Vineland hat (neben Lot ’49, V und jüngst Bleeding Edge) auch immer mal die zweifelhafte Ehre, als „zugänglichster Pynchon“ zu gelten. Ich bin mir nicht so sicher. Klar haben die großen Romane ihre Tücken, aber sie fesseln doch meist von der ersten Seite an. Vineland: Eher nicht. Und was nützt es mir, wenn eine Örtlichkeit angeblich zugänglich ist, ich aber wenig Grund habe dort zu verweilen.

Der Vineland-Kosmos ist möglicherweise, ähnlich wie der von Bleeding Edge, zu nah an dem, was im Kopf von Thomas Pynchon „Realpolitik“ genannt werden könnte, um tatsächlich die erzählerische Freiheit zu erlangen, die eine Geschichte braucht. Vineland ist eine Anklage gegen Reaganomics: Da werden alte Hippies aus dem Zeugenschutzprogramm gekickt, weil die Regierung spart, Filmfreaks werden auf Entzug gesetzt und aus irgendeinem Grund braucht es noch einen japanischen Subplot mit weiblichen Ninjas und eine halbwegs witzige Star Trek-Verarsche mit lauter schwarzen Offizieren und einer rothaarigen sommersprossigen Weißen Namens Leutnant O’Hara. Das alles wirkt ein wenig wie Pynchon, „going through the moves“ – wie Selbstzitat, teils wie Fanservice -, wobei sowohl die 80er als auch die in Rückblenden erzählten 60er ziemlich blass bleiben und die einzelnen Handlungsstränge hintereinander geklatscht und abgespult werden.
Die großen Romane Pynchons leben nicht von einer aufs Ende gerichteten Spannung, sondern von dem musikalischen Geflecht, das einzelne, lose an Figuren orientierte Stimmen auffächern. Das, sowie die „widerständige“ Sprache, die Lesen gewissermaßen zu einer befriedigenden Schwerarbeit macht, ist der Kern eines guten Pynchons (auch in den tatsächlich zugänglicheren V und Bleeding Edge). Vineland dagegen versucht sich in erster Linie als klassischer Spannungsroman und hat dafür einfach viel zu viel Brimbamborium zwischengeschaltet. Wenn es einen Pynchon gibt, den man links liegen lassen kann, dann diesen. Und vielleicht auch noch Inherent Vice. Meine Erinnerung an den ist ein wenig vernebelt.

Bild: Pixa, gemeinfrei