Wer eine Inhaltsangabe von Die Strudlhofstiege sucht, wird auf Wikipedia fündig. Ich unterlasse ein Zusammenfassen des Inhaltes auch, weil doch sehr fragwürdig ist, wie wichtig dieser dem Werk ist. Ich mag Doderer als Autor (so ein unangenehmer politischer Zeitgenosse dieser teilweise mit dem NS kokettierende Stockkonservative, mit Einschlag ins konservativ-revolutionär-Elitäre, Doderer auch gewesen sein mag), und ich mag Die Strudlhofstiege. Ich habe sie gern gelesen und zweimal gehört.
Doderer gelingen immer wieder Passagen (die Jagd im kroatischen Bergland, Spätsommernachmittage in Wien, Begegnungen an der namensgebenden Stiege) von eleganter Schönheit, bildhaft, geschliffen, mit diesem „mehr“ in der Sprache, das Schönheit eben nicht nur durch schöne Bilder vermittelt, sondern durch die Wendungen der Sätze selbst, die zum bildlichen passen. Aber: Wer Doderer da auf der Höhe seines Schaffens erleben möchte, greife lieber zu Die Wasserfälle von Slunj, oder den Sonaten und Erzählungen, die es in einem einzigen Sammelband günstig gibt. Die Strudlhofstiege zwingt den Leser gleichzeitig durch ganz viel „Handlung“ hindurch, was den Nebeneffekt hat, dass der Roman im Gegensatz zum relativ kompakt geplotteten Die Wasserfälle von Slunj wirkt, als habe er gar keine Handlung: Alles ist Ereignis, und Ereignisse sind so viele, dass auch die sprachliche Meisterschaft dieses seltenen Stilisten darunter zu ersticken droht und vom mild archaisch anmutenden Modernismus, der Doderers Größe ausmacht, in der Breite in einen bräsigen Märchenonkel-Tonfall kippt.
Ich habe mich öfter gefragt, warum die beiden Hauptwerke Doderers, der die Sprache sicherlich in einer Weise beherrscht, die den Vergleich mit Thomas Mann nicht scheuen muss, kaum in der gleichen Weise fesseln wie die Werke dieses anderen großen Erzählers. Die Antworten: Komposition, Charaktere, Plot. Mann ist im Vergleich zu Doderer der konservativere Erzähler, die Sprache gewinnt bei Doderer m e h r Eigenleben. Aber Mann war, was heutige Leser gerne verdrängen, ein unglaublich progressiver Komponist. Und das nicht erst in seinem späten Musikroman Doktor Faustus, sondern bereits und auch am stärksten in den polyphonen Buddenbrooks, die keine Wendung, keine Entwicklung, enthalten, die nicht auf die Wirkweise des Ganzen ausgerichtet ist. Der Zauberberg fällt ab, gibt aber durch seine relativ einfache Reihenstruktur den Charakteren, quasi als Solisten, viel Raum um zu glänzen. Die Strudlhofstiege dagegen (und ebenso Doderers Dostojeskij-Hommage Die Dämonen) wirkt in den meisten ihrer Momente geradezu zufällig. Und damit zusammenhängend bleibt auch das Personal beinahe austauschbar. Wo kein inneres Beziehungsgeflecht entsteht, entstehen auch keine starken Charaktere. Man kann sich in den beiden großen Romanen Doderers verlieren, und wird viele erhabene Stellen finden. Aber bis zum nächsten Besuch bleibt von Doderers Wien erschreckend wenig übrig. Im Gegensatz etwa zu Manns Lübeck oder im Zauberberg, dem Sanatorium über Davos.