Genau so langweilig: Der dunkle Wald von Liu Cixin.

Okay, zum zweiten Teil der Trisolaris-Trilogie fasse ich mich kurz. Nein, Der dunkle Wald ist nicht schlechter als der Vorgänger-Roman, wie manche Rezensenten behaupten, die die gähnende Langeweile erst mit dem zweiten Roman erdrückt hat. Nicht schlechter – das will nicht viel heißen. Beide Texte leiden unter den gleichen Problemen. Charaktere, die nur dazu da sind, als Träger für bestimmte Ideen oder Theorien her zu halten, ellenlange Diskussionen, in denen alles dreimal gesagt wird, praktisch kein Spannungsbogen, keine Zwischenhöhepunkte oder Zwischentiefs, einfach nichts, was durch die quälenden 800 Seiten trägt. Überhaupt keine relevanten Entwicklungs- oder Konfliktbögen für das Personal des Romans. Und mit Sicherheit keine sprachlich-formale Gestaltung, die als alternative Quelle von Lesegenuss herhalten könnte. Noch deutlicher als in Die drei Sonnen zeigt Der dunkle Wald, dass allein der Drang, eine Entwicklung über 400 Jahre zu erzählen, jedes Potenzial für einen gelungenen Roman mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zerstört. Im großen Ganzen sind die Figuren eben irrelevant, und genauso werden sie behandelt. Man mag das konsequent nennen, aber eine schlechte Idee konsequent auszuführen macht kein gutes Buch. Bleibt die Frage, warum dieser Roman so erfolgreich ist, der anders als andere erfolgreiche Trivialliteratur ja noch nicht einmal die Gelüste nach Gewalt, Erotik, Schauer oder eines aufs Ende gerichteten Thrills befriedigt.

Ein paar Ideen:

Erstens: Ein Hype kann viel ausrichten, bis irgendwann alle einsehen, dass sie einer Massenhysterie erlagen (siehe die Wut gegen die achte Game of Thrones Staffel, wo die Show doch spätestens seit Staffel 4 oder 5 Trash war und sich in etwa so entwickelte, wie von Matt Hilliard vorausgesagt).

Zweitens: Es gibt einen immer größeren Fetisch für sogenannten Realismus (vorzugsweise heute „Grim-Dark“. Aber hauptsache grau). In der Science Fiction gibt es zusätzlich schon lange einen harten Kern von Fans, die Bücher nur gut finden, wenn möglichst wenig darin passiert und stattdessen ihr Ego gestreichelt wird, weil der Text ihnen suggeriert, höhere Mathematik und Physik zu verstehen. Weltraumreisen sollen gefälligst hunderte von Jahren dauern, Figuren sollen genauso langweilig sein wie das wirkliche Leben der Leser und Ratssitzungen sollen sich gefälligst noch länger anfühlen als die längste Weltraumreise. Das nennt man dann „hard Sci Fi“, obwohl natürlich viele der Annahmen Lius ähnlich absurd sind wie ein Warpantrieb. Nur dröger.

Drittens: Ich glaube, die breite Bevölkerung des „Westens“ gewöhnt sich langsam an die Tatsache, dass die Zukunft sehr viel stärker chinesisch dominiert sein wird als heute. Da kommt ein Autor, der in breitester Weise über die Zukunft schreibt und dazu noch Chinese ist, womöglich gerade recht. Kompliziert ist er auch nicht. Und man kann in ihn wunderbar das Klischee vom Obrigkeitshörigen, antiindividualistischen Chinesen projizieren. Wäre ja noch schöner, man müsste sich mit der reichhaltigen chinesischen Literatur und mit den Brüchen und Konflikten innerhalb der chinesischen Gesellschaft beschäftigen. Ich empfehle wie schon in meiner ersten Rezension als Alternativprogramm das gerade erschienene Die Siliziuminsel von Chen Quifan. Rezension folgt.

Bild: Pixa, gemeinfrei

4 Gedanken zu “Genau so langweilig: Der dunkle Wald von Liu Cixin.

    1. soerenheim sagt:

      naja, wie im andren Text stand: Ich hab meine guten Hörbücher alle schon xmal gehört, Youtube geht immer schärfer gegen sowas vor, und ich will nicht unendlich Geld rausblasen. Deshalb Onleihe. Und das gehört halt schon zu den Büchern, die man kennen sollte, wenn man rezensiert, weil es ein Zeitphänomen ist.

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      1. fraggle sagt:

        Ach, stimmt, da war was. Dennoch gehört dazu eine gewisse Leidensfähigkeit. ;-) Aber hey, was tut man nicht alles, um Menschen auch mal von der Lektüre überflüssiger Bücher abzhalten.

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