Der deutsche Einheitsstil und weiteres bei DieKolumnisten

Der deutsche Einheitsstil

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Ernsthaft. Wie viele deutschsprachige Romane lesen sich mittlerweile so oder so ähnlich? Definitiv viel zu viele. Ich würde sagen, von den Rezension-Exemplaren, die ich bekomme, mittlerweile jeder zweite bis dritte. Kurze Sätze, ein Ausbruch daraus nur, wenn Dinge beschrieben werden. Vergleiche, aber keinesfalls Metaphern oder ausgedehnte Bilder. Und dann gerne noch ein gewisser Einschlag von Kindlichkeit. Wahrscheinlich wird dieser Stil auf den Schreibschulen gelehrt. Ich kann es mir nicht anders erklären. Aber auch nicht-schreib Schulabsolventen schließen sich an. Etwa Verena Günther mit ihrem Power, das klingt wie aus einer Hildesheim/Leipzig/Biel-maschine gepurzelt. Immerhin: Die Verkindlichung der Fokus-Perspektive, die die radikale Variante dieses Stils fast zwangsläufig mit sich bringt, ist in diesem Fall größtenteils gerechtfertigt. Denn die Protagonistin ist ein Kind. Allerdings wird der Stil im Großen und Ganzen auch da durchgehalten, wo die Fokus-Charaktere Erwachsene sind.

„Ach, Virginia“ – Ein Titel wie eine Selbstkritik

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Ach, Virginia von Michael Kumpfmüller könnte so eine Geschichte sein. Der Roman erzählt die letzten Tage im Leben der großen Virginia Woolf aus deren Perspektive, wobei ein personaler Erzählstil angewandt wird (dritte Person, durch den Kopf der Protagonistin gefiltert). Normalerweise würde ich auf die Perspektive nicht so schulmäßig-technisch hinweisen, doch das wird noch wichtig für die Beurteilung des Romans.

Denn an dem stört in erster Linie seine sprachlich/formale Altbackenheit. In durchgängig ähnlich langen Absätzen, die noch dazu einem immer ähnlichen syntaktischen Aufbau folgen, wird ein Leben herunter erzählt und praktisch jeder Punkt abgehakt, den man auch in der ausführlichen englischen Wikipedia nachschlagen könnte. Bis zum Schluss ist mir nicht klar geworden, was dieser Roman eigentlich will, mit welcher Perspektive er meint, uns über das Leben der größten Schriftstellerin der Moderne bereichern zu können. Wer Woolf schätzt, findet inhaltlich nichts Neues. Gut, das soll ein Roman auch nicht leisten. Wer die Autorin aber nicht kennt – wird der angeregt, wenigstens eines von ihren Büchern zu entdecken? Es gibt ja gute Woolf-Biografien und eben die ausführliche englischsprachige Wikipedia. Was also leistet eine so trockene Roman-Biografie?

Ein schwieriger Nachfolger – „1794“ von Niklas Natt och Dag

Trotzdem: 1793 war ein fast perfekter Hybrid aus finsterem Krimi, zugespitzter Milieustudie aus den Gossen Stockholms und Versuch, über die Schrecken und die Hoffnungen des Revolutionsjahrs, und was das in den Köpfen der einfachen Menschen anrichtet, zu berichten. 1794 wirkt ein bisschen wie der krampfhafte Versuch, daran anzuschließen. Einmal mehr ermittelt der Stadtbüttel Jean Michael Cardell in einem mysteriösen Fall, der die Behörden nicht wirklich interessiert und stößt auf ein finsteres Geheimnis, eine Welt des Verbrechens, die wiederum einmal mehr durch nach außen zur Schau getragene Wohltätigkeit abgesichert wird. Zur Seite steht ihm dabei wieder ein Winge. Das ist sicherlich die krampfhafteste Verrenkung des Romans. Der schwer tuberkulöse Sherlock-Holmes-artige Cecil Winge (nicht ganz so brillant wie der britische berühmte Detektiv, und noch ein wenig offenkundiger am Ende), ist bekanntlich gegen Ende von 1793 gestorben. Welch ein Glück, dass es Cardell nun gelingt, ausgerechnet dessen alkoholkranken-Bruder ausfindig zu machen, der mittels Branntwein Wahnvorstellungen therapiert und von Cardell zumindest für eine gewisse Zeit auf Entzug gesetzt werden kann. Und hey, Emil hat zudem auch noch eine Schwester, zu der er ein schwieriges Verhältnis pflegt, die aber die Brillanz beisteuern kann, die Emil vielleicht zu Cecil fehlt (hier wartet später eine Überraschung auf die Leser). Die ganze Konstellation wirkt einfach schrecklich aufgesetzt.

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