Die „großen“ Essays anderswo, VIII: Nabokovs Pnin – Kein Platz/Raum für Verschrobenheit

Die ersten Wochen des neuen Jahres möchte ich nutzen, um ausführlichere Essays, die ich für andere Medien verfasst habe, hier zu sammeln. Heute: Ist der Individualismus der größte Feind des Individuums? Vladimir Nabokovs Klassiker Pnin lässt den Leser zum Zuschauer & Komplizen des Verschwinden (-machens) eines Sonderlings werden – amoralisch, apolitisch, zum Weinen komisch.

„Pnin schlenderte langsam unter den friedlich-stillen Kiefern hin. Der Himmel lag im Sterben. Er glaubte nicht an einen autokratischen Gott. Er hatte eine unbestimmte Vorstellung von einer Demokratie der Geister. Vielleicht bildeten die Seelen der Toten Komitees, und diese widmeten sich in fortlaufenden Sitzungen dem Geschick der Lebenden“ (133).

I – Treue als Verfremdung

Vladimir Nabokov hielt einiges darauf, kein Autor mit Aussage, Programm oder Ziel zu sein. „Ich schreibe ein Buch in erster Linie, um mir ein Buch von der Seele zu schaffen“ kommentierte er höhnisch Versuche, etwa eine „Intention“ in Lolita aufzuspüren.

Aus gutem Grunde war er der pädagogisch-funktionalistischen Reduktion des „was will uns der Dichter damit sagen?“, die Tod der Kunst wie der Wahrheit ist, spinnefeind. Nach Nabokovs Verständnis von Kunst genügt der Text zuerst sich selbst, und ist so doch gerade nicht der Welt abgewandt. Vor Nabokovs Kunst kapitulieren Labels wie „realistisch“, oder „phantastisch“; das lässt sich gut mit Blick auf die Konzeption eines Gemäldes begreifen, welches Nabokov in Pnin Victor, den „Wassersohn“ des Protagonisten entwerfen lässt. Dieses ist so hingebungsvoll – detailliert gegenständlich, dass die Gegenständlichkeit selbst befremdend wird:

„[W]enn Degas eine calèche unsterblich machen konnte, warum sollte dann Victor nicht dasselbe mit einem Automobil gelingen? Eine Möglichkeit, dies zu bewerkstelligen, bestehe darin, das Fahrzeug von der Landschaft durchdringen zu lassen (…). Nun heißt es, das Gehäuse des Wagens in Kurven und Flächen aufzuteilen, und es dann in Spiegelbildern zusammenzusetzen. (…) Diese mimetische und integrierende Darstellung nannte Lake die ‚Notwendige Naturalisierung der Menschenwerke‘.“ (93f)

Nabokovs Romane sind solche Gemälde, und noch ein wenig mehr, wie im Folgenden an Auszügen aus eben diesem Pnin zu bedenken gegeben werden soll.

II – Das bürgerliche Trauerspiel

„‚Sie mögen lachen, aber ich behaupte, der einzige Weg, dem Chaos zu entrinnen (…) besteht darin, daß man den Student in eine schalldichte Zelle sperrt und den Hörsaal schließt (… Schallplatten über jedes erdenkliche Thema werden dem Studenten zur Verfügung stehen (…)‘ – ‚Und die Persönlichkeit des Dozenten‘, fragte Margaret Thayer. ‚Zählt die denn gar nichts?‘ – ‚Nein!‘ schrie Hagen. Das ist ja die Tragödie! Wer zum Beispiel will ihn?‘ Dabei deutete er auf den strahlenden Pnin: ‚(…) Die Welt will eine Maschine, keinen Timofej.“ (157f)

Es ist der letzte Akt des Bürgerlichen Trauerspiels, in dem der Mensch wutschnaubend seine eigene Abschaffung konstatiert, deren Möglichkeit ihm erst am Andren auffällt (die Wut ist dabei zu großen Teilen doch Angst). Diese Möglichkeit treibt die meisten dazu, ihre Pfründe zu sichern, und einige schicken, wie hier der Protektor Pnins, Professor Hagen, eine flammenden Anklage gegen die ungerechte Welt hinterher. Die Einzelnen, und noch die Bedrohtesten, kennen weder die Genese des Stückes, in dem sie auftreten, noch das Script, nachdem sie spielen. Alles ist „eine Tragödie“ (wie oft haben wir diesen Ausruf schon gehört), und ist die Rolle jedes Einzelnen auch komischer Weise immer die des Tragischen Helden, so will sie doch gespielt werden. Hagen echauffiert sich über Pnins Absetzung, die er doch hätte verhindern können, wenn, ja wenn da nicht eigene, dem widerstrebende Interessen wären, und die anderen nicken wissend, traurig, auch Einsichtig (die, die sich freuen, sind abwesend), und im nächsten Moment löst sich die Anspannung bereits in zwanglosem Geplauder. Am Zwanglosesten plaudert Pnin, Thema des Gespräches, er kann sich gar nicht vorstellen, dass es um ihn gehen könnte.

