Die „großen“ Essays anderswo, V: „Epochenromane“ und kann man sie planen?

Die ersten Wochen des neuen Jahres möchte ich nutzen, um ausführlichere Essays, die ich für andere Medien verfasst habe, hier zu sammeln. Heute: Aus einem Gespräch zwischen den Jahren entwickelt Literaturkolumnist Sören Heim seine Gedanken zum „Epochenroman“. Was macht ihn aus? Kann man ihn planen?

Zwischen den Jahren sprach ich mit einem Freund über die großen Romane ihrer jeweiligen Epochen. Texte, die ihre Zeit ganz zu fassen versuchen. Im folgenden „Epochenromane“. Es wäre mal wieder Zeit für einen, so der Freund. Nicht nur gefühlt sei die Zeit reif: Weltwirtschaftskrise, langsamer Abschied der USA als Führungsmacht, Terror. Aber auch: Menschen, die aneinander vorbei auf Smartphones starren, Isolation in der globalen Vernetzung, Internetpranger, Empörungskultur. Die Zeit habe ihre dankbaren Themen und Bilder, in denen sie sich konkretisieren lasse.

So weit, so wahr. Und die Epochenromane sind doch die Werke, die – ob nun gelungen oder nicht – in den Kanon eingehen. Die, die man auch in 100 Jahren noch lesen werde. Also los!

Von welchen Texten reden wir eigentlich?

Gemach! Was waren denn die letzten derart epochalen Werke? Man müsse wohl bis zu Thomas Mann zurück, so mein Gesprächspartner. Der Zauberberg für den ersten, Doktor Faustus für den Zweiten Weltkrieg. Vielleicht noch, gab ich zu bedenken: Die Blechtrommel, Lenz‘ Deutschstunde? Die mögen ästhetisch eher durchwachsen sein, doch jeder Zeit den Roman, den sie verdient. Aber den Epochenroman wird man nicht mehr auf einen bloß Nationalen begrenzen können. Allein der Nationalsozialismus ermöglichte es ja, die oben Genannten tatsächlich auch thematisch als Romane von Weltgeltung anzusehen. Das Werk, auf das man sich für die auf den 2. Weltkrieg nachfolgende Periode dürfte einigen können ist wohl Die Satanischen Verse: Islamismus, postkoloniale Heimatlosigkeit, Flucht, Vertreibung, Zerfall der Linken, Auswirkungen des Neoliberalismus → Flucht vor der Ellenbogengesellschaft in Familie, Bande, Rackett. Dieser Roman verhandelt, was heute noch die Welt bewegt und, nebenbei: So ganz durch die erzählten Geschichten hindurch, dass es nie wirkt als wollte der Text krampfhaft bedeutend sein. Nur so dürfte ein sogenannter Epochenroman überhaupt gelingen: Indem man sich nicht hinsetzt und krampfhaft versucht ihn zu schreiben. Auch Mann behandelte ja nach den Buddenbrooks meist eher was Abseitiges; und die Zeit schwingt eben so mit. Nix mit „Los!“

Ohne Vollständigkeitsanspruch und Qualitätsurteil liste ich hier weitere jüngere Texte auf, die den Anspruch erheben könnten, die Welt oder zumindest einen relevanten Ausschnitt zu erzählen: The Corrections (Franzen), White Teeth und folgende (Smith), Terrorist (Updike), Die Hauptstadt (Menasse), Das Ministerium des äußersten Glücks (Roy), mehrere Werke Toni Morrisons. Alles Titel, über die man wird streiten können, und selbst die jüngsten tappen am Internetzeitalter eher so halb blind vorbei oder stolpern hindurch wie ein betrunkener Mittsiebziger, der am Weihnachtsabend von den Kids jetzt aber endlich mal „Sürfen“ lernen möchte.

Das Dilemma der Weltgeltung

Ich denke, das stößt uns auf ein paar generelle Probleme mit dem Traum vom Epochenroman. Wir sahen oben: Die Größten entstanden vielleicht als Nebenprodukt einer faszinierenden Geschichte oder eines Gedankenspiels und bewiesen rückblickend ihre Geltung. Schon immer war das Problem zu lösen, wie Weltgeltung und Lokalität auszutarieren sind. Nur gewisse historische Ereignisse vermögen das momentan einmal aufzuheben. Und wenn die Weltgeltung thematisch und nicht ästhetische realisiert werden soll, kann der große Roman unserer Zeit eigentlich nur inter-/transnational sein. International erzählt es sich aber schwierig – die Handlung droht zu zerfasern.

Es lassen sich ein paar Techniken identifizieren, mit denen versucht wird, dem Dilemma beizukommen.

– Da ist einmal das Revival der regionalistischen bis dörflichen Literatur, die versucht, allgemeine Widersprüche des gesellschaftlichen Lebens auf engstem Raum auszutragen. So sind einige der beachtlichsten Texte der Weltliteratur entstanden, gerade die jüngsten, besonders auf Relevanz gebürsteten lassen aber zu wünschen übrig. Je mehr an nationalen und internationalen Konflikten ins Dorf projiziert wird, desto schematischer, kammerspielartiger liest sich auf das Ganze. Positivbeispiele: Mahfus Midaqgasse, Roys Der Gott der Kleinen Dinge. Negativbeispiele im Deutschsprachigen Raum: Menasses Hauptstadt, Zehs Unter Leuten.

– Dann sind da die weit aufgefächerten Titel. Jet-Set-Romane oder anders gelagerte Plots, die Protagonisten um den halben Erdball jagen, immer dorthin, wo gerade die Action tobt. Das zeitigte allein im deutschsprachigen Raum zuletzt einige beachtenswerte Ergebnisse. Ich habe hier Fatma Aydemirs Ellenbogen und Shida Bazyars Nachts ist es leise in Teheran besprochen. Solche Romane laufen allerdings schnell Gefahr, in einer Weise zu zersplittern, die die Einheit des Werks aus den Augen verlieren lässt. So faszinierend es ist, sich durch die Textkompositionen Pynchons zu arbeiten – nach V und Gravity’s Rainbow ist es diesem Autor jedoch bis heute nicht mehr gelungen die wilden Schauplatzsprünge seiner weltumspannenden Handlungen nochmal wirklich überzeugend zu verweben.

– Ein noch immer fast hypothetischer dritter Fall wäre der an verschiedenen Schauplätzen spielende Roman, der die moderne Kommunikationstechnologie nutzt, um die Einheit herzustellen. Mir fällt kein Beispiel ein, das ich dahingehend bisher lobend hervorheben könnte. Das mag einen durchaus lebenspraktischen Grund haben: Das Internet für alle ist immer noch jung, und die, die gerne darüber schreiben würden, schauen oft despektierlich auf die neuen Gewohnheiten herab. Die aber, die diesen Lifestyle leben, schreiben nicht darüber. Manch einer bezweifelt, dass sie überhaupt noch schreiben können.

Auch möglich: bestimmte Aspekte der (sogenannten, dysfunktionalen) Kommunikationsgesellschaft lassen sich tatsächlich besser in filmischen Formaten greifen.

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