Der überschätzte Mann ohne Eigenschaften. Zu einer der größten Stilblütensammlungen der Literaturgeschichte

Ich halte Der Mann ohne Eigenschaften für einen der überschätztesten Romane der deutschsprachigen Literatur. Als ich ihn mir relativ spät in meiner Lesekarriere erstmals vornahm, musste ich mich zwischendurch auf geliebte moderne Klassiker von Woolfe bis Marquez zurückziehen, einfach um zu prüfen, ob es an mir liegt, dass mir plötzlich „meisterhafte Prosa“ gestelzt, hölzern, schwerfällig vorkommen wollte, oder ob ich tatsächlich ein unausgegorenes Konglomerat von selten tatsächlich gelungen Sätzen und Bildern, schiefen Vergleichen, redundanten Bandwürmern und einem teils durchaus amüsanten Kompendium unfreiwilliger Stilblüten hier als große deutsche Sprachkunst vorgesetzt bekomme. Immerhin stellte ich beim späteren Recherchieren dann fest, ich bin mit meiner Kritik an dieser misslungenen Synthese von Erzählung, Essayismus und Oberstufen-Philosophie nicht ganz alleine. Einmal finde ich mich relativ weitgehend mit Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki übereinstimmen. Der zeigte, gekürzt im Spiegel, sowie in seinem Buch Sieben Wegbereiter, bereits zahlreiche Schwächen von Der Mann ohne Eigenschaften auf.

Form und Inhalt nebeneinander. Musil mit Reich-Ranicki

Ich erlaube mir hier eingangs, entscheidende Passagen Reich-Ranickis zu sammeln und Entscheidendes zu fetten:

„Es ist doch gerade die Fülle der Details, der Einfälle, die Musils Werk so fragwürdig macht. Denn viele von ihnen haben innerhalb des Romans keinerlei Funktion…“.

„Dabei übernahm Musil manche Kapitel und zahlreiche Passagen ganz oder teilweise von anderen Autoren, (…) Die verwendeten Beiträge betreffen alle denkbaren Themen, haben oft mit den Figuren des Romans nichts zu tun und sind von sehr unterschiedlichen Schriftstellern oder Journalisten geschrieben (…) Viele dieser (gelegentlich schamlosen) Anleihen haben die Musil-Philologen respektvoll untersucht und kommentiert. Es ist der emsigen Forschung gelungen, eine Menge derartiger im „Mann ohne Eigenschaften“ ohne Pardon untergebrachten Lesefrüchte – natürlich nicht alle – aufzudecken“.

„Die Handlung, soweit von einer solchen die Rede sein kann – Heimito von Doderer spricht von einer „im Essayismus erstickenden fadendünnen Handlung“ -, dient meist bloß als Vorwand“

„Nur in wenigen Kapiteln ist im „Mann ohne Eigenschaften“ das Sinnliche dem Begrifflichen gewachsen. (…) So erfahren wir in Zusammenhang mit einer leidenschaftlichen Affäre aus Ulrichs Vergangenheit, dass er sich an das Gesicht, an die Stimme und an die Kleider seiner Freundin nicht mehr erinnern könne, denn: „Ulrich hat sich von Beginn an weniger in die sinnliche Anwesenheit dieser Frau verliebt als in ihren Begriff.“ Und: „Es dauerte nicht lange, da war sie ganz zum unpersönlichen Kraftzentrum, zum versenkten Dynamo seiner Erleuchtungsanlage geworden.““

„Ob es seiner Gemeinde nun gefällt oder nicht – Musil ist ein traditioneller, ein allwissender Erzähler der herkömmlichen Art; und nur da, wo er im „Mann ohne Eigenschaften“ traditionell erzählt, gelingen ihm Kapitel von beachtlicher oder gelegentlich auch hoher Qualität. Damit hängt ein Widerspruch zusammen, der sich durch den ganzen „Mann ohne Eigenschaften“ zieht, der den Roman gefährdet und seine Konzeption in Frage stellt: Einerseits bedrängt Musil den Leser mit dem zu seiner Zeit üblichen, dem überaus modernen Zweifel an der Darstellbarkeit der Welt, andererseits ist er über das Seelenleben seiner Personen genauestens informiert und breitet dieses Wissen immer wieder aus.

Die Stoßrichtung ist klar, und vor allem: Richtig. MMR arbeitet deutlich heraus, wie wenig Musil den von ihm selbst konstatierten Problemen des Erzählens in einer Zeit gewachsen ist, die sich vom gediegenen 19. Jahrhundert1 radikal dahingehend unterscheidet, dass die Beschleunigung des Lebens nun alle Gesellschaftsschichten durchdrungen hat, dass die mörderische Seite des „Fortschritts“ nun wirklich nicht mehr zu leugnen ist, ebenso wie die von Musil durchaus erkannte romantische Gegenbewegung und deren Kulminationspunkt in Naturverehrung, Rassenmystik und Antisemitismus. Musil sieht all das, und zieht formal kaum weitreichende Konsequenzen. Selbst schreibt er gar im Roman, man könne eigentlich gar nicht mehr vom Bewusstsein schreiben, und erzählt dann auktorial wie weiland Wieland von den Schwierigkeiten, vom Bewusstsein zu schreiben.

