Mysteriöse Selbstsuche in Istanbul

Es ist an sich eine interessante Geschichte: Ein noch relativ junger Mann wacht in einem Krankenhaus auf, und weiß nicht mal wirklich, wer er ist. Er erfährt die eigene Wohnung neu, muss sich für seine Erinnerungen auf Freunde verlassen, erlebt sich auch selbst als nicht richtig zur Welt gehörig. Mit der Zeit kommt heraus: Er ist Musiker, erfolgreich sogar, eine Art türkischer Nachfolger von Curt Cobain, und: Er ist wohl freiwillig plötzlich aus einem Taxi gestiegen und von der Bosporus-Brücke gesprungen.

Dass Labyrinth der Nachfolger des vor einiger Zeit von mir sehr positiv besprochenen Istanbul, Istanbul von Burhan Sönmez ist, war mir bei Bestellen gar nicht so richtig klar. Mich hat einmal mehr der Klappentext angezogen, der verspricht:

 „Nicht wissend, ob das Vergessen nun Fluch oder Segen ist, begibt er sich nach draußen, auf die Suche nach sich und seiner Geschichte, mitten hinein in die flirrende Metropole am Bosporus, die ihm in ihrer Gebrochenheit und ihrer Geschichtsvergessenheit zum Erschrecken ähnlich ist“

Ich muss sagen, das mit der flirrenden Metropole trifft meines Erachtens viel mehr auf Istanbul, Istanbul zu, als auf diesen Roman. Denn Labyrinth spielt vor allem im Kopf seines Protagonisten, ist durchzogen von Reflektionen zu Identität und Erinnern, während die Stadt im besten Fall eine Nebenrolle spielt, sie mag der Ort der Handlung sein, aber tritt kaum durch die Erzählung selbst vor Augen. Man muss Istanbul kennen, damit dieser Text nicht ebenso gut in einer anderen Großstadt spielen könnte.

Dabei ist durchaus denkbar, dass der Roman im Ganzen versucht ein typisch Istanbuler Lebensgefühl zu greifen, und dass die Beschreibung auf Seite 45, in der der Protagonist und Erzähler das Leben in Istanbul dem in seiner alten Heimat auf dem Land, wo die Familie geblieben ist, gegenüberstellt, der Schlüssel dazu sein könnte, den Roman als mehr zu lesen als eine mysteriöse Geschichte über ein besonderes Einzelschicksal:

“Verändert sich denn Istanbul, fragte ich dich dann. Ja, sagtest du, es verändert sich mit allem und jedem dort. Es kann sein, dass du morgen nicht mehr findest, was du heute siehst, dass du am Abend als Schwindel bezeichnest, woran du am Morgen geglaubt hast. Jeder erzieht seinen Geist dementsprechend. Verändert Istanbul sich noch immer, Boratin? Was soll ich sagen, ich weiß es nicht. Wenn ich sage, seit ein paar Tagen hat Istanbul sich nicht verändert, es steckt in einem endlosen Moment fest, wird sie es nicht glauben. Lüge und Wahrheit sind jetzt eins. Das Wahre und das Falsche sind gleich.”

Das legt später auch der Erinnerungsfehler des Erzählers nahe, der einen zeitgenössischen Politiker mehrfach mit einem lang verstorbenen Sultan verwechselt.

Stilistisch präsentiert sich Labyrinth als relativ geordneter Text, der sich irgendwo im Grenzbereich zwischen klassischer Ich-Erzählung und Gedankenstrom positioniert, wobei zeitweise, übereinstimmend mit dem schwierigen Selbst- und Weltverhältnis des Protagonisten, auch in die dritte Person gewechselt wird. Ein ordentliche Roman, relativ kurz und dicht, aber nicht in der gleichen Weise herausragend, wie es der Vorgänger war.

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