Saša Stanišićs Herkunft wirkt wie der Roman, den sich Maxim Biller vom Autor schon länger… nennen wir es „wünscht“. Zur Erinnerung: 2014 beklagte Biller, deutsche Schriftsteller mit Migrationshintergrund seien zu angepasst, schrieben zu zahm, und entblödete sich auch nicht, Autoren wie Stanišić als „Onkel Toms“ zu bezeichnen.

Stanišićs bisherige Werke waren tatsächlich immer recht wohlgeordnet. „Vor dem Fest“ eine subtile Auseinandersetzung mit Dörflichkeit, „Fallensteller“ ein gut lesbarer Band teils verbundener Kurzgeschichten, Wie der Soldat das Grammophon reparierte etwas mehr, was die Marketingabteilung „überbordend“ nennt, aber doch recht übersichtlich.

Herkunft ist dagegen selbst im Vergleich mit Letzterem noch ein sehr wild durch die Zeiten springendes des Werk, das Erinnerung scheinbar nach dem Prinzip der freien Assoziation auffächert. Auch einige Passagen früherer Romane werden „ richtig gestellt“ (wobei man nicht vergessen sollte, s.u., dass es sich um Werke auf der gleichen „Fiktionsebene“ handelt).

Auch wenn man den Stil des Autors wiedererkennt, Herkunft erinnert in vielem eher an die sprunghafte Historien-Biografie Mitternachtskinder Salaman Rushdies und spätere Selbstpastiches dieses Autors. An Mitternachtkinder kommt der Roman dabei nicht heran, versammelt aber einige sehr schöne, einige lustige Passagen, sowie treffend-Trauriges und lässt sich insgesamt mit Gewinn lesen.

Ich weiß, der Autor hat gegen jegliche Kritik an der Struktur vorgebaut, indem er sein Erzähler-Ich mehrfach auf die Notwendigkeit des Chaotischen reflektieren lässt. Aber hey, so einfach entkommt man dem nicht. Auch innerhalb der gewollt unordentlichen Romane wirkt Herkunft noch unordentlich. Zu viel soll gleichzeitig passieren. Perspektiven auf Flucht und Integration ausgelotet, jugoslawische und schon postjugoslawische Geschichte vermittelt, eine Familiengeschichte gewürdigt, und besonders die Großmutter beleuchtet werden. Am schwersten verdaulich sind dabei die essayistischen Passagen, wenn der Erzähler klingt wie ein Student im ersten oder zweiten Semester Kulturwissenschaft (bzw. Literaturwissenschaft, das ja heute auch gern Kulturwissenschaft minus multivariante Statistik wäre). Sicher, auch das ist nicht gänzlich unmotiviert, es charakterisiert das Erzähler-Ich, doch es wird rasch zu viel, zumal oft eine Verdopplung des sowieso schon Gezeigten stattfindet. Braucht etwa jenes frühe Kapitel, das die Besonderheiten und Schwierigkeiten des späten Jugoslawien anhand von Roter Stern Belgrad, dessen Zusammensetzung und den Reaktionen der Fans auf die berühmten Spiele gegen Dresden und Bayern, so wundervoll plastisch vor Augen führt, zusätzlich noch solche Erklärbären-Passagen?

„Es ist so: Das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es heute nicht mehr. Solange es das Land noch gab, begriff ich mich als Jugoslawe. Wie meine Eltern, die aus einer serbischen (Vater) bzw. einer bosniakisch-muslimischen Familie stammten (Mutter). Ich war ein Kind des Vielvölkerstaats, Ertrag und Bekenntnis zweier einander zugeneigter Menschen, die der jugoslawische Melting Pot befreit hatte von den Zwängen unterschiedlicher Herkunft und Religion.
Dazu muss man wissen: Auch jemand, dessen Vater Pole und Mutter Mazedonierin war, konnte sich zum Jugoslawen erklären, sofern ihm Selbstbestimmung und Blutgruppe mehr bedeuteten als Fremdbestimmung und Blut.“

mE nicht.

Die meistdiskutierte Frage rund um diesen Roman war ja derweil die über die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion. Da werde ich mich nicht rein hängen. Wenn der Autor Roman drauf schreibt, bzw. schreiben lässt, wird das ganze als Roman betrachtet. Und hier gilt: Das Werk sollte auch für die funktionieren, die frühere Bücher nicht gelesen haben, der Reiz sollte nicht darin bestehen, dass Fans mehr über Stanišić erfahren, und sich über hintersinnige Selbst-Kommentare freuen können zu dessen Leben und Gesamtwerk.

Die gute Nachricht: Das funktioniert. Was wir über das Leben des  E r z ä h l e r s  zu wissen brauchen, erfahren wir aus dem Text. Und auch wenn das Werk des  E r z ä h l e r s  kommentiert wird, wissen wir aus dem Text, was wir wissen müssen. Herkunft ist im Großen und Ganzen lesenswert und rangiert unter den besseren Buchpreistiteln.

Bild: Pixa, gemeinfrei