Einer der schwächeren Romane: Schuld und Sühne. Exkurse zum Übersetzungsstreit und zum Antisemitimus.

Dass die Stärke der größten Romane Dostojewskijs in ihrem Ausagieren von Handlungen und Meinungen liegt, getragen von überzeugenden, wenn auch immer leicht karikaturesken Figurenzeichnungen (nicht nur der Haupt, sondern auch zahlreicher wichtiger neben Charaktere), habe ich in meinen letzten beiden Besprechungen hoffentlich hinreichend klargemacht.

So viel Gejaule…

Es dürfte nicht überraschen, dass ich das gefeierte Schuld und Sühne (Neuer: Verbrechen und Strafe) für einen der schwächeren Romanen des Autors halte. Zu sehr treten hier die Figuren des Raskolnikow und seines polizeilichen Gegenspielers in den Vordergrund, zu zentral ist die Überspanntheit des Hauptcharakters, die den gesamten Roman insgesamt zu einem überspannten Werk macht (Überspanntheit, das ist ein Begriff, der besonders in Die Brüder Karamsow verwendet wird. Alle Romane Dostojewskis beinhalten überspannten Charaktere, ja, die gesellschaftliche Situation ist insgesamt eine überspannte, doch vermögen die gelungenen Werk die Oberflächen- und Tiefenspannung zwischen den Figuren zu halten, Schuld und Sühne dagegen kollabiert immer wieder)

Besonders deutlich macht das Problem die Lesung von Gert Westphal. Soviel Geschrei, Gesäusel, gejaule, das lässt sich als Hörbuch kaum ertragen, und hier liest immerhin einer der besten deutschen Sprecher, und durchaus in Übereinstimmung mit dem Material. Sicher, auch dieser Roman hat seine historische Bedeutung, und die Ausgangsfrage: Darf/Kann eine Persönlichkeit, die Großes vorhat, zum Wohle des Ganzen über Einzelne hinweg steigen, bleibt eine, der sich die Moderne immer wieder zu stellen haben wird. Übrigens beantwortete Roman diesen Komplex gar nicht so einfach, wie man zu glauben geneigt ist: Raskolnikow WAR eben niemals ein Napoleon (und setzt auch nie einen großen Plan in Bewegung, versuchte es nicht einmal. Er mordet, stielt, und heult dann. Heult unglaublich viel). Und während die meisten Leser die Frage mit einem kategorischen Nein beantworten dürften, haben wir als Gesellschaft, deutsch, europäisch, weltweit, die Frage historisch-kollektiv bisher eigentlich immer mit Ja beantwortet. Und bejahen sie auch heute noch fortwährend, schon allein indem wir in einer Welt leben, die ohne Raskolnikowsche Schandtaten ganz anders eingerichtet wäre.

