Die Pfarrerin, die es nicht geben sollte. Louise Erdrichs Die Wunder von Little No Horse.

Louise Erdrich ist die Stetige unter den großen Romanciers. Mit einer Ausnahme ist mir kein Fehlgriff bekannt. Und selbst der liest sich noch größtenteils relativ angenehm und hat einige genuin starken Passagen.

Fast Erdrichs gesamtes Werk kreist um die Kontakte zwischen Ojibwe und Einwanderern in Minnesota im 19. und 20. Jahrhundert. Das jetzt bei Aufbau neu aufgelegte Die Wunder von Little No Horse ist keine Ausnahme. Es handelt sich im überzeugenden Gesamtwerk um einen der überzeugenderen Romane. Eine spannende Ausgangslage: Ein 96-jähriger Priester, der regelmäßig Briefe an den Vatikan schrieb, bekommt Besuch aus eben diesem. Im Raum steht die Heiligsprechung eines Schützlings, eines Ojibwe-Mädchens. Dem Leser wird derweil ein wichtiges Detail bekannt, das dem Besucher aus dem Vatikan verborgen bleibt: Der Pfarrer ist in Wahrheit eine Frau.

In der Folge erzählt der Roman relativ chronologisch, doch mit Zeitsprüngen, wie sie sich aus Erinnerungen ergeben, die mutmaßlich wiederum aus der Gesprächssituation zwischen Pfarrerin und Gast im Alter entspringen, wie die ehemalige Nonne Agnes in die Lage kam, ein 96-jähriger Pfarrer zu sein. Großes Talent am Klavier, die Liebe zu Chopin, und die Fähigkeit, selbst Bach „erotisch“ zu spielen, treiben Agnes aus dem Kloster und in ein Leben „in Sünde“ mit einem jungen deutschen Einwanderer, der später bei einem Überfall ums Leben kommt. Während einer Flut stößt Agnes, noch orientierungslos vom Tod des Geliebten und eigenem Blutverlust auf einen toten Pfarrer und nimmt dessen Identität an. Nicht lang, und sie wird auf Mission zu den Ojibwe geschickt.

In der Folge kreist der Roman um das Spannungsverhältnis zwischen christlichem Glauben und der/den ursprünglichen Religion(en) der Ojibwe, und die Frage nach der Moralität der Missionsarbeit. Verschiedene Konzepte von sexueller Identität spielen immer wieder eine Rolle, denn Weiße, Ojibwe und andere Ethnien der Region nehmen Familie und Sexualität sehr unterschiedlich wahr. Erdrich reflektiert dabei die Selbstwahrnehmung von Agnes auch sprachlich, indem sie, zwar in der dritten Person erzählend, auf Agnes in unterschiedlicher Weise verweist: Tendenziell eher als „Father Damien“, wenn es darum geht, offiziellen Funktionen auszuüben, und als „Agnes“, wenn diese im Stillen ganz bei sich selbst ist. Natürlich ist eine solche Grenze fluide, und entsprechend schlägt die Art und Weise, wie von der Protagonistin gesprochen wird, mal stärker in die eine, mal stärker in die andere Richtung aus.

Ein gelungenes Werk, das einmal mehr alle Erwartungen des sogenannten kolonialen Blicks wie aber auch die der postkolonialen Akademiker unterläuft. Das Reservat, das ist hier wiederum, wie in allen Romanen Erdrichs, kein besserer und kein schlechterer Ort, und die Mehrheitsgesellschaft  oder „Der Westen“ auch nicht einfach der böse Unterdrücker. Da sind Menschen, die ihr Leben organisieren, die längst in vielfacher Weise mit der Welt der „Weißen“ verbunden und auch durchmischt sind, und die in ihren Reihen Skeptiker am eigenen Glauben kennen, Traditionalisten, doch ebenso fanatische Christen. Ein weiterer Erdrich-Roman, mit dessen Lektüre man wenig falsch machen kann. Obschon auch dieses Buch vielleicht etwas lang geraten ist.

Bild: Wiki, gemeinfrei. Dorf der Ojibwa bei Sault Sainte Marie 1846, Gemälde von Paul Kane

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