Nettes Kinderbuch für Erwachsene: Saunders Fuchs 8

Fuchs 8 ist ein amüsantes kleines Buch. 50 Seiten im Märchenstil für Erwachsene. Ein Fuchs hat, indem er an einem Fenster lang zugehört hat, die Sprache der Menschen gelernt. Er findet die Menschen spannend und geht mit einem Freund die Fressmeile der neuen Mall erkunden. Zwei Bauarbeiter erschlagen auf dem Heimweg den Freund. Als Fuchs 8 zurückkommt, sind die anderen Füchse vertrieben. Der Fuchs wird depressiv, findet eine neue Fuchsgruppe und eine Füchsin, und als er schließlich Kinder bekommt, möchte er nicht mehr depressiv sein und schreibt der Menschheit einen Brief, um herauszufinden, warum diese talentierte Tierart so „böse“ Sachen macht. Der Brief ist natürlich das Buch.

Bleibt an der Oberfläche

Allzu viel mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen, das Buch hat nicht wirklich eine tiefere Ebene. Auch inhaltlich ist es eher ein Kinderbuch für Erwachsene, es bleibt zeitgeistig an der Oberfläche. Eine weiter reichende Ergründung der Frage, warum die Menschheit so „böse“ Dinge tut, was das eigentlich sein soll, das „Böse“, und ob es dafür böse Menschen braucht oder ob es nicht vielleicht reicht, wenn alle ihre meist doch gut gemeinten Interessen verfolgen, findet nicht statt. Gut, kann man von einem Fuchs auch nicht erwarten. Eine ganz interessante, doch ich wage zu unterstellen, nicht absichtliche, Volte, ist, dass selbst der Typ, dem der Fuchs den Brief geschrieben hat, weil er ihn für relativ nett hält, anscheinend ein A******** ist: Hat der doch anscheinend den Brief unter dem Namen George Saunders als Buch veröffentlicht und macht damit ein Heidengeld, während der Fuchs überhaupt nichts davon hat. Immerhin, das könnte den Blick von der Kraft, die das Gute will und das Böse schafft, auf das Wirtschaftssystem lenken, und die Anreize, die es setzt.

Der Stil

Am nachhaltigsten in Erinnerung bleibt von Fuchs 8 wohl der Schreibstil. Alle Wörter sind so geschrieben, wie der Fuchs glaubt, dass man sie vom Hören schreibt (die deutsche Übersetzung ist dabei etwas zäher als das Original). Also z.b.:

“Was ich da hörte war eine Geschichte, di war richtig falsch, sogar gemein. In der Geschichte war ein Fuks. Und ratet mal, wi der Fuks war? Schlau! Im Erns! Er hat ein Hun reingelekt! Er hat das Trampel von Hun von sein Hünerhaus wekkelokkt und so getan, als wäre mer Futter in ein Baumstumf. Wir legen keine Hüner rein! Wir sind ser offen und erlich mit Hünern! Mit Hünern haben wir ein super fären Dil, der get so: Si machen di Aja, wir nemen di Aja, si machen noie Aja. Und manchma essen wir sogar ein leemdes Hun, falls dises Huhn seine Zustimmung zeigt, von uns ge-gessen zu werden, indem es nich wekloift, wenn wir neer komm, nachdem es damit beschäftik war, in ein Baumstumf nach Futter zu suchen.”

Dazu kommt ein eher jugendlich-cooles Sprechen. An Saunders Lincoln im Bardo hat mich sehr gestört, wie aufgesetzt die formalen Experimente sind und wie schlecht sie kaschieren, dass es sich eigentlich um einen recht traditionellen Roman handelt, der ohne größeren Gewinn verkompliziert wurde. Denkt man länger darüber nach, ist das bei Fuchs 8 ähnlich, aber es stört nicht sonderlich. Die Schreibweise ist relativ witzig, und so würde ich das Buch sehen: Als witzige Fingerübung.

