Wie zu DS9 habe ich auch das mittlerweile ein wenig vergessene Babylon 5 in fragmentarischen Überlegungen und Kurzessays besprochen, sowie im Folgenden zu DS9 in Beziehung gesetzt:

Zur Staffel 1:

Babylon 5 hat den Vorteil oder Nachteil, nicht in der Star Trek-Tradition zu stehen. Vorteil, weil die Autoren sich mit vielen Schwierigkeiten, die DS9 hatte, um eine komplexere, düsterere Welt aufzubauen, nicht herumschlagen mussten: Namentlich all den all zu „lichten“ Traditionen, die Star Trek mit sich schleppt. Nachteil natürlich, weil jeder Bruch mit einer solchen Tradition mit Bedeutung aufgeladen werden kann, was oft eine erzählerische Stärke von DS9 ist. Aber: Gute Scripts können solche Spannungsverhältnisse aufbauen, indem sie die Tradition retrograd mit errichten, und tatsächlich fühlt sich das Babylon 5-Universum bald an wie eines mit einer langen Geschichte. Leider sind längst nicht alle Babylon 5-Scripts gut.

Dennoch: Alles ist etwas dreckiger, etwas härter, etwas gradliniger. Das gefällt. Es gibt allenthalben echte soziale Konflikte, sie werden nicht in mäßig witzige Ferengi-Episoden ausgelagert.
Nachteil der fehlenden Franchise: Weniger Geld, was sich nicht nur in den CGI-Sequenzen zeigt. Auch einige Schauspieler spielen wirklich schlecht. Weiterer Vorteil: kein Technobable. Die Technik kann, was sie kann, und es wird nicht ständig versucht, Pseudoerklärungen dafür zu liefern. In Star Trek ist das auch nötig, weil depperte Fans ständig technische Entwicklungen mit der Vergangenheit der Serie abgleichen.

Das Entfalten der Welt: funktioniert gut. Während in der ersten Staffel vordergründig Einzelepisoden erzählt werden, entspannt sich im Hintergrund ein kompliziertes diplomatisches Geflecht. Man spürt schon, dass hier langfristig wichtige Zusammenhänge angelegt werden.

Die einzelnen Episoden: sehr wechselhaft. Meist durchschnittliches bis ordentliches Figurendrama mit theater-typischem Overacting. Vielleicht nicht die schlechteste Wahl, da die Kulisse so offenkundig Kulisse ist. Ein bisschen oft übermenschliche mächtige Bedrohungen. Immerhin keine Fremdschamepisoden wie zB in Voyager.

Die Charaktere: Gut gedacht. Wenn Sie Probleme haben, dann echte. Scheitert leider oft am mittelmäßigen Schauspiel.

Zur Staffel 2:

Die zweite Staffel noch mal einen großen Schritt beim Zusammenspiel von Gesamtbogen und Einzelepisoden. Ja: Zusammenspiel. Anders als beispielsweise GOT oder Babylon Berlin hat auch hier, wo die Handlung so richtig Fahrt aufnimmt, jede Episode eine Binnenstruktur, die meist in kluger und oft in subtiler Weise mit der sich im Hintergrund entfaltenden langfristigen Handlung verknüpft ist. Die Einzelepisoden sind im Schnitt besser als in Staffel eins, wenn auch ein paar Kopf-gegen-Tischplatte-Momente dabei sind.

Besonders gern scheint man dämliche Ideen auf Commander Ivanova auszulagern. Die Episode rund um das Babylon 5-Merchandising ist wahrscheinlich ein Seitenhieb auf die Prozenten, doch das macht sie nicht besser. Gleiches gilt für die Episode, in der Ivanova um einen Krieg zu verhindern, mit einem creepy Botschafter Sex haben muss (die Autoren wurden gebeten, mehr Sex und Gewalt in der Show unterzubringen). Das ganze wird witzig aufgelöst, aber solcher Meta-Humor löst eben auch den Zusammenhalt der Serie auf, und der ist Babylon 5 besonders wichtig.

Beispiel für eine gelungene Einzel-Episode: Der Ehrenplot zwischen Botschafter Molari und seinem alten Duell-Club-Freund in Episode 17. Hier erfährt man in 45 Minuten alles, was man wissen muss über das komplexe Ehrsystem der Centauri in einer dicht erzählten Geschichte mit vielen überraschenden Wendungen. Das gelingt DS9 in gefühlt 20 Worf-Plots nicht annähernd so gut (unter anderem, weil das Thema längst totgeritten wurde).

