Der „Tod der Melodie“ – Die irrelevanteste Verfallserscheinung der Menschheitsgeschichte?

In der populären Musik wird seit einiger Zeit etwas beklagt, das Inside the score unter dem Titel „The death of melody“ zusammengefasst hat. Eine Tendenz hin zu einer Melodielinie, die aus immer weniger, teils nur noch einem einzigen Ton besteht. Andere Analytiker fassen das Problem positiver, als Verschiebung von der Melodie hin zu einer komplexeren Harmonik. Ich weiß nicht, ob ich mich dem anschließen soll. Ja, man scheint in typischen Popsongs heute öfter Akkorde zu finden, die von den spartanischen Dreiklängen auf Tonika, Subdominante und Dominante abweichen, bis hin zu einigen Stücken, die man mit einigem Recht als polytonal bezeichnen könnte. Aber meines Erachtens vergisst das Argument von der Verschiebung der Melodie auf die Harmonie, dass früher die Grenzen des Pop nicht von Take That und den Backstreet Boys markiert wurden, sondern zB auch von Dylan, Joni Mitchel, den Beatles, Jefferson Airplane oder Genesis. Wer also eher eine Verflachung als eine Veränderung der neueren Mainstreammusik sehen möchte, dürfte nicht ganz falsch liegen, und es hat vielleicht tatsächlich einen Grund, dass Radiosender mitlerweile zwei ganze Dekaden unter „das Beste von heute“ zusammenfassen, und selbst junge Bands heute besonders gern Gruppen der 70er, 80er und 90er covern.

Dennoch handelt es sich mit dem „Tod der Melodie“ um die wahrscheinlich irrelevanteste Verfallserscheinung der Menschheitsgeschichte. Denn was gerade parallele abseits der großen Plattenfirmen und der Radiosender, u.a. auf YouTube, passiert, ist mehr als eine veritable Gegenbewegung. Da sind Musiker wie Adam Neely, Nahre Sol oder David Bruce, die mittlerweile hunderttausende bis über eine Million Abonnenten zählen, und es schaffen auf relativ nachvollziehbare Weise ein tiefes Verständnis für Musiktheorie zu sähen, wie es in der Bevölkerung wohl noch nie vorher so weit verbreitet wurde. Und gleichzeitig machen diese Leute natürlich auch selbst Musik.

Neely spielt relativ komplexen poppigen Jazz mit Sungazer, Nahre Sols „How to Sound like“-Stücke sind informative und dennoch zugängliche Kompositionen, die ihr Material ernst nehmen und dabei nicht epigonal wirken. Sols Beherrschen einer Vielzahl von Stilen ist wirklich beeindruckend, und wie sie quasi nebenbei „unterrichtet“ einzigartig.

David Bruce bewegt sich sehr souverän in allen Sprachen der neuen klassischen Musik. Und das sind nur drei von ich schätze irgendetwas zwischen 20 und 100 relativ erfolgreichen MusiktheoretikerInnen/KomponistenInnen-Kanälen, die daran arbeiten, dass Musik im Grenzbereich und jenseits des Pop keine Eliten-Angelegenheit mehr sein muss. Was im Radio-Pop passiert wird damit immer bedeutungsloser. Da bleiben nur noch die zurück, die nicht rechtzeitig auf die Idee gekommen sind, nach neuen Ufern Ausschau zu halten.

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