Dennoch: Der Fuchs hat die Sprache gelernt, indem er Menschen beim Sprechen zugehört hat. Wie kommt es, dass er durchweg im Präteritum schreibt? Wir Menschen reden heutzutage meist in Präsens und Perfekt. Aber gut, er hat unter anderem auch Vorlesestunden beigewohnt. Doch wenn er seine Geschichte tatsächlich nach einem Märchen modeln wollte, warum all die Jugendsprache? Und warum schreibt der Fuchs auch konsequent Wörter falsch, die er gerade auf einem Schild gelesen hat? Aber: Mit Ausnahme von “The Gap” und einigen anderen englischen Markenbezeichnungen? Wie gesagt, so was stört nicht wirklich, doch es bleibt ein Indiz, dass Saunders weiterhin einer dieser Modernisten sein wird, die stilistische Experimente als notwendige Zutat für das Marketing eines modernen Intellektuellen-Romans begreifen, und nicht als etwas, das tief mit der Handlung verwoben sein muss, oder eben weg kann.

Warum dürfen nur Erfolgsautoren kurz schreiben?

Was mich fuchst: Es ist ja schön, dass Verlage der ein oder anderen Berühmtheit immer mal wieder erlauben, so ein dünnes kleines Büchlein zu veröffentlichen. Denn der Großteil der Literatur heutzutage ist Schwätzung, und man muss dankbar sein, wenn in der Prosa einmal wieder etwas versucht wird, das man Dichtung nennen darf. Aber: Das Privileg, sich in dem Spektrum von 50 bis 200 Seiten zu versuchen, wird eben nur den Autoren gewährt, die bereits gezeigt haben, dass sie mit Schwätzung erfolgreich sein können. Und da die größten Prosawerke fast immer über die kürzere Distanz entstehen, bleibt die Welt der großen Publikumsverlage damit eine gigantische Kunstvernichtungsmaschine, die das Beste in die kleinen Verlage und den Selbstverlag drängt, wo man es höchstwahrscheinlich gar nicht erst finden wird. Und stolpert dann doch mal ein eingebildeter Feuilletonskritiker darüber, wird sich am Ende noch über das mangelnde Lektorat lustig gemacht und der Beweis steht mal wieder: „Gute“, also konsumierbare, Literatur gibt es nur bei den Big Playern. Also: Lest Fuchs 8. Aber lest z.b. vielleicht auch mal Alendia von Manuel Schmitt, oder die mindestens ebenso starke selbstverlegte Märchenbearbeitung Brok von meiner Schülerin Martina Bungert.

Bild: Pixa, gemeinfrei

5 Gedanken zu “Nettes Kinderbuch für Erwachsene: Saunders Fuchs 8

  1. fraggle sagt:

    Wenn ich jetzt mal bewusst den Fehler mache, von mir auf andere zu schließen, dann könnte ich dahingehend argumentieren, dass die Tatsache, dass es so wenige kurze Romane noch unbekannter Autoren ins Regal schaffen, im Geldbeutel der potenziellen Leser begründet liegen könnte. Wenn ich ein 150-Seiten-Büchlein eines mir unbekannten Autors im Regal erspähe, dann denke ich persönlich sehr viel intensiver darüber nach, ob ich mir dieses Buch kaufe, als wenn es ein 150-Seiten-Büchlein eines bereits bekannten, idealerweise von mir geschätzten Autors ist. Nun sollte die Beschäftigung mit Literatur zwar keine Geldfrage sein, aber machen wir uns nichts vor, oftmals ist sie das eben doch. Aus dem Grunde wären mir persönlich 1.200 Seiten „Die Säulen der Erde“ auch lieber als gut 50 Seiten „Fuchs 8“.

    Was die Kritik am mangelnden oder teilweise offensichtlich fehlenden Lektorat von Selbstverlegern angeht, so ist völlig klar, dass diese einzelnen Personen in der Hinsicht nicht dasselbe leisten können wie die „Big Player“. Aber: Sie treten mit der Veröffentlichung ihrer Bücher, mit der Möglichkeit des Kaufs derselben, eben in Konkurrenz zu den Big Playern, verlangen Geld für ihre Werke und müssen daher auch ähnlich bewertet werden dürfen.