Dass es zwischen den Weltkriegen allerdings noch möglich war, recht traditionell anmutend und dabei zeitgemäß zu erzählen, bewies freilich unter anderem Thomas Mann, obschon zumindest dessen Dr. Faustus (wie auch schon Die Buddenbrooks) bei näherem Hinsehen eine weitaus virtuosere Konstruktion zu Grunde liegen. Allerdings: Mann gelingt die Balance, weil er beides beherrscht. Das altväterliche Erzählen ebenso wie den zeitgemäß komplex-vielschichtigen Aufbau. Im Falle von Musil hapert es nicht nur überhaupt an einer erzählerischen Reaktion auf die von ihm bemerkten zeitlichen Verwerfungen, auch auf der einfachen Ebene des Satzbaus oder des Aneinanderreihens von Ereignis zu Ereignis wirkt Der Mann ohne Eigenschaften regelmäßig wie hastig hingeworfen, wie ein Gerüst, das auch in den „fertigen“ Passagen noch ausgiebiger stilistischer Überarbeitung bedurft hätte. Manche Phrase taucht gar an mehreren Stellen fast wortgenau wieder auf.

Musil in Aktion

Man beachte etwa, wie Musil seine Autoren-Sprachrohre immer wieder ohne ernsthafte Motivation aus der Handlung Gedanken zu Nietzsche rausplappern lässt, die dem Autor wohl gerade durch den Kopf gegangen sein mögen, und dabei wichtige Informationen, welchen Bezug die Personen eigentlich zu diesen Philosophen haben mögen, nachträglich noch schnell in die Handlung wirft, wo es so etwas doch im Vorfeld hätte aufbauen können:

„Dann gingen Clarisse und Ulrich ohne ihn im schrägen Pfeilregen der Abendsonne spazieren; er blieb am Klavier zurück. Clarisse sagte: »Sich etwas Schädliches verbieten können, ist die Probe der Lebenskraft! Den Erschöpften lockt das Schädliche! – Was meinst du dazu? Nietzsche behauptet, daß es ein Zeichen von Schwäche ist, wenn sich ein Künstler zuviel mit der Moral seiner Kunst beschäftigt?« Sie hatte sich auf einen kleinen Erdhügel gesetzt.

Ulrich zuckte die Achseln. Als Clarisse vor drei Jahren seinen Jugendfreund heiratete, war sie zweiundzwanzig Jahre alt gewesen, und er selbst hatte ihr zur Hochzeit die Werke Nietzsches geschenkt. »Wenn ich Walter wäre, würde ich Nietzsche zum Duell herausfordern« antwortete er lächelnd.

Clarissens schlanker, in zarten Linien unter dem Kleid schwebender Rücken spannte sich wie ein Bogen, und auch ihr Gesicht war gewaltsam gespannt; sie hielt es von dem des Freundes ängstlich abgewandt. [man versuche sich das mal bildlich vorzustellen!]

»Du bist noch immer mädchen- und heldenhaft zugleich …« fügte Ulrich hinzu; es war eine Frage oder auch keine, ein wenig Scherz, aber auch ein wenig zärtliche Verwunderung…“

Oder wie hier eine Frage („Meingast?“), die keiner Erklärung bedarf, erst auktorial erklärt wird, nur um dann Ulrich nochmal erklären zu lassen, warum er gefragt hat, und dass die Frage nun beantwortet sei, was Clarisse aber nicht abhält, sie weiter zu beantworten, was wiederum Ulrich zu der tapperten Wendung bewegt, er habe „den Zusammenhang verloren“. Tell, don’t show, at its best:

„Nun ja, natürlich, das Pachhofensche. Wir waren alle eingeladen. Auch Walter war zum erstenmal mit uns. Und Meingast.«

»Meingast?« Ulrich wußte nicht, wer Meingast sei.

»Aber ja, du kennst ihn doch auch? Meingast, der dann in die Schweiz gegangen ist. Damals war er noch nicht Philosoph, sondern Hahn in allen Familien, die Töchter hatten.«

»Ich habe ihn nie persönlich gekannt;« stellte Ulrich fest »aber jetzt weiß ich wohl, wer er ist.«

»Also gut,« – Clarisse rechnete angestrengt im Kopf »warte: Walter war damals dreiundzwanzig Jahre alt und Meingast etwas älter. Ich glaube, Walter hat im geheimen mächtig Papa bewundert. Er war zum erstenmal auf einem Schloß eingeladen. Papa hatte oft so etwas wie einen inneren Königsmantel. Ich glaube, Walter war anfangs mehr in Papa verliebt als in mich. Und Lucy –«

»Um Gottes willen, langsam, Clarisse!« bat Ulrich. »Ich glaube, ich habe den Zusammenhang verloren.«“

Und selbst das zentrale Konzept des Romans wird hingekotzt, statt gezeigt, entwickelt:

„»Das vor ein paar Tagen. Ich habe dir erklärt, was ein lebendiges Formprinzip in einem Menschen bedeutet. Erinnerst du dich nicht, wie ich zu dem Schluß gekommen bin, daß früher statt Tod und logischer Mechanisierung Blut und Weisheit geherrscht haben?«

»Nein.«

Walter war gehemmt, suchte, schwankte. Auf einmal platzte er los: »Er ist ein Mann ohne Eigenschaften!«

»Was ist das?« fragte Clarisse kichernd.

