Unglaublich überbewertet: Die Drei Sonnen von

Meine Güte, ist das laaaaaangweilig!

Ganz ehrlich, hätte ich nicht alle meine guten Hörbücher schon x-mal gehört, ich hätte diesen Titel aus der Onleihe wahrscheinlich abgebrochen und würde auf keinen Fall die Nachfolgeromane auch nur eines Blickes würdigen.

Es geht um das von vielen Rezensenten so unglaublich gefeierte Die drei Sonnen von Liu Cixin. Was für ein Text. 600 Seiten mit einer „Handlung“, die wahrscheinlich auf 80 passen würde (nein, die tatsächlich auf 80 passt, s.u.), praktisch ohne jegliche Charakterentwicklung (nein, das ist noch untertrieben. Wie soll ein Text Charakterentwicklung aufweisen, indem noch nicht mal wirklich Charaktere gestaltet werden?) und fast ohne Spannungsbogen (Hauptspannungsmoment ist ein Countdown).

Handlung 1: Eine Wissenschaftlerin, die während der Kulturrevolution u.a. ihren Vater verloren hat, findet einen Weg, eine außerirdische Zivilisation zu kontaktieren

Handlung 2: Ein Wissenschaftler spielt ein Computerspiel, das ihm irgendwann auch die Möglichkeit gibt, mit dieser Zivilisation in Kontakt zu treten. In dem Spiel geht es darum, das Problem zu lösen, wie man die Bewegung dreier Sonnen um einen Planeten mathematisch beschreiben kann. Das Spiel selbst spiegelt, ohne dass die Spieler es wissen, die Lebensbedingungen einer real existierenden Zivilisation, die versucht mit der Menschheit Kontakt aufzunehmen.

Und das ist eigentlich alles. Jede einzelne Tätigkeiten wird dann im Roman unglaublich gestreckt. Der Spieler spielt etwa mehrere Sessions des Trisolaris-Spiels, wobei jeder kleine Schritt einer Lösung näher zu kommen ausgedehnt beschrieben wird. z.B. der Versuch in einer Zivilisation der chinesischen Han-Dynastie mit 30.000 Soldaten quasi die Logikgatter auf einer menschlichen Hauptplatine nachzustellen. Man fühlt sich dabei ein bisschen, als bekomme man jede Überlegung eines Sudoku-Spielers, der im Roman ein Rätsel löst, mitgeteilt. Allerdings ohne den Vorteil von Kriminalromanen, bei denen die Spannung durch das Mitraten entstehen kann. Denn nie hat der Leser ausreichend Informationen, um selbst an dem Problem zu knobeln.

Die Figuren werden höchstens mal nebenbei durch ein paar Vorlieben charakterisiert („mag westliche Musik“) oder durch ein Ereignis in der Vergangenheit („war gut in der Schule / hatte schwere Kindheit / Schwester hat Vater während der Kulturrevolution verraten“), allerdings ohne dass daraus dauerhaft glaubhafte Charaktere erwüchsen. Die Erwähnung eines charakterisierenden Moments muss reichen, danach wird über Computerspiele oder Wissenschaft diskutiert. Vergangenheit hat kaum (psychologische) Auswirkung auf Gegenwart. Oder es geschieht in Sprüngen. Schrittweise Verarbeitung des Schocks der Kulturrevolution, bei der der Leser mitleidet? Fehlanzeige. Aber hey, dafür verraten wir aus Wut über unsre Jugend dann Jahrzehnte später mal schnell die ganze Menschheit an Außerirdische, die sie vernichten wollen. Und leben dann locker weiter. Auch mit dieser Entscheidung (die wirklich einfach so in die Geschichte ploppt) wird nicht gerungen.

Und man komme mir nun bitte nicht damit, das sei eben ein chinesischer Schreibstil, in den der westliche Leser sich erst einmal ein finden müsse. Habt ihr schon einmal die herrlich wilden Romane von Mo Yan gelesen, mit ihren Figuren, gegen die Dostojewskijs größte Charaktere bedacht und unterkühlt wirken? Die unglaublich dichten atmosphärischen Kurzgeschichten von Lun Xun? Das zeitlose Meisterwerk Der Traum der roten Kammer, das Thomas Manns Familienbilder leicht staubig wirken lässt? Die abwechslungsreiche Fantasy-Erzählung Der Aufstand der Zauberer? Oder, grad frisch hereingekommen: Die drastisch-düstere Zukunftvision Die Siliziuminsel von Quifan Chen?

Liu Cixins hochgelobter Roman ist staubtrocken und ungefähr zehnmal so lang wie er sein dürfte. Das liegt nicht daran, dass der Autor Chinese ist, sondern an Liu Cixin.

Übrigens gibt es von Liu Cixin auch eine relativ kurze Erzählung (Weltenzerstörer), die ebenfalls ein Erstkontakt-Szenario ausbreitet. Selbst diese vielleicht 70 Seiten enthalten noch sehr viel „Tell, dont show“, ABER sie lesen sich deutlich kurzweiliger. Und auch wenn das Erstkontakt-Szenario ein ganz anderes ist: In beiden Texten dürfte etwa gleich viel Handlung stecken. Nur dass der eine eben jede Überlegung beim Sudoku ausformuliert, während der andere es bei dem lapidaren (und absolut angemessenen) Satz belassen würde „um sich zu entspannen löste XY während dem Kaffee noch schnell ein Sudoku…“

Bild: Pixa, gemeinfrei

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