Kleinere Probleme: Die sprachliche Engführung des Centauri-Narn-Krieges mit dem Zweiten Weltkrieg („we will at last know piece in our time“) und der Narn mit den Juden suggeriert, dass die Autoren keine Ahnung haben, was den Nationalsozialismus eigentlich ausmachte. Und es drängt sich die Besorgnis auf, dass bei aller klugen Vorbereitung der hauptsächliche Konflikt der Serie ein plattes „„Licht“ und „Schatten“ kämpfen seit Anbeginn der Zeit um das Universum“-Ding werden wird.

Zur Staffel 3:

Die dritte Staffel verschiebt den Schwerpunkt klar in Richtung großer Kriegsbogen. Das bringt die typische Serienschwierigkeit mit sich, dass nun allen nicht direkt kriegsrelevanten Momenten immer weniger Raum gegeben wird. Das ist schade, denn im Gegensatz zu DS9 gibt es auf Babylon 5, dessen Weltraum ja größtenteils kapitalistisch verfasst zu sein scheint, manigfaltiges nicht unmittelbar in die jeweiligen Kriegsinteressen eingebundenes Leben. Es wäre interessant gewesen, auch immer wieder Geschichten aus diesen Leben und den Auswirkungen des Krieges darauf zu erfahren. Hier hätte die Serie die Chance gehabt, an dem zu kratzen, was andere Serien seitdem nur von sich Behaupten: Der erzählerischen Breite „großer“ Romane, die sich eben gerade durch den Blick fürs Detail auszeichnen, und nicht durch die epische Vorbereitung einer großen Schlacht.

Immerhin, B5 erzählt größtenteils weiterhin einzelne Episoden und gibt die Binnen-Bögen nicht zu Gunsten eines völlig ununterbrochenen Endlosfilmes auf.

Die neue Figur – Ranger Marcus – nervt. Er wirkte wie feuchten LARPER-Träumen entsprungen, schauspielt kaum besser, und seine Obsession mit Ivanova ist creepy, ohne dass das von den Autoren wohl so gedacht ist. Annoying a girl into Looooove.

Sehr fragwürdige Entscheidung, dass die Schatten wohl hinter den Kulissen bei der zunehmenden Faschisierung der Erde die Strippen ziehen. Die ersten beiden Staffeln haben eine so schöne (also glaubhafte) Geschichte davon erzählt, wie eine Gesellschaft aus einer Mischung aus guten Absichten, Karrierismus und Möglichkeiten, die für machtgeile Menschen geschaffen werden, totalitär sich formieren kann, ohne dass es einen Masterplan von außen braucht. Das war eine der großen Stärken der Serie, auch gegenüber DS9, wo das oft aufgesetzt wirkt. Auch wenn noch nicht klar ist, wie weit der Einfluss der Schatten auf der Erde reicht, die erzählerische Leistung der ersten beiden Staffeln wird so tendenziell entwertet.

Comic Relief, der in den ersten beiden Staffeln oft tatsächlich witzig war, wirkt nun, nach dem offenen Auftreten uralter Mächte, die nicht zufällig an Götter erinnern, nur noch lächerlich. Ivanova etwa überzeugt eine unsterbliche Rasse, in den Krieg einzutreten, in dem sie die alte „die anderen Götter haben gesagt, ihr habt nichts drauf“ Nummer abzieht. Also bitte.

Insgesamt wirkt die dritte Staffel wie ein Kippunkt. Sie es immer noch gut erzählt und macht Spaß, aber viele Entscheidungen werden getroffen, die es sehr schwer machen dürften, die Serie auf dem Niveau der ersten beiden Staffeln zu Ende zu erzählen.

