The Crying of Lot 49 gilt als der zugänglichste Roman Thomas Pynchons. Vermutlich wegen der Kürze, ich sehe keinen anderen Grund. Die Geschichte um Oedipa Mass, die von ihrem Ex-Geliebten beauftragt wird, sein Testament zu vollstrecken, und daraufhin auf das anarchistische Post-Syndikat Tristero stößt, das einst als Gegenentwurf zum Thurn&Taxis-Monopol gegründet worden sein soll, ist wahrscheinlich der hermetischste Text, den der Autor bis heute abgeliefert hat. Die Sprache ist so überfüttert mit Informationen, dass man sich, hervorragendes Englisch schon vorausgesetzt, nicht die kleinste Unaufmerksamkeit leisten kann, um nicht einen wichtigen Hinweis zu verpassen – was insofern auch noch fruchtlos ist, als dass zunehmend unklar ist, in wieweit man sich als Leser noch auf die reale Welt bezieht, oder in einem Wahnsystem mitgefangen ist, das die postmortalen Psychospielchen von Oedipas Liebhaber zu errichten half.

Das klingt cooler, als es umgesetzt ist. Denn die sprachliche Dichte erkauft sich Pynchon in diesem Fall durch die weitgehende Aufgabe jener Leichtigkeit, die selbst die schwersten Werke des Autors sonst zumindest partiell zu einem fast wie geträumten Sprachgenuss werden lassen – das von mir so bezeichnete sinfonische Komponieren fehlt ganz. Besonders schwer im Magen liegt die Zusammenfassung eines Theaterstückes, dass die Herkunft von Tristero aufklären soll. Das ist, lose aufgehängt an einem relativ chaotischen Plot, wirklich reines info-dumping. Ja, auch The Crying of Lot 49 gibt dem Leser dieses Pynchon- Gefühl, sich durch etwas Großes durchgekämpft zu haben, das man schwer beschreiben kann. Und ja, auch hier gibt es wieder witzige Lieder und eine auch in die Handlung hier und da eingreifende passend lustige Musikertruppe. Aber Pynchon hat die meisten behandelten Themen anderswo interessanter behandelt.

Ich rate dringend davon ab, The Crying of Lot 49 als Einstieg in das Werk des Autos zu nutzen oder zu empfehlen. Im schlimmsten Fall gefällt der Text nicht, und man sieht, so fehlgeleitet, davon ab, sich tiefer in ein faszinierendes Gesamtwerk einzuarbeiten. Oder aber: The Crying of Lot 49 begeistert. Dann ist nichts gewonnen. Denn dieser Text ist sprachlich/formal mindestens so nah an Thomas Carlyles Versuch eines betont deutschen Romanes in englischer Sprache, Sator Resatus, wie an anderen Werken Thomas Pynchons. Man beginne stattdessen lieber mit dem rasanten V, dem eher fröhlich- als zwangsjacken-verrückten Vineland (insgesamt aber eher ein mittelmäßiger Pynchon), oder gleich mit Gravity’s Rainbow. Meisterwerke brauchen keine Hinführungen durch schwächere Produktionen, mögen diese auch kürzer sein.

Bild: Pixa, gemeinfrei