Die „großen“ Essays anderswo, VI: Mario Vargas Llosas El Hablador

Die ersten Wochen des neuen Jahres möchte ich nutzen, um ausführlichere Essays, die ich für andere Medien verfasst habe, hier zu sammeln. Heute: Vor 30 Jahren [jetzt:33] erschien Mario Vargas Llosas El Hablador (Der Geschichtenerzähler). Vielleicht nicht dessen stärkstes Werk liefert es doch aufschlussreiche Einblicke in die „Dialektik der Aufklärung“, die Arbeiten des Nobelpreiträgers durchzieht.

Mario Vargas Llosa gilt als einer der wenigen großen dezidiert liberalen Schriftsteller unserer Zeit. Sozusagen „aus Not“ zum Liberalen geworden, da doch ein freiheitsliebender Geist am realexistierenden Sozialismus wie an den Lateinamerikanischen Kommunismen und Sozialismen des 20. und 21. Jahrhunderts nur verzweifeln konnte, ist Llosa als Literat allerdings immer insofern Materialist geblieben, als dass er die gesellschaftlichen Bedingungen des Fortschritts und die brutale Notwendigkeit, mit der dieser auch immer wieder die eigenen Ideale untergräbt, schonungslos reflektiert. Wie Llosa sich so literarisch einer „Dialektik der Aufklärung“ annähert, die dem blinden Romantizismus der Indigenisten und ihrer staatssozialistischen Freunde ebenso eine Absage erteilt, wie einem Fortschrittsdenken, das mitleidslos über jene hinwegsieht, über die es fortschreitet, soll der folgende Text anhand des recht zugänglichen Romans El Hablador untersuchen, der als eine Brücke zwischen Llosas hochkomplexer erster Schaffensphase (bis Das Grüne Haus und Gespräch in der ‚Kathedrale‘) und den meist vordergründig vor allem auf Unterhaltung abzielenden zeitgenössischeren Texten gesehen werden kann.

Ein Erzähler und zwei halbe

Der Plot des hablador speist sich aus zwei Erzählsträngen, die jeweils von
unterschiedlichen Erzählern erzählt werden. Während der erste namentlich unbekannte Erzähler, ein Schriftsteller und Ethnologe, die Rahmenhandlung vorgibt, erzählt der zweite Erzähler als „Hablador“ der Machiguenga, des „Volkes, das geht“, eine Variation eines alten Mythos, den Llosa nur zu Teilen aus originären Quellen entwickeln konnte. Nach und nach enthüllt sich die Identität des „Hablador“ als höchstwahrscheinlich die Saúl Zuratas‘, eines Freundes des ersten Erzählers. Niemals abschließend klar allerdings wird der Weg, der Saúl zu den Machiguenga hätte führen können.

Saúl ist in der peruanischen Oberschicht Außenseiter, als „Halbkreole“, „gebrandmarkt“ durch ein Muttermal im Gesicht, und nicht zuletzt aufgrund seiner jüdischen Herkunft mütterlicherseits passt er scheinbar nie wirklich in die Gesellschaft. Oder er nimmt zumindest diese Rolle ein, denn auch auf der Universität, da es ihm frei stünde als Klassenerster der Ethnologie und Liebling der Professoren den befriedigenden Weg der Kompensation, Auslandsstipendium, Karriere, Wohlstand, zu gehen, verschließt er sich weiterhin und verschwindet schließlich in den unsicheren Gefilden des Gerüchts. Ist Saúl wirklich nach Israel ausgewandert, was ihm gar nicht ähnlich sähe? Hat er sich einfach zurückgezogen? Ist er tot?