Und warum plötzlich der erbärmliche Telepaten-Liebesplot statt dem ursprünglich angedeuteten Machtkampf? –

Es wirkt, als wolle diese Staffel alle möglichen Matchbälle vergeigen. Episode 12, in der der Psy-Cop Bester, der Babylon 5 schon öfter Ärger machte, plötzlich die Seiten zu wechseln scheint, hätte ein Höhepunkt sein können: Die Geschichte, die der Überläufer anfangs erzählt, dass das Psy-Corps selbst geplant habe, stückweise die Macht auf der Erde zu übernehmen und eine Art sozialdarwinistische Meritokratie zu errichten, an deren Spitze natürlich die Telepaten stehen, dass aber nun der Putsch sozusagen unter den Einfluss der falschen Faschisten geraten sei, das wäre ein stark angelegter Konflikt. Man arbeitet zusammen, weiß aber, dass man verfeindet bleibt. Auch ethisch könnte man da interessante Dilemmata durchspielen. Stattdessen wird dem Ganzen noch eine Liebesgeschichte aufgepfropft, die dann als die eigentliche Motivation des Überläufers herhalten muss. Es wirkt, als könnten die Autoren, bzw Mastermind Straczynski, der seit der dritten Staffel alle Folgen selbst schrieb, nicht damit leben, dass ein „Böser“ auf Seiten der „Guten“ kämpft, ohne selbst schmalzig-gut zu werden („Liebe rettet“, dieses schreckliche Severus-Snape-Thema). Das verdeutlicht, was schon früher durchschien: Dass die Grauezonen, von denen Babylon 5 viele aufweist, tatsächlich nur scheinbare Grauzonen sind. Aus der Perspektiven des großen Kampfes muss letztlich alles geordnet sein: Licht vs. Schatten. Und auch Lando, im Kampf gegen die Narn immerhin so etwas wie die rechte Hand und das Hirn hinter dem Weltraum-Äquivalent zum Hitlerismus, wird deshalb wohl am Ende wieder fest im Lager der Guten stehen, statt dass man ihn, wie es richtig wäre, meinte man die Vergleiche zwischen Narn und Juden ernst, nach dem Krieg aburteilen würde.

Die Zeitreiseepisode „War Without End“ ist vll eine der besten, um zu demonstrieren, wie stark von Anfang an die Struktur der Serie durchdacht war. Zeitreisen sind trotzdem dramaturgischer Bullshit, und auch „War Without End“ nervt durch Paradoxa und die „wir müssen tun, was wir schon getan haben“-Handlung. Schlimm, das ein Großteil des Backplots von B5 ausgerechnet daran hängt.

Zur Staffel 4

Staffel 4 litt unter dem Zwang, wegen drohender Absetzung den 5-Jahresplan verfrüht zu Ende führen zu müssen. Daraus folgt: Tolles Tempo bei gleichzeitiger endgültiger Aufgabe der Balance zwischen Serien/Staffel-Bögen und episodischer Struktur. Dass Babylon 5 dem Endlosfilm-Mist, auf den neuere Serien so stolz sind, aus der Not gebar, sollte zu Denken geben.

– Bitte lasst Marcus schnell sterben. So ein schrecklicher LARP-Laienschauspieler, dessen „Liebe“ für Ivanova weiter auf Obsession+Stalking hinausläuft. Sonst kein Mehrwert.

– Bei Garibaldi wurde viel verschenkt. Man hätte soviel Reales gegen Sheridan einwenden können. Stattdessen haben Telepathen ihm seine Führer-Kritik eingeimpft?

– Sheridan-Heroismus: Das wurde schon häufig ausführlich auseinander genommen. Sheridan und sein engster Zirkel gelten jetzt als unfehlbar. Während früher moralisch fragwürdiges Handeln auch vielschichtig untersucht wurde, sind jetzt selbst größte Kriegsverbrechen sakrosankt im Namen des noch größeren „Guten“. Das ist sicher die größte Schwäche von Babylon 5, allerding deutete sich diese Tendenz früh an, spätestens seit Straczynski begann, alle Scripts selbst zu schreiben.

Zum „Atheismus“ von Babylon 5

Faszinierend, dass Autor Straczynski nicht nur sich als Atheisten begreift, sondern Babylon 5 wohl auch als atheistisches Werk. Die Show zeigt nicht nur regelmäßig Religion als zivilisierende Kraft (dürfen auch Atheisten so sehen), ihre religiöse Toleranz geht auch so weit, als Ideal darzustellen, dass Sheridan jedes einzelne Rituale seiner minbari-fundamentalistischen Freundin mitmacht, während die dessen Atheismus nicht einmal tolerieren muss.