Zur Ehrenrettung älterer Überstzungen

Ein paar Worte vielleicht noch zum Übersetzungsdiskurs, der sich besonders gern an diesem Werk festmacht und die neue Version über den grünen Klee gelobt. Ich habe nichts gegen die neue Übersetzung, möchte aber auch die alten nicht so geringgeschätzt wissen, wie das in letzter Zeit häufiger, nicht nur bezüglich Dostojewskij, geschieht. Neuübersetzungen rühmen sich ja gern, besonders nah am Ton des betreffenden Schriftstellers zu übersetzen, und nicht mehr irgendwelchen Moden der jeweiligen Zeit zu folgen. Doch die Mode der Zeit ermöglicht es nicht selten die Stimmung eines Werkes besser in eine Sprache transponieren, die als Zeitadäquat empfunden wird, als alle Überlegungen eines einzelnen Übersetzers. Ein Roman aus dem 19. Jahrhundert, übersetzt in 19. Jahrhundert, wird sich Kraft der Gewalt genau dieser zeitlichen Sprach-Mode mit großer Wahrscheinlichkeit eher wie ein Roman des 19. Jahrhunderts anfühlen, als eine moderne Übersetzung. Und was heißt eigentlich „Authentizität“ im ästhetischen Kontext? Der wird nämlich häufig zu wenig bedacht, mit Romanen wird umgegangen als seien sie Geschichtsbücher. Die wenigen Worte des berühmten Titels Schuld und Sühne können das vielleicht verdeutlichen. Wie glücklich war Akademia, als endlich aus Prestuplenie i Nakazanie „Verbrechen und Strafe“ wurde, statt des eleganteren, aber „falschen“ Schuld und Sühne. Und ist das nicht die einzige richtige Übersetzung, wo doch im Original eindeutig dieser Titel steht? Nunja: Ich kenne Slavisten, die direkt für das noch wörtlichere „Übertretung und Strafe“ plädieren, da das Deutsche eine adäquate Übertragung von „Prestuplenie“ gar nicht kenne. In beiden Fällen wird aber übersehen, welch ein wundervoll klingender Titel Prestuplenie i Nakazanie eigentlich ist. Da ist die rhythmische Parallele der beiden Fünfsilber, da ist zudem der Kontrast des helltönenden „Prestuplenie“ zum dunkleren „ Nakazanie“ und immerhin den bildet das alte deutsche Schuld und Sühne durch die Verschiebung vom u zum ü ein wenig nach. Und auch wenn der Klang nicht gänzlich übernommen werden kann, Schuld und Sühne hat im Titel einen gewissen „Flow“, den das Original auch hat, während Verrrbrrechchen und Straaafffe in etwa so klingt, wie man sich im Ausland das Deutsche als Kasernenhofsprache vorstellt. Und daran hängt dann auch ein metaphysisches Problem: Der deutsche Begriff des Verbrechens, ebenso der der Strafe, ist sehr technisch. Man denkt an staatliche Akte, Gerichte, Verwaltung. Für Dostojewskij hatte so etwas allerdings nur periphere Bedeutung. Es kommt im Roman vor, macht aber gerade nicht die Hauptsache aus. Das Verbrechen ist auch eines gegen die wirkliche Ordnung im Sinne des einen Gottes, die Strafe ist nur vermittelt duch den Staat eine höher-gerechte, in der, samt ihrer Modalitäten (Verbannung, Begleitung durch die Maria-Magdalenen-Figur Sonja, Läuterung durch Arbeit) die tatsächliche Wiedergutmachung an jener höheren Ordnung, die in den Gesetzen der Gesellschaft nur verkörpert wird, impliziert ist. Und wie nennen wir so eine Wiedergutmachung? Genau: Sühne. Was wird gesühnt? Schuld. Es lässt sich also durc aus auch argumentieren, dass die Übersetzung „Schuld und Sühne“ kein Kurzschluss war, sondern von einem noch selbstverständlichen nachvollziehen der Denkweise Dostojewskijs befeuert, also wohl-abgewägt nicht nach dem Wortlaut, sondern dem Geist des Werkes war. Während Verbrechen und Strafe zwar den Wortlaut beachtet, aber zeigt, wie weit das 21. Jahrhundert der Ideenwelt des orthodoxen Reaktionärs Dostojewskij entrückt ist. Man muss nun auch dieser Auslegung wiederum nicht folgen, sollte solcherlei Erwägungen aber zumindest im Kopf behalten, wenn leichtfertig über die Fehler der Alten geurteilt wird.

Die Schwierigkeit,
des Antisemitismus habhaft zu werden

Zuletzt ist auch Schuld und Sühne ein interessantes Versatzstücke innerhalb der Frage, wie der Antisemitismus des Autors in das literarische Werk Dostojewskijs hineinspielt. Aus Faulheit zitiere ich aus einer alten Hausarbeit:

Hier tauchen die Gestalten Janckels und Bumštejns wieder auf, entstellt zur Karrikatur einer Karrikatur, selbst die äußere Ähnlichkeit zum Huhn wird mit all ihren Implikationen aufgegriffen. Bösartigkeit und Verschlagenheit,wird deutlich, sind Alëna Ivanovna bereits in die Physiognomie tief eingeschrieben. Nun ist Alëna Ivanovna wie bereits angemerkt weder jüdischen Glaubens noch jüdischer Herkunft, allein in Analogie zum „Geldjuden“ wird sie, was sie ist. In dieser Weise äußert sich das „Jüdische“, als parasitäres,ausbeuterisches, in Dostoevskijs schriftstellerischem Werk nach den Zapiski vordringlich. Es löst sich ab vom konkreten Menschen jüdischer Herkunft,wird aber zugleich als Chiffre für den Wucherer allgegenwärtig und wirkmächtig. Würde nicht reflexartig stets hier oder dort die geistige Verbindung zum „Juden“ hergestellt, könnte dies vielleicht als Subversion des antisemitischen Stereotypes gelesen werden, das Gegenteil allerdings ist, wie leicht kenntlich wird, der Fall. So beleidigt etwa Gawrila Ardalionowitsch in Idiot Ptizyn: „»Коли уж ростовщик, так уж иди до конца, жми людей,чекань из них деньги, стань характером, стань королем иудейским! «“.Und Ptizyn kontert, „…что ничего не делает бесчестного, и что напраснотот называет его жидом; что если деньги в такой цене, то он невиноват“.