Der (erste) Erzähler entdeckt viele Jahre später in Florenz (nicht umsonst zeichnet Llosa Florenz als Stadt, die sowohl mit der Blüte Roms als auch mit der Hochzeit der Renaissance assoziiert wird, die gleichzeitig weit mehr der Erinnerung an zivilisatorischer Errungenschaften als dem Fortschritt heute verpflichtet scheint), in einer Ausstellung ein Photo, das einen Hablador der Machiguenga zeigt, einen Geschichtenerzähler. Für diese im sozialen System der Machiguenga besonders bedeutsame Figur, deren Existenz allerdings kaum gesichert ist, hatte sich der Jugendfreund Saúl stets besonders begeistern können. Für den Erzähler scheint eine überraschende Ähnlichkeit zwischen dem Photo und Saúl Zuratas zu bestehen, und er schreitet zur literarischen Aufarbeitung der Jugend.

Laut El Hablador nimmt der Geschichtenerzähler bei den Machiguenga nicht nur die Rolle des Nachrichtenüberbringers ein, sondern er agiert vor allem als Träger des „kulturellen Gedächtnisses“. In seinen Geschichten vereinigt er aktuelle und vergangene Erlebnisse, Anekdoten und Mythologie. Dabei bleibt der Hablador des Hablador allerdings fiktionales Konstrukt. Der Versuch des Romans, sich an die Rolle des Hablador anzunähern, muss vor dem Geheimnis desselben, der Tatsache, dass die Machiguenga bis heute wenig bis nichts über den Geschichtenerzähler enthüllen, kapitulieren, wie der Erzähler im Roman.

Nun geht es aber Llosa in El Hablador gerade darum nicht: Um die möglichst korrekte investigativ-positivistische Wiedergabe eines Faktums, sondern um die Exploration der Rolle des Einzelnen in verschiedenen Gesellschaftsformen. Llosa fiktionalisiert im Hablador eine empirisch so weit es eben geht fundierte Dialektik der Aufklärung, die sich auf lange Sicht sowohl den naiven Fortschrittsglauben, als auch eine Glorifizierung „indigener“ Gemeinschaft versagt.

Saúl Zuratas…

…auf der einen Seite zeigt eine beinahe kindliche, schwer zu greifende Begeisterung für die „indigene“ Kultur Lateinamerikas, insbesondere für die Gruppe der Machiguenga. Diese Begeisterung scheint jedoch in erster Linie aus einem negativen Bezug zur fortschreitenden Kolonisierung durch die westliche Zivilisation herzurühren, wobei Saúl sowohl die Bestimmung dessen, was „westlich“ ist, als auch jegliche Frage danach, wer zu den Indigenen zählt, welche Kultur zu verteidigen ist, welche anzugreifen, schuldig bleibt. Sowie er sich auch nie an einer ökonomischen und/oder ethischen Analyse sowohl des Kolonialismus als auch der vorkolonialen Herrschaftsverhältnisse versucht. Moderne Akkulturation wird dann als lineare Fortführung der Conquista angesehen, die Einheit der Machiguenga mit ihrer Umwelt, die behauptete Identität mit sich selbst, wird positiv besetzt. Dahingegen werden etwa die „Kolonisation“ und Unterwerfung vieler kleiner Stämme durch die Inka, die an andren Stellen im Roman angesprochen werden, von Saúl größtenteils unterschlagen.

Oder: Weniger unterschlagen, als übergangen, denn speist sich zumindest anfangs Saúls Anteilnahme am Schicksal der Machiguenga noch aus tätigem Mitleid, so übernimmt schon bald eine unmittelbare Identifikation, die möglicherweise aus der teils selbst gewählten Außenseiterrolle zu erklären wäre, die Kontrolle. Dabei hält Saúl selbst eine Bewahrung der indigenen Tradition unter pragmatischen Gesichtspunkten für kaum realistisch, und über moralische Implikationen äußert er sich nicht. Entsprechend scheint seine Begeisterung im Kern unbegreiflich, und angesichts seines späteren (behaupteten) Überschreitens der „kulturellen Grenze“ muss jeder Rationalisierungsversuch scheitern.

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Bild: Pixa, gemeinfrei

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