Wie Dostojewskij Dostojewskij wurde. Das Totenhaus und seine besondere Stellung im Werk.

Ich bin prinzipiell kein großer Freund von Gefängnisliteratur. Sicher, sie ist notwendig, um immer wieder über Missstände zu informieren, und sie kann Menschen, denen es besser geht, sehr eindringlich erfahrbar machen, wie es in einen Gefängnis, besonders vielleicht in autoritären Systemen, aussieht. Aber literarisch entsteht doch meist im besten Fall Mittelmäßiges. Auch wenn Roman drauf steht: Echte Gefängnisromane gibt es recht selten, da die Autoren all zu nah an ihrem Gegenstand sitzen. Gefängnistexte zeichnen sich oft durch schreckliche Redundanz aus, ja, man will den Alltag fühlbar machen, doch am Ende macht man ihn langweilig.

Dostojewskijs Aufzeichnungen aus einem Totenhaus sind die einsame Ausnahme. Ja, auch da steht manchmal „Roman“ drauf, doch kaum einer würde den Text als solchen bezeichnen. Zu den Hintergründen der Haft des Autors informiert Wikipedia. Dostojewski nutzt eine Herausgeberfiktion, um einen Frauenmörder seine Erfahrungen aus vier Jahren Lager schildern zu lassen, die eigentlich größtenteils schlecht verkleidet die Erfahrungen des Autors aus der politischen Verbannung sind. Und dabei zeichnet er das Lager als einen Mikrokosmos, in dem die sonst immer getrennten Sphären Russlands aufeinander stoßen, sich Arm und Reich, Zivil und Militär auf engstem Raum berühren, und – seltener – vermischen. Ein tatsächlich einzigartiger Ort in der damaligen russischen Gesellschaft. Es gibt so vielen Wiederholungen und Schrecken, dass man nachfühlen kann, was Lagerhaft bedeutet, doch nicht so viel, dass man abschaltet. Aber die Figuren und die Szenerie! Sie sind, den reduzierten Verhältnissen zum Trotz, genauso vielfältig, wie die späteren Werke Dostojewskis im Freien. Ja, es lässt sich argumentieren, dass Dostojewskis spätere Gesellschaftsromane die Gesellschaft selbst in Analogie zu einem Gefängnis zeigen: Deshalb diese äußerste Gedrängtheit, dass man manchmal selbst beim Lesen kaum atmen kann. Enge Zimmer, finstere Klausen, Städter und Dörfler, die sich gegenseitig überwachen. Die Hölle, das sind die anderen.

Und tatsächlich ist das Totenhaus, wie auch das Nachwort der alten Piper-Ausgabe zeigt, ein zentraler Moment des Gesamtwerks des Autos. Hier trifft die progressiv gestimmte Intelligenzia auf den russischen Arbeiter und Bauern, und der ist überhaupt nicht so, wie es sich die Revolutionäre im Wartestand vorstellen. Für Dostojewski reifte dadurch die Absage an alle revolutionären Ideale, und die Hinwendung zu Staat, Religion und Konservativismus (wo hinein meines Erachtens natürlich auch zu großen Stücken der Schock von Scheinhinrichtung und Haft hinein spielte und letztlich die Indentifikation mit dem Agressor – aber Dostojewskijs Konservativismus ist eben doch weit mehr als „Stockholm-Syndrom“). Für die Leserschaft reifte hier aus einem nur interessanten ein großer Schriftsteller.

Bild. Wiki, gemeinfrei

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