Mit einer Ausnahme habe ich bis er alle Romane von Luise Erdrich hoch gelobt. So Lange du lebst könnte ihr bester sein. Manche Leser beschweren sich, es handele sich eher um eine Kurzgeschichtensammlung mit gemeinsamer Welt und gemeinsamen Figuren, als um einen Roman (vgl. Amazon). Was für ein erbärmlich beschränktes Verständnis des Begriffes Roman.

So Lange du lebst erzählt aus verschiedenen Perspektiven vom Leben in Pluto im nördlichen Minnesota. Die Gemeinde ist wie in den meisten Romanen Erdrichs mestizisch geprägt, amerikanische Ureinwohner haben sich mit deutschen und französischen Siedlern vermischt. Tatsächlich ergeben sich aus den einzelnen Perspektiven Erzählungen von 50-60 Seiten, die man durchaus auch jeweils für sich als geschlossen lesen kann. Geschlossen-offen natürlich. Ästhetisch rund, aber ohne jeweils ein Hollywood-Tuftä-Ende. Das nimmt aber dem Roman im Ganzen nichts weg, sondern bereichert ihn nur. Erdrich zeigt Menasse, wie Quasikristalle hätte gelingen können. So dicht wie Erdrich erzählen wenige Autoren. Weil kein Kapitel, wie es in klassischen Romanen ja öfter vorkommt, als bloße Brücke dient, um die Handlung von A nach B zu bringen, langweilt die kurze Distanz nie. Aber auch über die gesamten 300 Seiten spannen sich klug verknüpfte Handlungsbögen.

Erzählerisches Zentrum sind dabei Evelina, die in den siebziger Jahren ihr Studium anfängt, und Richter Antone Bazil Coutts, die beide mehrfach zu Wort kommen. Düsteres Geheimnis der Geschichte ist ein Mehrfachmord, der um die Jahrhundertwende (1900) im Dorf geschehen sein dürfte, und für den die Dorfbewohner als Rache der Einfachheit halber ein paar Ureinwohner lynchten. Dass die den Mord auch begangen haben, glaubte eigentlich schon damals kaum jemand.

Relativ einzigartig bis heute dürfte Erdrichs nüchterne Behandlung der gewaltsamen wie auch der täglichen kulturellen Konflikte sein, die sich der Besiedlung Nordamerikas durch Europäer bis heute anschließen. Auch Erdrich arbeitet hier und da mit synkretistischen Motiven, transzendentale Erfahrungen und Unwahrscheinlichkeit, wie man sie vom lateinamerikanischen Magischen Realismus und etwa Scott Momaday kennt, doch sind das bei ihr ganz deutlich Akzidenzien einer insgesamt offenkundig, teils traurig, zauberlosen dörflichen Lebens- und Alltagsrealität. Dinge, die man sich zwischen Bier, harter Arbeit, Musik und Drogenschmuggel erzählt, keine Real-Metaphern wie im magischen Realismus, sondern Aktivitäten und Erinnerungen, wie der Kirchgang. Das ist oft bitter: Selbst anrührende Geschichten wie die von der ersten Geige des alten Shamengwa, und wie diese ursprünglich zu ihm kam, kommen aus zweiter Hand und Spenden nur wenig Trost in einer eher tristen Realität. Aber es ist eine beeindruckende Lektüre, einen so glaubhaften Kleinstadtkosmos wie Erdritchs Pluto haben wenige Autorinnen geschaffen.

Wie fast alles von Erdritch: So Lange du lebst ist definitiv lesenswert. Und dabei nochmal ein wenig lesenswerter als die besseren Romane der Autorin, die ich bisher gelesen habe.

Bild: Pixa, gemeinfrei.