Moskito-Küste von Paul Theroux ist einer der moralisch, von mir aus auch moralisch-politisch komplexeren Romane der jüngeren literaturgeschichte. Besonders im ersten Teil. Im Zentrum steht Allie Fox, ein Typ, der wirklich zu allem eine Meinung hat, technisch relativ versiert ist, und der die Vereinigten Staaten am Rande des Zusammenbruchs sieht. Die Geschichte spielt in den siebziger Jahren, zur Zeit der vorletzten großen Krise, beschreibt aber in Allie einen Typus Mensch, der erst in der jetzigen, seit mittlerweile über zehn Jahren anhaltenden Krise des westlichen Teils der Weltwirtschaft, die längst zu einer der politischen Systeme geworden ist, zu voller Reife kam (Der Text ist von 1981).

Erzählt wird aus der Perspektive von Allies ältestem Sohn Charly. Auf den ersten Seiten erscheint uns Allie als typischer Linker Anti-Imperialist. Er klagt Ausbeutung an, fehlende Unabhängigkeit, die Perversität der globalisierten Ökonomie. Doch schon bald schleichen sich nationalistische, ja, völkische Töne ein. Die Einwanderer aus Mittelamerika nennt er konsequent Wilde, er weigert sich japanische oder chinesische Produkte zu kaufen und macht gleich auch noch den Ladenbesitzer als Verräter runter, usw. Etwas später aber sehen wir, überrascht, durch Charles Augen, Allie im freundlichen Gespräch mit diesen sogenannten Wilden, anscheinend spricht Allie sogar deren Sprache fließend (Spanisch, nicht etwa eine Sprache amerikanischer Ureinwohner), und er hat wohl freundschaftliche Beziehungen zu einem Haus voller Einwanderer geknüpft. Allie ist Erfinder und träumt von einem energieeffizienten, nachhaltigen Amerika. Als seine große Erfindung, eine „feuerbetriebene“ Eismaschine, von einem seiner Geschäftspartner abgelehnt wird, schenkt er sie kurzerhand seinen eingewanderten Freunden, denen er wohl nicht zum ersten Mal ein solches Geschenk macht.
Besonders der erste Teil von Moskito-Küste zeigt einen Menschen in ganz unterschiedlichen Facetten, wie er heute als ein zentraler Charakter der neueren „Gegenkultur“ auftritt: Ein ökologischer Nationalist, durchaus bürgerlich lebend und gebildet, aber von einer tiefen Verachtung für die Zivilisation getrieben, die ihn hervorbrachte. Ein Prepper sozusagen mit der charakteristischen Mischung aus linken und rechten Versatzstücken, die Kritiker des neuen Rechtsradikalismus seit Mitte der Neunzigerjahre immer noch all zu gern als Scharade begreifen möchten. Aber dieser Antikapitalismus der Neuen Rechten, sogar ihre Besorgnis um das Schicksal von Menschen in anderen Ländern (solange die dort bleiben), sind durchaus ernst gemeint. Und in Allie kann man beobachten, wie Samen für eine solche Haltung gelegt werden, mit der Ausnahme, dass dieser in seinen Handlungen durchweg unpolitisch bleibt, und schließlich, nach gut einem Viertel des Buches auf der Suche nach „Ursprünglichkeit“ mit einem Einwanderer aus Honduras „den Platz tauscht“. Allie wandert mit Sack und pack aus und gründet ein eigenes Dorf.

Hier stürzte dann das bisher gut aufgespannt Gerüst des Romans Stück für Schritt ein wenig ab. Die Stadtgründung in Honduras durchbricht zu sehr die bisherige Ambivalenz, kaum vorstellbar (und etwas rassistisch), dass es wirklich einen Amerikaner braucht um den Einwohnern zu erklären, wie man effizient im Wald wirtschaftet. Ja, Allie soll nun gewissermaßen als absurd erscheinen, und sein Projekt wird schließlich grandios scheitern, die ganze Familie in Gefahr, und Allie um Verstand und Leben bringen. Doch letztendlich nur, weil er alles übertreibt. Die Prämisse, dass die Einwohner der abgelegenen Region, in der Allie Land gekauft hat, viel besser leben könnten, würden sie sich mal zusammenreißen und jemand, der sich auskennt, ihnen ein paar Techniken beibringen, ist nun offenkundig keine mehr allein des Protagonisten, sondern des gesamten Werkes. Auch ästhetisch büßt Moskito Küste dabei ein, obwohl sich noch immer zahlreiche Spannungsfelder insbesondere innerhalb der Familien ergeben (die Frau führt in Allies Abwesenheit einen milderen Führungsstil ein, die Kinder bauen im Wald ein Lager und spielen dort zuerst westliche Zivilisation und leben dann „wie die Affen“ (so Allie) von der Hand in den Mund). Doch alles wird gradliniger, mehr klassische Abenteuergeschichte.

Denn das ist zu betonen: Das erste Viertel des Romans ist nicht nur moralisch komplex und geschickt darin, den Leser in die Irre zu führen und ihn selbst auf neue Gedanken zu bringen. Es ist auch erzählerisch auf dem Niveau der ganz großen amerikanischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Mit der Zeit in Honduras zeigt Moskito Küste zwar immer noch starke Passagen und bewegt sich insgesamt auf ordentlichem Niveau, den Vergleich zu Erdrich oder Updike hält es allerdings nicht mehr stand. Dennoch ist Moskito Küste nicht nur lesenswert, weil Theraux frühzeitig Phänomene aufgreift, die erst heute zu voller Blüte kommen, sondern immer auch literarisch mindestens oberer Durchschnitt.

Bild: Pixa, gemeinfrei