    Oh, und zu „Lincoln im Bardo“: Erstaunlicherweise ging es mir hinsichtlich der Verkomplizierung des Romans so wie Dir offensichtlich bei „Fuchs 8“ – nach einer gewissen Zeit störte es mich nicht mehr. Stattdessen hat Saunders es trotz dieser Verkomplizierung geschafft, dass man als aufmerksamer Leser nie die Übersicht darüber verliert, wer da jetzt gerade spricht. Ich mochte es sehr gerne. :-)

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    1. soerenheim sagt:

      was man aber auch sagen muss: Die Verlage testen es halt nicht wirklich aus. Das Mantra ist „kurz läuft nicht“. Aber selbst der Markgläubigste kann eigentlich nicht behaupten, dass der Markt gesprochen habe, wenn das Angebot nicht existiert (und zwar in einer Weise, in der es auch wahrgenommen werden kann, also derzeit bei großen Verlagen).

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      1. fraggle sagt:

        Das stimmt auffallend! Schon seit geraumer Zeit ist mir aufgefallen, dass Verlage immer weniger ins Risiko gehen, was vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Zwänge verständlich erscheint, aber ärgerlich ist, weil es die eigentlich mögliche literarische Vielfalt einschränkt und durch „Fifty Shades of Grey – Jetzt aus der Sicht des Postboten“ ersetzt. Aber auch hier gilt, dass das auch in anderen Kulturbereichen ähnlich ist. Nur so sind „Assassin´s Creed 12“ und „Fast and Furious 283“ zu erklären …

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  2. soerenheim sagt:

    Es hat nicht sonderlich gestört, auch bei Lincoln nicht. Es war dann halt nur auch ziemlich unnötig. Fuchs 8 ist halt auch kein besonders guter kurzer Roman. Einen guten liest man nicht nur einmal. Würde man in der Musik ähnlich massenzentriert-kapitalistisch denken wie in der Literatur, währen heute Wagner-Nachfolger die einzigen erfolgreichen Musiker. Eine grausige Vorstellung. Dass der Kapitalismus eine Haltung befördert, in der man unbewusst/bewusst nach dem Motto agiert „ich hätte gern drei Pfund Buch“ ist klar. Was aber auch traurig deutlich macht, wie sehr die Literatur von der Kunst zum Zeittotschläger sich verschoben hat. Und das, wo wir doch angeblich alle nie Zeit haben…?

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    1. fraggle sagt:

      Man mag das unnötig finden, dagegen kann ich gar nichts einwenden. Ich persönlich fand den Ansatz aber recht spannend, weil ich das zumindest im Bereich Roman in dieser Form bislang selten bis nie gelesen habe. Sollte es Dir bekannte, ähnliche und besser gelungenere Beispiele geben, bin ich für Anregungen dankbar.

      Übrigens ist alles, was mit Wagner zusammenhängt eine grausige Vorstellung … :-)

      Was die Musik angeht, zumindest die leicht verdauliche Populärmusik abseits von Opernsälen, so geht die Richtung meines Erachtens bereits auch und eben gerade in eine solche massenzentriert-kapitalistische Richtung. In Zeiten von Spotify und Apple Music und dem Drang, alle Songs zu „skippen“, die einen nicht in den ersten Sekunden schon „abholen“, wird doch nur noch im Rahmen der radioverträglichen 3:30-Minuten-Songs produziert, die am besten gleich zu Beginn eine „Hookline“ haben, damit eben das „Skippen“ ausbleibt. Bands wir „Guns ´n´Roses“ würden mit der über 8 Minuten dauernden Albumversion von „November Rain“ heutzutage wahrscheinlich genauso scheitern wie Led Zeppelin mit dem ebenfalls etwa 8 MInuten langen „Stairway to Heaven“ oder Lynyrd Skynyrd, deren Albumversion von „Free Bird“ über 9 Minuten dauernd. Für so etwas hat die Spotify-Generation doch gar keine Zeit mehr …

      Die Berücksichtigung des eigenen Budgets muss meines Erachtens übrigens nicht gleichzeitig bedeuten, dass man Literatur als Zeittotschläger betrachtet. Man gibt einfach wirtschaftlichen Zwängen nach. Wenn ich weiß, dass ich für ein 150-Seiten-Büchlein nur wenig Zeit brauche, mir danach aber kein zweites Buch kaufen KANN, dann muss ich bewusst oder unbewusst zu etwas Längerem greifen, so sehr mich das kurze Büchlein vielleicht sogar interessiert.

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