Entscheidender aber: Die gesamte Backstory ist teleologisch-pan-bis-poly-theistisch (zwar platt und von Der Herr der Ringe geklaut, aber nicht ganz einfach zu klassifizieren):

Es gibt das älteste Wesen Lorien, das erklärt: „The Universe began with a word“, und den Kampf der alten Alien-Rassen (letztendlich unsterbliche Energiewesen) als einen von Ordnung vs Chaos beschreibt. B5s Mythologie kann man wohl am ehesten als eine Form der Gnosis beschreiben, über die eine Art allwissendes Schäfer-Wesen wacht und informiert.

Zur Staffel 5

Viele hassen die antiklimatische 5. Staffel, ich halte sie für eine der stärksten. Tatsächlich gelingt da einiges, woran die meisten Erzählungen scheitern, oder es gar nicht versuchen:

  1. Sie zeigt überzeugend, dass nach dem großen Sieg der Kampf erst beginnt. Auch eine wohltuende Dekonstruktion des Sheridan-Messianismus (s.o.).
  2. Sie führt den Narn-Centauri-Konflikt, den besseren zweiten Kern der Serie, ordentlich zu Ende bzw. in Richtung eines Neuen Anfang.
  3. Sie wirft auf die meisten Konflikte der Staffeln 1 bis 4 durch Variation nochmal ein neues Licht.
  4. Sie findet zur Balance zwischen episodischer Struktur und Staffel zurück.

Wenn man Babylon 5 mal nicht wie eine moderne Serie betrachtet, die ganz viel Handlung hintereinander wegfrisst, sondern wie eine klug komponierte Symphonie, wird deutlich, wie gelungen dieser Abschluss ist: Staffel 1 & 2 sind relativ breite Exposition: Sie führen Themen und Motive ein. Staffel 3 & 4 führen die Themen durch, entwickeln sie, variieren sie. Staffel 5 ist die Coda, sie spielt nochmal mit den Themen, ruft alte Motive auf, lässt das Ganze ausklingen. Sicher hätten gerade in der 5. Staffel viele Einzelfolgen besser sein können, und der Byron-Plot führt das Telepathen-Thema viel zu pathetisch zu Ende. Aber die radikale Offenheit, mit der die Centauri-Geschichte endet zB, ist mit das Beste an der ganzen Serie, die Drakh als „Schatten der Schatten“ eine starke Metapher dafür, dass der Sieg gegen „Das Böse“ bzw. die Ersten das Universum nicht gerettet, sondern den Krieg nur profanisiert hat. Und sind die Ranger dann nicht gewissermaßen die Schatten der Vorlonen? Nochmal: wohltuende Dekonstruktion des Sheridan-Messianismus.

Man sollte entsprechend das bereits nach Staffel 4 abgedrehte Pathos-Finale der 5. Staffel einfach ignorieren.

Und – kann B5 nun mit DS 9 mithalten?

  • die Besten Einzelfolgen von B5 reichen grad so an die Besten von DS9 heran
  • die schlechtesten B5 Folgen spielen 3 Klassen unter den Besten von DS9
  • Die B5 Welt ist mit einer glaubhafteren Sozialstruktur ausgestattet, erzählt Geschichten „von unten“ sehr viel überzeugender & würgt nicht an Brocken der Serientradition herum.
  • Macht aber ab Staffel 3 durch die Unfehlbarkeit ihrer Hauptpersonen davon vieles kaputt.
  • B5 ist von Anfang an klüger geplottet, hat deutlich weniger Leerlauf und balanciert oft noch besser zwischen großen Bögen & Episodenstruktur
  • Dafür ist die „Mythologie“ ein platter Herr der Ringe – Abklatsch
  • DS9 hat keine Charakterentwicklung, die an Londo/G’Kar herankommt (Dukat hatte das Potential, aber dessen Bajoraner-Werdung war einfach zuviel. Garak, vielleicht. Aber entwickelt der sich? Oder ent- und verbirgt der nicht doch eher nur immer wieder sein unergründliches Wesen?
  • Dafür hat DS9 insgesamt bessere Figuren. B5 hat eigentlich nur noch Ivanova&Garibaldi, und da wird schon viel vermurkst.
  • Alles an DS9 ist besser produziert. Schauspiel, CGI, Musik.