„Diese Welt lebte geistesabwesend, und Pnin hatte die Aufgabe, sie zu sich zu bringen. Sein Leben war ein unablässiger Kampf mit unvernünftigen Dingen, die auseinanderfielen, ihn überfielen, ihre Bestimmung verleugneten oder sich tückisch verflüchtigten, sobald sie in seinen Lebensbereich gerieten.“ (11)

So sieht sich Pnin zu Beginn des Romans, und so sieht er sich unerschütterlich bis zum Schluss. Streit, Grabenkämpfe, Entscheidungen über Budget und ideologische Ausrichtung, deren Spielball er meist ist (man führt den Rückgang slawistische Lehrstühle u.a. auf den McCarthyismus zurück), tangieren ihn nur als passiv Erfahrenes, als Ereignisse.

III- Pnin und die Welt

Im Klappentext zur Rowohlt Ausgabe von 1987 heißt es:

„Der zerstreute Professor Timofej Pnin ist ein einsamer Individualist, den der American way of Life tief verstört. Er wirkt auf seine Umgebung wie ein komischer Versager; aber seine Würde, sein Ernst, seine Persönlichkeit lassen trotz seiner Schrullen die Umwelt lächerlich erscheinen, sie versagt an ihm.“ Pnin sei: „Ein Meisterwerk tiefsinnigen Humors“.

Doch Pnin ist mehr, Pnin ist Exponat eines ins pathologische übersteigerten liebevollen Zynismus, der nicht zuletzt auch im Alltag Strategie ist, mit der es sich leichter über Leichen geht (wir kommen dazu). Die Güte des Verlierers, erinnert als Schrulle, wird lächelnd aufbewahrt und kann nur so entschärft werden. Der Klappentext trägt dazu weit mehr bei, als der Roman selbst.

Pnin wirkt über weiten Strecken wie ein Haken, der ins Fleisch einer Welt gegraben wird, die ihre Pnins für gewöhnlich, weil es nun einmal nicht anders gehe, ausstößt. Zeit seines Lebens versucht Pnin, der als öffentliche Person immer schwerer zu Rande kommt, das worauf er im Privaten zugriff hat, zu pninisieren:

„Später wurde ihm zu alleinigen Benutzung Büro R. zugewiesen, das früher eine Rumpelkammer gewesen, jetzt aber vollständig renoviert war. Im Laufe des Frühjahres hatte er es liebevoll pninisiert. Er hatte dies mit zwei scheußlichen Stühlen, einem Anschlagbrett aus Kork, einer Dose Bohnerwachs, die vom Hausmeister vergessen worden war, und einem bescheidenen Stehpult aus unbestimmbarem Holz bewerkstellig…“.

Objektiv schreitet die Entpninisierung voran. Die Schranken zwischen Öffentlichem und Privatem fallen, der Anpassungsdruck dem Pnin sich gar nicht ausgesetzt glaubt verfolgt ihn bis in die letzte Ecke seiner Gelehrtenstube. Exemplarisch dafür der Umgang der Universitätsangestellten untereinander, die vielfachen Verflechtungen zwischen Freunden, Mietern und Vermietern, die stets zugleich persönlich und unpersönlich sind weil jede Geste, jeder Händedruck im Privaten auch Akt im öffentlichen Raum Universität, Bildungsbetrieb ist. Das drückt sich in Kleinigkeiten aus, etwa darin, dass Pnin, die ‚amerikanische‘ Gewohnheit Kollegen beim Vornamen zu nennen, die ihm zuerst zuwider ist, bald selbstverständlich annimmt. Oder dass er, nachdem er seine erste Fahrprüfung nicht besteht, weil er mit dem Prüfer über die Demütigung, an einer Ampel halten zu müssen, wo die Straße doch frei sei, sich bei der zweiten Prüfung eben zurücknimmt. Und es endet mit einem fast unverstellten Blick auf den ‚Unbewegten Beweger‘, wenn das eigene, pninsche, Häuslein außer Reichweite rückt, weil Pnin zu sehr Pnin ist, um ein moderner Professor zu sein. Und damit Geld zu verdienen.

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