Der zweitbeste Kehlmann? Trotzdem nicht sonderlich gut… F

Wie im Kommentar auf Kapitel 7 angekündigt, habe ich meine nach der Lektüre verfasste, seitdem vergessene Besprechung von Kehlmanns F ausgegraben. Das Beste vom Autor ist übrigens Du hättest gehen sollen. Vielleicht kennt es deshalb kaum wer. Die Vor-Vermessungs-Romane kenne ich wiederum nicht. Vielleicht ist da ja noch was dabei.

Puh, der Kehlmann. Ich finde den ja schon immer überbewertet. Der erste große Erfolg, Die Vermessung der Welt, ein eigentlich simpler Historienroman, aus unerfindlichen Gründen fast durchweg in indirekter Rede geschrieben. Dann schnell nachgelegt: Ruhm. Zwanghaft ineinander verschachtelte Kurzgeschichten, von denen sich einige, etwa die im Netzjargon geschriebene, regelrecht lächerlich ausnehmen. Viel äußere, wenig innere Verbundenheit, gewaltsame Postmoderne. Als „spielten“ Kinder unter der Androhung von Prügel. Man sieht, in welche Richtung es geht: Kehlmann kopiert Techniken. Solche der klassischen- und der Postmoderne, solche des sogenannten Magischen Realismus, ohne die tieferen Gründe der jeweiligen gelungeneren Exponate dieser Schreibweise nachzuvollziehen. So auch in F.

Natürlich braucht der Roman Doppelgängermotive. Natürlich braucht es drei parallele Erzählungen, die immer wieder gegenseitig Momente ihrer Handlung aus verschiedenen Richtungen betrachten. Und es braucht sogar noch die Erinnerung an ein aus unerfindlichen Gründen schwarz geborenes Kind, das einen weißen Sohn zeugt, der wieder warum auch immer mit einer weißen Frau einen schwarzen Sohn zeugt. Warum es das alles braucht? Postmoderne, Baby!

Immerhin, im Gegensatz zu Ruhm sind die hier erzählten Geschichten leidlich interessant. Besonders die des ungläubigen Pfarrers liest sich, als hätte sie schon längst einmal erzählt werden müssen. Die beiden Brüder, der schwule Kunsthändler und besonders der betrügerische Investmentbanker dagegen wirken eher generisch, teils klischeehaft. Und natürlich könnte ich es niemandem verdenken, der das Buch nach den ersten 50 Seiten, einer Hypnoseshow mit den drei Brüdern, die später jeder als Icherzähler auftreten, zuschlägt. Ein billiges, kommentiertes Rehash von Mario und der Zauberer. Die erbärmlichste Art von Intertextualität ist die, in der eine Handlung oder ein Motiv kopiert wird und dann beinahe essayistisch kommentiert. Und das wird nicht der einzige verdeckte Mann-Kommentar bleiben.

F ist dennoch auf der Ebene des reinen Erzählens das Zweit- oder Drittbeste von Kehlmann, das mir bis jetzt unter die Augen gekommen ist. Ein vergiftetes Lob? So ist es. Aber die wiederholte Simulation avancierter Literatur reicht zu mehr einfach nicht hin.

Achso, die Frage, wofür das F steht: Es steht offenkundig für „F***, die Deadline naht, der Verlag will nen neuen Kehlmann“.

 

2 Gedanken zu “Der zweitbeste Kehlmann? Trotzdem nicht sonderlich gut… F

  1. fraggle sagt:

    Ich entnehme diesen Zeilen, dass insbesondere „Ruhm“ auf nicht sonderlich viel Gegenliebe beim Rezensenten gestoßen ist!? :-)

    Mit dem Abstand einiger Jahre muss ich persönlich sagen, dass mir „Ruhm“ tatsächlich rückblickend immer noch recht gut gefallen hat, ich empfand die Verschachtelung der einzelnen Kurzgeschichten aber auch weniger als zwanghaft – auch wenn man über Geschichten im Netzjargon sicherlich diskutieren kann. Insgesamt machte das Ganze auf mich ein bisschen den Eindruck eines „Cloud Atlas“ für Arme. :-) Es gab Schlimmeres.

