Die „großen“ Essays anderswo, IX: Arno Schmidt – Die Gelehrtenrepublik

Die ersten Wochen des neuen Jahres möchte ich nutzen, um ausführlichere Essays, die ich für andere Medien verfasst habe, hier zu sammeln. Heute:  Vielleicht ist Arno Schmidts Die Gelehrtenrepublik heute kein „aktuelles“ Buch mehr. Vielleicht ist es seit 1989 weniger ein fantastischer als ein „historischer“ Roman. Handelt es doch, wie viele der frühen schmidtschen Werke, wenn auch in stark abstrahierender Form, vom Blockkonflikt, vom Kalten Krieg.

Die Gelehrtenrepublik handelt damit auch immer von einem Konflikt zweier verfeindeter Mächte, die sich prinzipiell auf das gemeinsame Vernunftideal der Aufklärung beriefen. Die somit auch berechenbar füreinander waren. Nur so konnte das atomare Wettrüsten tatsächlich einen prekären Frieden garantieren. Mit der von Fukuyama als Ende der Geschichte missgedeuteten (oder ist das eine Missdeutung Fukuyamas?) Wende der späten 80er und frühen 90er ist die Zeit dieser konfrontativen Übersichtlichkeit bekanntlich vorbei. Doch lässt die Historisierung des oberflächlichen Hauptkonfliktes der Gelehrtenrepublik es nun vielleicht immerhin zu, genauere Blicke auf tiefere strukturierende Schichten des Werkes zu werfen, ohne leichtfertig einer, wie hoffentlich deutlich werden wird, schon immer grob verkürzenden Lesart als rein geopolitische Parabel zu verfallen. Vielleicht zeigt sich sogar, dass die Gelehrtenrepublik so unvermindert aktuell bleibt, gerade weil es sich nicht um engagierte Literatur handelt.

Die Gelehrtenrepublik – IRAS und der Mond

Die Gelehrtenrepublik spielt in einem beinahe typischen dystopischen Setting. Nach einem Atomkrieg, der einige Jahre vor Ansetzen der Handlung endete, stehen sich die Sowjetunion, die USA, und einige Blockfreie Staaten nach wie vor unversöhnlich gegenüber. Europa ist auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt worden, der Westen der USA ist verwildert und wird von hominiden Mutationen bewohnt und auf dem zu einer Art Endlager umfunktionierten Mond prangt ein roter Fleck.

Verharren wir einen Moment bei dieser, einer der vielen fein-ironischen Meisterleistungen Schmidts: die Entzauberung des Nachthimmels. Sie setzt durchaus den Ton und eine Stoßrichtung des Romans. Indem Schmidt jene beeindruckende Naturgewalt, den Sturm von zweifachem Erddurchmesser, den wir als ‘Großen Roten Fleck‘ auf dem Jupiter kennen, auf den Mond verlagert (und verkleinert), eint er in zwei simplen Worten Lächerlichkeit und Bedrohlichkeit der “Zweiten Natur”, der gesellschaftlichen, die der Mensch geschaffen hat ohne sie als gemacht noch erkennen zu können. Und die man hinnimmt, wie man eben das Auf- und Untergehen des Mondes hinnimmt.

“Wie deutlich man den ‚Roten Fleck’ sieht!“ (…) (In den Krater Wargentin, im Süden, hatten beide Staaten, USA und UDSSR, angeblich ihr ‚gesamtes spaltbares Material’ geschossen … und das Ergebnis war ein rechter Halemaumau in jener Wallebene gewesen, auch bei Neumond sichtbar. (…) dabei konnte sich jedes Kind am Arsch abklavieren, daß man die Versuchsexplosionen bloß in den interplanetarischen Raum verlegt hatte: woher sonst die vielen ungewöhnlich hellen Sternschnuppen?!) (15)“

Irgendwo auf dem Ozean schwimmt derweil IRAS herum, die neutrale „International Republic for Artists and Scientists“, wo die Künste gefördert werden und das Wissen der Menschheit bewahrt. IRAS erscheint als der wohlorganisierte Hort der Restvernunft, und ist doch bis ins Tiefste gespalten. Da werden Soldaten trickreich auf der Insel stationiert „Aber das war doch auch wieder nur so ein westliches Ablenkungsmanöver!: Selbst wenn die Inselcharta unglücklicherweise das Wort ‚Berufssoldaten’ enthielt: gemeint war doch (…) daß der Soldatengeist als solcher hier nicht erwünscht sei“ (141). Da wird spioniert, was das Zeug hält, da werden Anlagen mit Atomkraft betrieben, obwohl es verboten ist dort „Atome hinzubringen“ (103) – auch das so ein toller augenzwinkernder Schmidt. IRAS bringt die Fronten des Kalten Krieges auf engstem Raum zusammen, und hat doch einen einenden Anspruch; ständig stellt sich die Frage, ob das Programm nicht bereits gescheitert sei, und das Scheitern erscheint als von allen Akteuren in Kauf genommen, jedoch ist die Katastrophe etwas, das es zu verhindern gilt (mit IRAS scheiterte wohl auch, ist das nicht ein hellsichtiger Ausblick auf das Menschenbild der heutigen multipolaren Weltordnung und ihrer postmodernen Ausleger und Auslegungen, ein emphatisch-allgemeiner Begriff von Menschheit).

