Ein in Deutschland fast vergessener großer russischer Roman: In den Wäldern von Pawel Iwanowitsch Melnikow

Mein großes Leseprojekt in diesem Jahr ist In den Wäldern von Pawel Iwanowitsch Melnikow. Der knapp 2000 seitige Roman ist die erste Hälfte eines Doppelromans über das Leben der Altgläubigen im 19. Jahrhundert an dem Ufer der Wolga und in den Wäldern weiter östlich davon. Die Altgläubigen sahen sich in Russland seit den Nikonschen Reformen andauernder, mal stärkerer, mal weniger starker Verfolgung ausgesetzt. In der Phase, in der der Roman spielt, scheint das Leben der Menschen nicht bedroht, doch kämpft man mit einem heftigen Priestermangel, und ein Teil-Plot ist die Hoffnung, altgläubigen Priester aus dem Exil in Österreich „importieren“ zu können.

Das große Problem bei der Lektüre: In den Wäldern liegt auf Deutsch nur in einer relativ alten, stark gekürzten und dabei doch relativ teuren DDR-Ausgabe vor. Also habe ich mir die kostenlosen Ausgabe für Kindle auf Russisch heruntergeladen, und versuche nun Tag für Tag, ehe ich an leichtere Lekrüre gehe, etwa ein Prozent des Buches zu lesen. Wirklich abgeschlossen ist In den Wäldern allerdings ohne den Nachfolger In den Bergen nicht. So dass nach bisher 1000 Seiten noch etwa 3000 vor mir liegen dürften.

Lauers Geschichte der russischen Literatur stellt Mel’nikow fast auf die gleiche Stufe mit Dostojewski und Tolstoi. Und das ist abgesehen davon, dass die beiden anderen insgesamt mehr und thematisch breitere Werke veröffentlicht haben, gar nicht so sehr übertrieben. Die Geschichte, die sich besonders auf die Familie Tschapurin und das nahe Kloster, in dem die Schwester des Hausherren Äbtissin ist, konzentriert, ist gesättigt mit Details, interessanten Nebencharakteren, durchzogen von zahlreichen weiteren kleinen Geschichten, die teils auch ursprünglich als eigenständige Erzählungen veröffentlicht worden waren, und lebt ähnlich wie im Fall Dostojewskis von bewegenden Dialogen, wobei Mel’nikow zugleich auch noch deutlich detaillierter beschreibt. Wichtige Hintergründe bilden zudem Legenden, die sich die Gläubigen erzählen, sowie lokale Volksmärchen, die teils in Gesprächen, teils in stimmungsvoll-verträumt Passagen zu Beginn eines neuen Bandes oder Kapitels, ausgebreitet werden. Wobei beides dazu dient, das Denksystem der Menschen an der Wolga näher zu beleuchten.

Das ist übrigens durchaus nicht weniger „modern“ als das der Zeitgenossen in den größeren Metropolen. Ja, es gibt teilweise andere Prioritäten, viel Witz muss etwa darauf verwandt werden, wie man dem Glauben treu bleiben kann, wenn es an Priestern fehlt. Doch tatsächlich unterscheidet sich der alte Glaube von der neuen Orthodoxie ja auch nur in einigen wenigen Details, wie etwa dem berühmten Kreuzschlag mit zwei oder drei Fingern. Eine stete Erinnerung daran, wieviel das Ritual einmal dem Christentum bedeutete. Etwas, das heute in der westlichen Kultur fast in Vergessenheit geraten ist. Selbst der Katholizismus hat das Ritual ja längst in einer Weise verändert, dass es einem Protestanten aus der Zeit Luthers Angstschweiß auf die Stirn treiben dürfte.

Doch abseits davon? Geht es ums Geld verdienen, darum, mit wem die Tochter verheiratet werden soll, die sich ihrerseits allerdings einen aufstrebenden Arbeiter ausgeguckt hat und ähnliches Zwischenmenschliches. Zwischendurch wird eine Expedition organisiert, die in östlichen Ländereien nach Gold suchen soll, wie sich herausstellt übrigens ein Hoax, mit dem ein alter Bekannter versucht an das Geld der Wolgabewohner zu kommen, es werden Feste gefeiert und es wird geliebt – nicht nur innerhalb der vom Glauben dazu vorgesehenen Institutionen.

