Das größte Problem von Hesses Das Glasperlenspiel ist es wohl, dass der Leser für das zentrale Glasperlenspiele nie wirklich ein Gefühl bekommt. Eigentlich macht Hesse es noch halbwegs richtig: Kunstwerke, große philosophische Leistung oder andere ähnlich gelagerte Werke, behandelt man in der Literatur oftmals am besten ekphratisch. Man müsste sonst, um das behauptete große Werk nicht lächerlich zu machen, sich in der jeweiligen Kunst oder Wissenschaft ja selbst auf dem Niveau der Weltbesten bewegen UND, eine nicht zu unterschätzende zusätzliche Schwierigkeit, fähig sein, das Ganze auch noch unterhaltsam zu gestalten. Dass Hesse also nie ein Glasperlenspiel in Aktion zeigt, ist ihm nicht vorzuwerfen. Jedoch bleiben alle seine Ekphrasen so leblos, dass ich mir nach zwei Lektüren und einmaligem Hören noch immer nicht vorstellen kann, wie dieses „Spiel“ (bzw. diese Übung in künstlerisch-wissenschaftlicher Assoziation) eigentlich gespielt wird, und wie es dann auch noch zugleich höchster ästhetischer und wissenschaftlicher Genuss sein könnte.

An der Darstellung des Spiels leidet alles an diesem Roman, der im Großen und Ganzen, was dies betrifft, dem Spiel ähnlich ist. Hesse ist immer ein nachlässiger Schriftsteller gewesen. Er ist eher interessiert, irgendwie seine jeweilige Lehre herüberzubringen, als eine gute Geschichte zu erzählen, geschweige denn, diese dann auch noch sprachlich konsequent zu gestalten. Bei wenigen berühmten Autoren findet man so viele tolpatschige Wiederholungen, schrägen Satzbau und anderes, worüber man beim Lesen stolpert, wie bei Hesse. Kein Wunder, dass seine beiden am höchsten einzuschätzenden Werke Siddharta sind, das einfach perfekt zu dem passt, was der Autor vermitteln möchte, und das Gott sei Dank kurz ist, so dass es eigentlich zwei Drittel des weiteren Gesamtwerkes überflüssig macht, und Der Steppenwolf – ein Roman, der durch sein ungewohntes städtisch-modernes Setting eine Eigengesetzlichkeit gewinnt, die ihn über alles andere hinauskatapultiert, was Hesse geschrieben hat.

Das Glasperlenspiel dagegen mit seinen vier thematisch ähnlichen Geschichten, seinem letztlich kaum durchdachten Gesellschaftssystem, das irgendwie ans Spiel drangeklatscht wirkt, seinen Personen, die offenkundig nur dazu da sind, den Leser „zum Denken anzuregen“, ist einfach nicht der große Wurf, den Hesse zum Schluss gerne gebracht hätte. Es fehlt eine Handlung, die wirklich fesseln könnte, es fehlt ein inneres Tempo (Sprachmelodik, Rhythmik usw), das das Lesen von viermal fast der gleichen Geschichte ertragbar machen könnte, ist fehlen Figuren, die zur Hauptfigur Knecht in einem wirklich glaubhaften Spannungsverhältnis stehen könnten, die nicht nur Folien sind, in denen Knecht sich spiegelt. Und zuletzt fehlt eben auch (s.o.) das Glasperlenspiel.

 

Bild: Pixa, gemeinfrei