„Jude“ steht hier als klar umrissene Beleidigung für eine bestimmte Sorte Geldleiher, nur die berechtigte Benutzung steht in Frage.

Wobei präzisiert werden muss: Es ist tatsächlich nicht möglich, Dostojewskij anhand einer einzelnen Textstelle oder auch nur eines einzelnen Romans Antisemitismus nachzuweisen. Alle zentralen Texte, selbst noch das ausgewogene Die Brüder Karamasow werden von Erzählern erzählt, die selbst Teil der Handlung sind. So dass die Erzählperspektive eigentlich immer unzuverlässig ist. In Schuld und Sühne ist fast alles Antisemitische Gedanke Raskolnikow, und er soll er nun gerade kein Vorbild sein. Doch das Verdikt verdichtet sich, setzt man die Werke untereinander in Beziehung. Dass einmal ein Mensch, der schnell reich geworden ist, das auf nicht verwerflichem Wege getan hat: Das erscheint durch eine Romane hindurch eigentlich immer undenkbar. Und wann immer Reichtum auftritt, sind Bezüge zur reichen Juden oder dem „Juden an sich“ nicht weit, regelmäßig werden Figuren, auch wenn nicht jüdischen Glaubens, in Anlehnung an einschlägige Karikaturen gezeichnet. Und der Antagonismus von „Schaffendem Kapital“, das in Einklang mit der Tradition und an die Scholle gebunden wirtschaftet, und „Raffendem Kapital“, das rastlos, kosmopolitisch, ausbeuterisch und oftmals Verschwendungssüchtig auftritt, ist beim späten Dostojewskij allgegenwärtig. Man könnte eine Verteidigung konstruieren, nach der der Autor nur den allgegenwärtigen Antisemitismus der russischen Gesellschaft treffend nachzeichnet. Und tatsächlich liefert Dostojewski wohl ein glaubwürdiges Bild des Antisemitismus in der Gesellschaft. Doch sind die Romane Dostojewskis eben nicht ohne Tendenz, und eine Tendenz durch alle Texte hindurch deutet darauf hin, dass dieser Antisemitismus nicht nur der kommentiert, sondern auch als richtig postuliert wird. Dafür muss man kaum in das nicht fiktionale Tagebuch eines Schriftstellers schauen, das dann ganz offen antisemitischer Positionen vertritt.

Bild: Wiki, gemeinfrei

4 Gedanken zu “Einer der schwächeren Romane: Schuld und Sühne. Exkurse zum Übersetzungsstreit und zum Antisemitimus.

  1. buchuhu sagt:

    Für mich bleibt „Schuld und Sühne“ mein liebster Roman von Dostojewski. Liegt vielleicht auch daran, dass es der erste war, den ich von ihm gelesen habe, und er mich einfach weggeblasen hat. Volle Zustimmung zu Deinen Überlegungen zur Übersetzung des Titels. Antisemitische Anklänge zu identifizieren und zu analysieren, wie Du es tust, ist sehr wichtig – und sei der Roman noch so großartig. Das wirft leider einen Schatten auf so manche Autoren, das reicht ja bis zu Cervantes.

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    1. soerenheim sagt:

      Der „erste Dostojewskij“ ist wahrscheinlich immer etwas besonderes, weil Dostojeskij bis heute einzigartig darin ist, Figuren und Raum durch Dialoge zu gestalten (siehe 1. Artikel der Serie).
      Der Antisemitismus ist bei ihm allerdings nochmal deutlich übler als bei Autoren, die damit einfach im Strom ihrer Zeit schwimmen. D.s Antisemitismus ist systematisch und „modern“. Ein vollendetes Denksystem der Kritik der kapitalistischen Moderne zu Gunsten eine „eigentlichen“, natürlichen, volksgeistigen Elements.

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