Für DieKolumnisten berichte ich heute über meine viertägige Hunsrückwanderung mit dem Zelt (Beitragsbild: Ein Sonnenschutz musste improvisiert werden).

„Was es auch nicht gibt (ich schaue nur aus Interesse): Busse. Oft fährt pro Tag nur ein einziger nach der nächst größeren Stadt und abends zurück. Wer beim Versuch, die oben genannte Klimakrise zu bewältigen nicht diese Region (und viele ähnliche) komplett abhängen oder entvölkern möchte, muss den ÖPNV gerade dort, wo er sich nicht rentiert, mit aller Gewalt fördern. Ansonsten braucht hier nämlich wirklich jede Familie mehrere Autos. Und auch die Kinder und Jugendlichen werden schon in einer Benzinkultur groß: Wo man junge Menschen sieht, fahren die Quads und Minibikes, später aufgemotzte Autos. Schon Kinder spielen gern mit (Spielzeug-) Quads. Politisch gefordert wird derzeit immerhin eine deutliche Reduzierung der Bahnpreise. Aber zwischen Nahe und Mosel dürften ein paar 100.000 Menschen leben, die in einer Weise vom Verkehrsnetz abgeschnitten sind, die man sich auf den Dörfern nahe des Rheins kaum vorstellen kann. Selbst Morbach, eine Stadt mit gut 10000 Einwohnern, zählt vielleicht zwei Hände voll Einträgen auf dem Busfahrplan, der ganze Stolz ist eine Busverbindung nach Trier, die nach Angaben von Einwohnern öfter mal unerwartet ausfällt, und alle Bahnlinien im Hunsrück wurden längst stillgelegt.“

Letzte Woche habe ich einen herausragenden Roman von Robert Prosser besprochen:

„Robert Prosser hat 2012 meine ersten Gedichte in einer größeren Literaturzeitschrift publiziert. Der Mann versteht was von Literatur, dachte ich mir – den musst du lesen, als ich nun über einen Roman des Autors stolperte. Da kann man sich natürlich auch ordentlich in die Nesseln setzen. Und ob große Erwartungen dem Bewertungsmaßstab einer Rezension zuträglich sind oder abträglich – ich schwanke da noch immer.

Zum Glück lässt Prossers Gemma Habibi den Leser nicht lange schwanken. Bzw. stark schwanken mit dem Boxer Lorenz im Ring, in einem Eröffnungskapitel, in dem wirklich jedes Wort sitzt. Das Tempo, der Rhythmus, der Satzbau, alles passt zur Vorstellung eines Boxers mitten im Kampf. Die Wortwahl passt ebenso, die Art der Beschreibung, die Atmosphäre, alles legt einen Autor nahe, der entweder selbst boxt, gut recherchiert hat oder es zumindest versteht, dem Leser das vorzugaukeln (denn wie es letztendlich gelingt, eine Geschichte überzeugend zu erzählen, kann uns Lesern egal sein, wen es aber dennoch interessiert: Prosser boxt).“

Und noch etwas früher das ebenfalls starke Die Kinder des Borgo Vecchio:

„Die Kinder des Borgo Vecchio von Giosuè Calaciura ist mal wieder ein Buch, das perfekt in diese Reihe passt. Und, wie meist, wenn die Rahmenbedingungen gegeben sind, ein ganz wunderbares. Als zwinge allein die Lokalität einem Autor zu 80 % schon das gelungene Erzählen auf. Zu den restlichen 20 % entscheidet dann das Talent darüber, ob ein „nur“ ordentliches oder ein hervorragendes Buch vorliegt.

Die Kinder des Borgo Vecchio spielt in einem innenstädtischen Armenviertel irgendeiner italienischen Stadt am Meer, irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg. Es ist eine seltsam zeitlose Welt, in der jeder jeden irgendwie betrügt und doch alle halbwegs über die Runden kommen, in der die Kinder herumstreuen, in der Diebe zu Heldenfiguren werden, und es eigentlich niemandem gut geht, aber gegen die Staatsgewalt doch (fast) alle zusammen halten. Überhaupt erinnert Die Kinder des Borgo Vecchio in Ton und Setting ein wenig an die zweite Hälfte von Die Blaue Gasse (Giuseppe Bonaviri), wobei es nicht ganz so blumig ausgemalt ist, dafür aber die starke Obsession mit jugendlicher Sexualität vermissen lässt, die das ansonsten schöne Die Blaue Gasse manchmal schwer erträglich macht. Der Stil ist dennoch sehr bildhaft, Sprachrhythmus und Bilder greifen ineinander. Auf gerade knapp 90 Seiten wird eine ganze kleine Welt ausgemalt.“