»Nichts. Eben nichts ist das!«

Aber Clarisse war durch das Wort neugierig geworden.

»Das gibt es heute in Millionen« behauptete Walter. »Das ist der Menschenschlag, den die Gegenwart hervorgebracht hat!« Das unversehens gekommene Wort hatte ihm selbst gefallen; als begänne er ein Gedicht, trieb ihn das Wort vorwärts, ehe er den Sinn hatte“

Wobei Ulrich natürlich in Wahrheit alles andere als ein Allerweltsmensch ist, als das reine Gegenteil möglicher zukünftiger Ameisenstaatsbewohner gezeigt wird. Welch großartige „Menschen ohne Eigenschaften“ schuf etwa zur gleichen Zeit Kafka, ohne nur einmal auf solch hochtreibendes Theoretisieren zurückgreifen zu müssen. Ein Autor, dessen besonderes Stilvermögen leider all zu gern unter dem Begriff „Kafkaesk“ verbuddelt wird.

Musil dagegen postuliert stets, was er nicht zeigen kann. Und was er nicht zeigen kann, ist vieles, ja, fast alles.

Segnung des Hörbuches

Dabei ist natürlich nicht alles schlecht an Der Mann ohne Eigenschaften. Ob der zahlreichen Verdruckstheiten mag man geneigt sein, es zu überlesen, aber dem Autor hinter Die Verwirrungen des Zöglings Törleß und einigen weiteren durchaus gelungenen kurzen Erzählungen gelingen auch hier immer wieder starke Passagen, insbesondere, wenn es um ausdrucksstarke Bilder zu tun ist. Genau hier kommt es allerdings auch immer wieder zu größten Missgriffen.

Ich habe mir mittlerweile das von Wolfram Berger gelesene Hörbuch zugelegt, und das hilft dank der zahlreichen Nuancen des Wienerischen, die der Vorleser beherrscht, doch sehr, dieses unausgegorene Mammutwerk in all seiner Unausgewogenheit zu genießen. Denn Berger scheint die Schwächen von Der Mann ohne Eigenschaften recht gut zu kennen. Immer in Passagen wie den obigen, packt er ganz besonders den Schmäh aus, und macht es so recht leicht, Redundanzen durchzustehen. Und während Musil seine „Dialoge“ regelmäßig wie Referate und Co-referate von Studenten der ersten Semester Philosophie geschrieben hat, bringt Berger durch den differenzierten Einsatz von Dialekt und Stimmlage Leben auch in diese Textwüste – fasst hat man das Gefühl, wirklich glaubhaften Dialogen beizuwohnen.

So lässt sich ein Buch, das maßlos überhyped und derweil kaum mehr gelesen wird, dann tatsächlich ertragen. Und wenn’s sein muss sogar mehrmals. Das wäre doch eine gute Voraussetzung dafür, dass tatsächlich abseits akademischer Zirkel diskutiert werden könnte, die solche Bücher lieben, weil man ungestört lange Abhandlung darüber schreiben kann, und die Frage nach ästhetischer Qualität fast vollständig aus ihrem Betätigungsfeld verbannt haben. Denn es ist ja, wenn auch nicht einer der besten, so doch einige der wichtigsten Romane in deutscher Sprache. Und das durchaus auch in ästhetischer Hinsicht: Wie kein anderes Werk zeigt in seinem Scheitern Der Mann ohne Eigenschaften, warum im 20. und 21. Jahrhundert, wenn man dessen gesellschaftliche Entwicklungen ernst nimmt, kein Weg mehr zurück führt zum gemütlichen Erzählen a la Keller oder Stifter (für gewöhnlich wird an dieser Stelle gerne Goethe genannt, aber ich habe unter anderem hier schon einmal angerissen, dass der durchaus selbst im hohen Alter noch fähig war, die Zeichen der Zeit zu erkennen, und im Gegensatz zu seinen Epigonen bereits in den absoluten Kindertagen dessen, was man „Moderne“ nennen könnte, zumindest strukturell ein moderner Erzähler.)

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1Bzw dem gediegenen 19. Jahrhundert der Erzählungen einer Oberschicht, die das verheizt Werden des Proletariats in Arbeit und Krieg kaum kümmerte, und an deren Erzählstil zwischen Idylik und sanftem Naturalismus auch Musil geschult ist.

Bild: pixa, gemeinfrei

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