„Autobiografie, Familiengeschichte, Ghostwriting für Anfänger, Silicon-Valley-Historie, internationaler Thriller (…) »Buch der Zahlen« ist ein überschäumendes Buch und in Amerika Kult.“, salbadert der Klappentext zu „Das Buch der Zahlen“ von Joshua Cohen. Das ist ein so dreistes Kompendium von Unsinn, dass man es fast schon als verlängerten Arm der Leservergackeierung betrachten möchte, die der Roman auch ansonsten betreibt. Oder, in einem universitäreren Jargon gesprochen: die Metafiktion wird auf den Paratext ausgedehnt.

Aber fangen wir vorne an: Eine Autobiografie? Kann schon einmal nicht sein, denn es handelt sich erklärter Maßen um einen Roman. Vom Roman unterscheidet die Autobiografie sich ja gerade dadurch, dass sie behauptet, die Wahrheit zu erzählen. Genau das behauptet das Buch der Zahlen aber nie. Schon auf dem Titelblatt steht es ganz klar: „Roman“.
Eine Familiengeschichte? Nun ja, die kommt vor. Beziehungsweise es kommt eine Familie vor. Entwickelt wird die kaum, sie spielt doch eher eine Nebenrolle und kann sich mit gelungenen Familiengeschichten, selbst mit denen aus Groschenromanen, kaum messen.
In Thriller steckt thrill, auf Deutsch in etwa „Nervenkitzel“. Doch spannend ist an Das Buch der Zahlen nun wirklich nichts.

Ein überschäumendes Buch? Ich verstehe das mal im Sinne von „voller Sprachwitz, vielstimmig, komplex, verschlungen“, all das, was die professionelle Kritik dazu bringt, den Roman in eine Reihe mit Größen der Postmoderne wie Thomas Pynchon zu stellen. Pustekuchen: Das Buch der Zahlen ist im Kern ein ultratraditioneller Roman, der einerseits eine Rahmenhandlung nach dem „was passiert als nächstes“ – Schema von A nach B erzählt, und dann noch einmal innerhalb des Rahmens die Lebensgeschichte des Hybriden aus einem Google/Facebook-Begründer namens Jaoshua Cohen, was, Ausgeburt der Pfiffigkeit auch der Name des fiktiven Autorenprotagonisten und des Autors selbst ist. Die Geschichte an sich ist erzählt, wie Charles Dickens sie erzählt hätte, nur ohne dessen Witz und Gefühl für Sprache. Genauer: Eher so, wie ein Wikipedia-Autor sie erzählt hätte, der einen Dickensroman nacherzählt. Eingefügt sind ein paar Durchstreichungen sowie einige dieser kitschigen Reflexionen darüber, ob sich eine Geschichte überhaupt so erzählen lässt und ein paar allerdings absolut berechtigte Wutausbrüche darüber, dass das ganze Buch ziemlich erbärmlich sei (vgl. S.300). Dieser Selbstkommentar allerdings bricht ab Seite 300 von 750 aus unerfindlichen Gründen dann plötzlich ab und beginnt erst im dritten Teil ab Seite 550 wieder.
Ich habe es schon mehrfach gesagt und ich wiederhole es gerne:
„„Dieses Lied scheiße, iss mir egal“ mag in der Komik manchmal einen kathartischen Effekt haben, ernsthafte Literatur macht sich dadurch eher lächerlich“.

Zuletzt: Ist das Buch wirklich „in Amerika Kult“? Fragwürdig Allein, ob bereits genug Zeit vergangen ist, um von einem Kult zu sprechen. Doch zeichnet dieser im popkulturellen Sinne sich für gewöhnlich auch dadurch aus, dass ein Werk durch eine Bewegung von unten weiterverbreitet und am Leben erhalten wird, während der offizielle Betrieb, das kulturindustrielle Establishment, es vorerst kaum auf dem Schirm hat. Im Fall von Das Buch der Zahlen scheint es andersrum gewesen zu sein: Die orientierungslosen Lohnschreiber der Zeitungen haben mal wieder einen Hype aufgebaut, die Kritik (nachzulesen etwa im englischen Amazon) der Leser selbst fällt vernichtend aus. Dankenswerterweise hat ein sorgsam recherchierender Amazon-Rezensent auch ein Interview ausgemacht, in dem der Autor erklärt, er schreibe gar nicht für die Leser, sondern (ich übersetzte recht frei) quasi als Beschäftigungstherapie für Akademiker (O-Ton: It’s a version, or a travesty of the Joycean hope: to keep the academy busy for a while.“).
Ob man das nun ernst nimmt oder als Teil des Spieles des Autors mit der Öffentlichkeit: Ich erwarte von einer sorgsamen Feuilletonistik, dass sie einen solchen Hinweis aufnimmt und zum Werk in Beziehung setzt.

Das Buch der Zahlen kann stellvertretend für eine Tendenz stehen, in der sich je nach Sichtweise schlechte Postmoderne von guter scheidet oder nach einer Sichtweise, die ich stark machen möchte und nach der die Moderne nie aufgehört hat: Sich klassisch-moderne Literatur von postmoderner scheiden lässt: Während nämlich klassische Moderne und Postmoderne prinzipiell die gleichen Techniken und Stilmittel teilen, setzt die klassische Moderne ihre verspielten Momente in den Dienst des Zieles, ein gelungenes großes Ganzes zu schaffen, das den tumben Alltag transzendiert, das Geist, Schönheit und im ein oder anderen Fall auch „Gott“ erfahren lassen soll, und den Leser anders entlässt, als er empfangen wurde. Das gilt auch noch für „postmoderne“ Autoren wie Pynchon, Rushdie, Roy oder Bolano, aus deren Büchern sich von jeder Seite ein schöner Satz, ein gelungenes Bild, herausgreifen lässt, während das Werk als Ganzes all dem scheinbaren Chaos zum trotz schließlich Vollendet dasteht, wie etwa eine klassische Sinfonie.
Das Buch der Zahlen dagegen verwendet seine Stilmittel, um seine schlechte Konstruktion, eher dahingeworfene als wohlkonstruierte Sprache usw zu entschuldigen bzw. die offenkundigen Schwächen in Stärken umzudeuten. Ästhetische Qualität, das sei sowieso etwas, dass sich gar nicht beurteilen lasse, scheinen solche Werke zu sagen, und entsprechend ist der beste Dienst, den ein Kunstwerk dem Betrachter noch tun kann, ihn einmal tüchtig in den April zu schicken. Nur: Warum sollte man mehrere Tage Lesezeit mit so etwas verschwenden?

Bild: Pixa, gemeinfrei