„Warum sind die Weasleys arm?“ Teil II, oder: Warum eine Gewerkschaft die Zauberer-Wirtschaft retten könnte.

Im vergangenen Jahr hatte ich im bis vor kurzem beliebtesten Artikel auf diesem Blog schon einmal die Frage aufgeworfen, warum die Weasleys in Harry Potter arm sind. Wirklich gute Gründe werden innerhalb der Romane nicht genannt, spätestens, als ein Teil der Kinder ordentliche Jobs hat, sollte es den Weasleys so gut gehen wie anderen Zauberer-Familien auch. Es scheint, Autorin Rowling brauchte eine arme Familie, und hat diese Eigenschaft den Weasleys sozusagen genetisch eingeschrieben.

Das ist weiterhin die „richtige“, die plausibelste, Antwort, die sich allerdings nur aus den Schwächen der Darstellung mittelbar schließen lässt.

Hier möchte ich in etwa zum Jahrestag des Artikels mich noch einmal an einer freien, literarisch-systemischen Reflexion versuchen, die zwar uns dann zwar wiederum nur mittelbar etwas über die Welt von Harry Potter verraten wird, aber vielleicht das ein oder andere über das verbreitete (un) Verständnis ökonomischer Zusammenhänge. Die Idee: Die Weasleys sind arm, weil die Ökonomie von Harry Potter bzw. die der Zauberer-Welt eine ziemlich auf den Hund gekommene Volkswirtschaft ist.

Die selbstlimitierende Zauberer-Wirtschaft

1) Ich gehe davon aus, dass die Welt der Zauberer eine relativ kleine, relativ geschlossene Volkswirtschaft ist. Einen ökonomischen Austausch mit der Welt der Muggel scheint es im nennenswerten Sinn nicht zu geben. Die Zauberer-Welt handelt untereinander, und sie handelt nicht allzu viel. Die Londoner Winkelgasse und ein paar Geschäfte in Hogsmead scheinen das einzige zu sein, was an Einzelhandel hervorgebracht wurde. Größere Unternehmen in nennenswerten Sinnen scheint es gar nicht zu geben. Abseits der Einzelhändler scheinen entweder die meisten Erwachsenen Angestellten des Staates zu sein oder aber, falls Hogwarts eine private Schule ist, dürfen die Schulen als die größten Unternehmen der Welt gelten. Die sind reine Umverteilungsbetriebe. Von den Eltern (Kleinunternehmer oder Staatsangestellte) zum Direktorium und den Lehrern. Fast alles in der Welt der Zauberer scheint auf Subsidenz ausgerichtet. Schulgelder finanzieren womöglich die Schule und die Lehrer, die so ein relativ angenehmes Leben leben können, doch keineswegs in Luxus. Sie scheinen abgesehen von hohen Beamten in Ministerium schon zu den begütertsten Zauberer anzugehören. Die Händler in Hogsmeade und in der Winkelgasse leben bereits größtenteils von den Krumen, wie das Schulsystem abwirft. Auch wenn die Bücher darüber wenig verraten, große Sprünge dürfte man davon kaum machen können. Als weitere Kunden käme höchstens noch eine zweite begüterte Klasse ins Spiel: Der alte Adel, dessen Geld aus Vererbung und (wir wissen es nicht) vielleicht aus Landgeschäften stammt. Das ist schonmal insgesamt eine ziemlich beschissene Struktur, um eine wachsende Ökonomie zum Laufen zu bekommen.

2) Sobald Zauberer etwas mehr Geld zu haben scheinen, tragen sie es auf die Bank und lassen es in finsteren Verließen verwittern. Harry Potters Goldvermögen ist riesig, dass der Malfoys und der Lestranges dürfte noch gigantischer sein, und da eigentlich Zauberer nur zum Schuljahresbeginn etwas Geld ausgeben, können wir davon ausgehen, dass die Zauberer insgesamt eher zum Gold-Horten als zum Konsum neigen. Ja, dank Bill Weasly erfahren wir, dass eine seiner Hauptaufgaben das Finden von Schätzen für die Bank ist, Gringots also eher im Dagobert-Duck-Stil unterwegs ist. Als Kreditgeber scheint die dagegen nie in Erscheinung zu treten.

Das ist ja auch durchaus naheliegend: Die meisten Gegenstände des täglichen Überlebens, des Luxus und der Zerstreuung, die moderne Volkswirtschaften überhaupt tragen, brauchen Zauberer nicht oder können sie sich erzaubern. Für den Wirtschaftskreislauf ist das tödlich. Wo kein oder wenig Konsuminteresse besteht und keine Anreize, das zu ändern (normalerweise entsteht eines solch fatale Situation in realen Volkswirtschaften durch sinkende Löhne in der breiten Masse im Rahmen einer Wirtschaftskrise, fehlende antizyklische Investitionen von Seiten des Staates sowie dann meist im zweiten Schritt durch Sozialkürzungen), haben auch die Unternehmen oder in diesem Fall die Zauberer, die viel Geld horten, kein Interesse, dieses Geld zu investieren. Was auch immer für eine geile Geschäftsidee Harry Potter mit seinem Goldschatz umsetzen wollte – mehr als ein weiteres kleines Geschäft für Kuriositäten, die an die oberen Zehntausend (im Fall der Welt der Zauberer vielleicht eher die oberen Zehn bis Zwanzig) verkauft werden, ist kaum drin.

