Das Meisterwerk und erste Annäherung an Dostojewskijs Antisemitismus: Die Brüder Karamasow

War auch das erste Werk Dostojewskij, das mich begeistert hat, Die Dämonen, so bleibt das am stärksten eingeschätzte bis heute das große Spätwerk Die Brüder Karamasow. Was Dostojewskij als Schriftsteller so einzigartig macht, habe ich bereits im vorangehenden Artikel angerissen, hier kommt es zur vollen Entfaltung.

Unter den drei ungleichen Brüdern dürfte dem Autor Aljoscha am nächsten stehen. Dennoch stellt der sich in seinem Streben, Gutes zu tun, oft schrecklich tollpatschig an und ist für einiges Unheil verantwortlich. Die anderen beiden, der Grüblerische Iwan und der lebenslustige Dimitri sind nicht etwa einfach nur Demonstrationen falscher Wege, sondern präsentieren jeder für sich eine spannende Perspektive und eine für den Leser überzeugende Existenz in einer Welt im Umbruch zur Moderne. Selbst ein im Handlungsverlauf sehr negative Nebencharaktere, wie der Lakai und Sozialist Smertjakow bekommt seine Chance, mit klugen Gedanken hervorzu stechen, und dürfte die Sympathien des Lesers ebenso erregen wie dessen Abneigung. Tolstoi mag sich als der Schriftsteller des Volkes gesehen haben, doch beim Reaktionär Dostojewskij bekommen die „Kleinen Leute“ tatsächlich Stimmen.

Und die Dialoge, so harsch von Nabokow kritisiert (Dostojewskij schreibe eigentlich überlange Theaterstücke): Welch ein schlagender Beweis ist dieses Buch, das so trotzdem ein großes Werk gelingen kann. Und, dass Dialoge nicht „realistisch“ sein müssen, um glaubhaft zu sein. Denn natürlich schwätzen die Charaktere Dostojewskij in einem fort, ohne all die Brüche, die einen realistischen Dialog auszeichnen würden. Aber doch nicht wie gedruckt, sondern in einer fingierten Mündlichkeit, die mit ihrer Wucht mitreißt. Ein gerade schon typisches Beispiel ist die mehrfach modifizierte These, teils noch mit späterer Negation der Modifikation. Ich improvisiere frei:

„Karl Otto, du bist ein absolut unmöglicher Mensch. Das heißt, nein, eigentlich gar nicht unmöglich, sondern viel mehr als möglich in dieser Zeit, die ja lauter Karl Ottos hervorbringt, mein Gott! Wobei es vielleicht auch recht eigentlich gar keine Zeit ist, sondern vielmehr ein Zustand, der andauert, seit usw usf“.

Besonders schön in der Passage, als sich Lisa mit ihrer Mutter schreitet: „ Lisa, warum schreist du so. Ach nein, du schreist ja gar nicht, das bin ja ich. Ach Kind, ich bin aber auch total durch den Wind…“ (frei aus der Erinnerung zitiert, ich lege das Hörbuch zu Grunde).

Die Handlung im Detail mag auf Wikipedia nachlesen wer will. Die Brüder Karamasow gehört in jedem Fall zu den absoluten Must-Reads der Weltliteratur, und was das Dostojewskij betrifft, hat man mit diesem Roman, Die Dämonen und vielleicht noch Aufzeichnungen aus einem Totenhaus eigentlich alles vorliegen, was man zwingend von diesem Autor gelesen haben sollte. Aus ideengeschichtlichen Gründen mag man noch Schuld und Sühne auf dieser Liste packen, ästhetisch kommt der Roman an die beiden Meisterwerke aber nicht heran. Darauf komme ich in einem weiteren Artikel zurück.

In meinem Text zu den Dämonen habe ich erwähnt, dass der heftige Antisemitismus Dostojewskijs durchaus auch in dessen Werk zum Tragen kommt. Für die Dämonen ist das schwer ohne Kontext nachweisbar, weil antisemitische Stereotypen (die Bedrohung von außen, die Zersetzung des eigentlich guten Volkskörpers, die unmenschlichen Physiognomie der Bedroher, besonders Werschowenskijjs, und einiges mehr) durchweg mit nichtjüdischen Charakteren verknüpft werden. In Die Brüder Karamasow sollte das schon ein wenig deutlicher werden. So sitzt etwa an der Wurzel allen Übels, dem Lebenswandel von Fjodor Pawlowitsch, dessen Kontakt mit Juden aus Odessa, was den Vater derzeit wohl gewissermaßen „entrussifiziert“ hat, seitdem lebt er um des Genusses und des leichten Geldes willen. Solche Momente bleiben, zugegeben, wo es um offenen Antisemitismus geht, im Werk immer sehr unterschwellig, weshalb Dostojewskij auch nicht Sartres these widerlegt, man könne keinen guten Roman zum Lob des Antisemitismus schreiben. Aber die Metaphysik der Werke Dostojewskis folgt immer dem modernen antisemitischen Muster, dessen romantische Ursprünge George L. Mosse in The Crisis of German Ideology so detailliert herausgearbeitet hat: Das Geld und das Fremde als das zersetzende Element, der Kosmopolitismus als Feind der Genügsamkeit der Scholle.

Das ist kein Apell, Dostojewskij nicht zu lesen. Im Gegenteil. Denn dieses Denken ist das Grundmuster des oberflächlichen „gesellschaftskritischen“ Denkens überhaupt in unserer Zeit. Und selbst noch die Abwehr dieser Kritik, die bedenkenlose Feier des Kapitalismus als befreiende Kraft, ist nur dessen trotzige Verkehrung, die kollabieren muss und sich wieder ihren Sündenbock suchen, sobald das System in eine Krise gerät.

Dostojewskij kritisch reflektieren und gleichzeitig das ästhetische Gesamtkonstrukt und dessen überschießende Momente genießen können – das mag eine Einübung sein auch in Kritik, die sich über das eigene Bauchgefühl erhebt.

Bild: Wiki, gemeinfrei

3 Gedanken zu “Das Meisterwerk und erste Annäherung an Dostojewskijs Antisemitismus: Die Brüder Karamasow

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