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    1. soerenheim sagt:

      Ich finde es gibt wenig schlimmeres als ein Werk, dem man so deutlich anmerkt, dass das „moderne“ erzählen nur unreflektiertes Gimmick ist. Und was immer Kehlmann macht, genau das spricht eben aus jeder Zeile, auch aus dem Bemühten „in der Art des Schelmenromans“ von Tyll. Dass er zwar mitbekommen hat, dass die größten Werke des 19. Jhdt nicht mehr linear runter erzählt werden, dass sein Grund, es denen gleich zu tun, aber nicht aus dem erzählten Gegenstand genommen wird, sondern aus der Literaturtradition nach dem Motto „so schreibt man halt heute“.

      Ein ähnliches Phänomen habe ich vor einiger Zeit schon mal bezüglich eines Kermani-Interviews behandelt (folgt längeres Zitat aus dieser Kolumne: https://diekolumnisten.de/2016/12/11/kleiner-bruder-vs-literatur-bundespraesident-kermani/):

      „Case and Point: Der neue deutsche Großschriftsteller, Günter-Grass-Nachfolger und vielleicht irgendwann Bundespräsident Navid Kermani. Der wurde von Iris Radisch in der Zeit erfrischend kritisch zu seinem neuen Roman befragt:

      Die beiden verbringen die Nacht in einem deutschen Provinzwohnzimmer und unterhalten sich über die Liebe haargenau so, wie man schon immer befürchtet hat, dass in solchen Wohnzimmern über die Liebe geredet wird. Gleichzeitig reflektiert der Erzähler ständig über das Schreiben des Buches, das er schreibt, und diskutiert mit dem Leser und dem Lektor darüber, wie er seine Sache zu Papier bringen soll. Sie machen die Türen des Romans sehr weit auf und lassen viel Zufälliges und Triviales herein.

      Nun könnte Kermani sich ein wenig Mühe geben und zu erklären, warum das vermeintlich Triviale im Roman vielleicht alles andere als trivial ist. Oder könnte zumindest kurz darlegen, warum es für diesen Roman notwendig ist, Teile des Materials scheinbar unbehandelt, wie zufällig, quasi antiliterarisch stehen zu lassen (ähnliches zeigte Adorno etwa für Beethovens Spätwerk). Kermani dagegen bedient sich einer Technik, die in Zukunft einmal als Biller-Gambit bekannt werden dürfte und hält stockkonservativ den Iss-Muss des Modernisten aufrecht:

      Das macht ja die neuzeitliche Literatur aus, dass sie sich ständig selbst reflektiert. Dass sie zugleich immer zur Seite spricht. Das beginnt schon bei Don Quijote, dem Urroman der Moderne – denken Sie an den zweiten Teil, der so tut, als beziehe er sich auf die Veröffentlichung des ersten. Und der erste Teil gibt sich als eine Übersetzung aus dem Arabischen aus.

      Ja und, Herr K.? Was kümmert uns das denn, dass das neuzeitliche Literatur ausmacht? Oder gar, wie das im Quijote war? Der Bruder trägt die Frage an mich immer wieder zurecht heran: Warum mach das sie aus? Welchen Zweck erfüllt dieses Mittel denn in genau diesem Buch? Solange ich mir nicht Rechenschaft darüber ablegen kann, wie ich es oben, in dem Format entsprechend gebotener Kürze, für Das Grüne Haus versucht habe, schreibe ich nicht. Oder, wenn ich’s doch mache, weil ich Spaß dran hab, weil es mir egal ist, weil ich damit Geld verdienen will, was auch immer, dann verstecke ich mich nicht hinter einem erstarrten Paradigma der Moderne, dessen Gründe ich noch nicht mal auf einen gewissen Abstraktionsniveau anzugeben vermag. „

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