf regelrecht bildlich und Iwan ist allein.

Mag sein, dass das alles seine Signifikanz hat, und uns etwas sagen soll über die Sowjetunion und Diktaturen allgemein, das nicht anderswo schon gesagt wurde. Mich überzeugt es literarisch nicht wirklich. Alles wirkt ein wenig zu sehr auf die Effekte hin ausgerichtet, auf die Leserreaktion “krass, ist das deep”. Wer sich aber selbst ein Bild machen möchte: Es dauert nicht lange. Nulluhrzug hat noch nicht einmal hundert Seiten.

Bild: Pixa, gemeinfrei

Ein Gedanke zu “Etwas bemüht parabolisch – Nulluhrzug von Juri Buida

  1. Mikka Liest sagt:

    Hallo,

    ich muss gestehen: der Klappentext rief in mir die Erwartung hervor, dies sei ganz sicher ein Buch im Stile Kafkas. Aber das Zitat klingt wirklich nicht danach… Der Vergleich, diese Gleichschließung von Zug und Religion, erscheint mir etwas plump.

    LG,
    Mikka

    Gefällt 1 Person

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