Ich gebe zu, ich verstehe nicht jedes Wort, besonders die lokalen Besonderheiten und die kirchlichen Ausdrücke machen den Roman manchmal zu einer großen Schwierigkeit. Immerhin kann man auf Kindle manches direkt nachschlagen, wobei der eingebaute Bing-Übersetzer leider oftmals, wenn er ein Wort nicht weiß, einfach etwas zu erfinden scheint. Aber es ist trotzdem sehr vorteilhaft, dieses Werk einmal auf Russisch zu lesen. Noch viel tiefer gesättigt in lokalen Gepflogenheiten und Mythen als etwa die Werke Tolstois oder Dostojewskis ist In den Wäldern, darin Gogols Werk ähnlich, wenn auch gänzlich ohne Einbrüche des Magischen in die Handlung. Sicher, auch jene beiden Autoren lesen sich sícher am besten im Original. Doch gibt es starke Übersetzungen, mittlerweile sogar für verschiedene Geschmäcker. In den Wäldern in der Originalsprache zu erleben ist aber gerade wegen der „Local Colour“ definitiv die Arbeit wert, auch wenn im Vergleich mit einer Übersetzung dem Nicht-Muttersprache dadurch vielleicht eher mehr von den subtilen Bedeutungen verloren geht.

In den wenigen deutschen Texten zum Buch wird sich übrigens darüber gewundert, dass dieses Buch in der Sowjetunion empfohlen, und nicht zensiert wurde. Denn auch wenn Mel’nikow anfangs tatsächlich seine Informationen im staatlichen Auftrag als Feind der Altgläubigen gesammelt hat, wurde er später zu deren Advokat, und auch dieser Roman ist offenkundig vielmehr ein Werk der Liebe als ein Werk der Feindschaft oder gar der aufklärerischen Religionskritik. Doch die sowjetische Zensur war nie so eindeutig und rigoros, wie man sich das im Westen heute gern vorstellen möchte. Solshenizyn konnte zeitweise erscheinen, und selbst ein gefeiertes Werk, manche sagen gar, ein Auftragswerk, wie das berühmte Der stille Don zeigt die Revolutionäre so brutal und durchaus auch fehlbar, dass man es fast ebenso gut als antirevolutionäres Werk lesen kann. Des weiteren gilt Brechts Einsicht, dass der Zensor oft ein Werk am besten versteht. Und In den Wäldern zeigt vor allem „kleine Leute“ als sympathische Charaktere, die mit den Zumutungen des Zarismus, den Zumutungen der Wildnis, und den Zumutungen sozialer Konventionen zu kämpfen haben. In den Wäldern ist ein liebevolles Buch über Gläubige, anders aber als etwa Dostojewskis Werk ist es keines, das hintergründig immer versucht, eine religiös-fundamentalistische Agenda zu verkaufen, die, wie in meiner Serie zum Autor dargestellt, auch stets mit antisemitischen Untertönen daherkommt. Ja, selbst Tolstois naiver Erlösungsglaube schafft fundamental religiösere Romane, als In den Wäldern trotz seines orthodoxen Personals in ganzen religiös ist. Ich denke, die Zensur hat klar gesehen, dass dieses Buch auch in der Sowjetunion hochgehaltene Werte fördert, ohne dem Staat gefährlich zu werden. Das hat für deutsche Leser immerhin den Vorteil, dass von In den Wäldern eine Ausgabe aus der ehemaligen DDR vorliegt. Ansonsten wäre dieser große Romancier des 19. Jahrhunderts zumindest hierzulande wahrscheinlich heute tatsächlich komplett vergessen.

Bild: Pixa, gemeinfrei

3 Gedanken zu “Ein in Deutschland fast vergessener großer russischer Roman: In den Wäldern von Pawel Iwanowitsch Melnikow

  1. Alia Taissina sagt:

    Hallo, Sören! Respekt! Zuerst habe ich mich gewundert und dann ist mir eingefallen, dass Du Russisch als zweites Fach oder Nebenfach gehabt hast. Ich habe die Bücher als Kind gelesen, weil sie eine Tante von mir zufällig hatte. Er wurde nicht zensiert, weil er 1883 gestorben war, was bedeutet, dass er nicht gegen die Kommunisten sein konnte. Übrigens, Du kannst die Bücher auch als kostenlose Hörbücher im russischen Internet oder sogar ion Youtube hören. Ich wünsche Dir viel Erfolg. Wenn Du ein Wort oder einen Ausdruck partout nicht verstehst, kannst mich in Facebook fragen.

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