Mit dem Freien Westen und der UDSSR stehen sich zwei Gesellschaften unversöhnlich gegenüber, die innerhalb des Romankosmos nicht in Bausch und Bogen verdammt werden können (ist doch ein Drittes ebenso undenkbar wie der Sieg einer der beiden Seiten wünschenswert – nur die Konfrontation bei gleichzeitigem Zwang zur Zusammenarbeit zwingt ja beide Seiten einen (rest-)zivilisatorischen Standard zu bewahren). Die Gelehrtenrepublik ist wohl unter den herrschenden postapokalyptischen Verhältnissen durchaus nicht der schlechteste Kompromiss:

„Sie hat, wie die Episode des Schriftstellers Stephen Graham Gregson zeigt, durchaus ihre Berechtigung, indem sie auch als internationaler Schutzraum für verfolgte Autoren funktioniert: Denn Gregson sah sich nach Erscheinen seines Romans „Fals=Werke AG“ 23 Mordanschlägen und 485 Strafanträgen von Seiten der Textilindustrie ausgesetzt, „bis endlich die IRAS hier eingriff“ (Torpedokäfer).

Dennoch wird IRAS zerbrechen, wobei die Gründe dafür nicht allein im auf der Insel ausgetragenen Konflikt zu suchen sind, hätte dieser doch so: „Das Ergebnis? „Wir drehen uns! : Auf der Stelle?“ (149) durchaus ad infinitum fortgeführt werden können.

Yahoo! Sex mit Tieren?

Im ersten Teil des Romans bereist Charles Henry Winer den Hominidenstreifen, gelegen hinter einer Mauer, die im Streifen bezeichnender Weise als „Worlds End“ benannt wird, im mittleren Westen der USA. Es handelt sich um ein Reservat, das bedingt als Antithese der im zweiten Teil entfalteten Welt von IRAS verstanden werden kann. Hier leben Zentaurenstämme, Spinnenkolonien und Schmetterlingsmenschen, allesamt Mutationen, entstanden in der Folge des Atomaren Krieges. Winer erlebt seinen Erstkontakt mit dieser bizarr anmutenden Sphäre der „Usamerikanischen“ Gesellschaft (?) als sexuelle Vereinigung mit dem Zentaurenmädchen Thalja, gleichsam aufregend wie verstörend:

“Im Dickicht also (und sie stand dagegen; ihr erstes Mal; schnarchend vor Glück.) / Ich gab mir auch alle Mühe (und doch eine verdammt komische Situation: ich mußte immer die Augen zu ma¬chen! Es sei denn, sie bog gerade das Gesicht aufs gefährlichste nach hinten, her; es langte nicht ganz, aber wir küßten wenigstens die Luft vor unseren Gesichtern. Und da konnte man sich ein Mädchen einbilden.)”

Wenn Winer so mit Thalja verkehrt, in der man sich „ein Mädchen einbilden“ kann, das Tier aber schwer ausklammern, so verschließt er seine Augen nicht einfach vor dem tierischen Körper, weil ihm das Überschreiten der Gattungsgrenze zuwider wäre (er kopuliert ja gerade gern mit diesem Körper), sondern es ist auch symptomatisch für das konstante Ausklammern des Tierischen am Menschen, ein zentrales Thema der Gelehrtenrepublik, das im Akt jedoch nicht mehr gelingen kann. Ähnlich wie der Erzähler in Gullivers Travels nach dem Verkehr mit einem Yahoo (einer Menschenform, die rein ihren Trieben zu folgen scheint), vor sich selbst erschrickt und seine Triebe ganz zu verleugnen trachtet, ist das Erschauern vor dem tierisch-Triebhaften auch hier angelegt. Winer allerdings löst das im Komischen vorerst auf, und ist letztlich zufrieden, als er erfährt, dass von den „Förstern“, die die Hominidenzohne überwachen, solcherart Beziehungen nicht als Sodomie angesehen werden (45). Das Gesetz erspart ihm die grundlegende individuelle Auseinandersetzung mit Selbst und Umwelt.

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