3) Das bringt mich zu einer Revision der Frage, ob die Weasleys in den späteren Büchern nicht eigentlich relativ viel Geld verdienen müssten. Denn wir kennen ja solche Volkswirtschaften, deren Strukturen im Großen und Ganzen noch feudalistisch ausgerichtet sind, wo für das, was an Kapitalismus existiert, allerdings noch nie über fördernde Lenkungsstrukturen nachgedacht wurde, wo Wachstum, das auf einem Zirkel aus steigenden Löhnen und steigenden Investitionen basiert, schlechterdings nicht möglich ist. Da ist es gut denkbar, dass abseits der ganz hohen Beamten die Entlohnung für einen besseren Büttel wie Arthur Weasly tatsächlich beschissen ist, dass ein Wissenschaftler, der an Drachen forschen will, mit etwas Pech am Ende sogar draufzahlt (nicht zufällig waren die ersten Naturforscher ja reiche Adelige), und dass eine Großfamilie im niederen Beamtenstand, die kein altes Vermögen ihr Eigen nennt, am Ende der deutlich schlechter dasteht als eine Kleinfamilie oder eine Einzelperson (man denke an Beamte im zaristischen Russland, deren Armut man u.a. bei Dostojeskij plastisch gezeichnet findet). Man müsste dann allerdings davon ausgehen, dass die Weasleys nur einer der sichtbareren Fälle unter zahlreichen ähnlichen Fällen sind. Womit wir wieder an der Stelle sind, dass Rowling die Sache einfach nicht ernsthaft durchdacht hat.

Was uns das über die nichtmagische Welt sagt

Die Ökonomie der Zauberer funktioniert genauso, wie sich das neoliberale Weltbild eine einfache Volkswirtschaft (schon immer nach dem Modell einer idealisierten mittelalterlichen Stadt) eben vorstellt. Menschen verdienen mit irgendwas Geld, tragen Waren auf den Markt, für das Sparen, angeblich das Rückgrat der kapitalistischen Wirtschaft (in Wahrheit ihr größter Feind) gibt es die Bank, und tada! Wachstum. Hier nähern sich die magischen Vorstellungen der Romane und der Realität aufs gefährlichste an. Denn tatsächlich wurde ja sowohl in der Weltwirtschaftskrise 1929 als auch in der 2008 ff sehr viel getan, um die reale Welt des Kapitalismus der quasi feudalen Goldwirtschaft Harry Potters anzunähern. Der Sparzwang, dem die Zauberer aufzusitzen scheinen, er wurde auch und besonders in der Eurozone institutionalisiert, und dann wundert man sich, warum der Süden nicht wächst, und in einen Strudel aus Sparmaßnahmen, sinkenden Steuereinnahmen und weiteren Sparmaßnahmen stürzt.

Aber immerhin: Die Weasleys können etwas an ihrer Lage ändern. Die Zauberwelt ist klein, das Organisieren sollte einfach sein: Gründet eine Gewerkschaft. Schließt euch zusammen. Sorgt dafür, dass die Löhne steigen. Dann ist auch wieder mehr Geld da zum verpulvern, und zumindest ein Teil der Zauberer des alten Adels könnten auf die Idee kommen, ihre Gringots-Safes zu leeren, um mit dem so investierten Geld mit der Zeit noch reicher zu werden. Wenn es aufwärts geht: Lasst euch nicht abspeisen. Wenn es zwischendurch wirtschaftliche Schocks gibt:. Lasst euch nicht abspeisen. Drückt weiter von unten gegen die Löhne, denn natürlich wird mit dem Aufschwung auch erstmals so etwas wie Inflation einsetzen (nein, das ist keine Zauberei, sondern durch die Nachfrage getrieben). Mit der Zeit wären all die niederen Beamten auch gut beraten, im Staatsapparat auf solide soziale Absicherungssysteme zu drängen, denn genau die verhinderten bei ansonsten gleich beschissener Politik, dass die Wirtschaftskrise 2008 ff in gleicher Weise durchschlug wie die 1929. Ganz wichtig aber auch: Es wird innovative Ideen brauchen, was man Zauberern eigentlich verkaufen kann. Denn die scheinen, wie gesagt, für die alltägliche Unterhaltung und überhaupt alles, was über das nackte Überleben hinausgeht, mit ihrem Zauberstab in der Hand eine mächtige Waffe gegen Konsum-Versuchungen bereit zu haben. Ich denke wir wissen alle, worauf es hinausläuft: Eine gigantische magische P***o-Industrie.

Bild: Pixa, gemeinfrei

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