Unter den Romanen von Hermann Hesse ist Der Steppenwolf der einzige, den ich immer mal wieder lese bzw. anhöre. Hesse ist ja im Großen und Ganzen eher so ein Didaktiker, der Geschichten anlegt, um damit eine bestimmte Weltsicht vermitteln. Einer, der andererseits zu ahnen scheint, dass seine „Philosophie“ zu dünn ist, um sie in einem philosophischen Werk der Kritik auszusetzen, andererseits darauf aber eben nicht verzichten möchte. Ein Paulo Coelho der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein Didaktiker eben.

Der Steppenwolf aber ist anders, obwohl er mutmaßlich genau die gleichen Ziele teilt wie alle anderen Romane Hesses, und dabei ganz ähnlich vorgeht. Das ist eine, wenn auch nicht überzustrapazieren, Parallele zu einen anderen Schriftsteller, dessen philosophische Tiefe ganz gern überschätzt wird: Franz Kafka. Zu dessen besonderer Wirkweise spekulierte ich in der Vergangenheit bereits einmal:

„Kafka war einerseits ein Autor mit relativ klaren metaphysischen Vorstellungen. Die Übermacht einer Welt, in die sich der Mensch kämpfend anpassen muss, um nicht unterzugehen, in der aber auf diese Weise durchaus seinen Platz finden kann, ist Grundgerüst aller Werke Kafkas. Eine Haltung, die relativ genau dem von Hacks geprägten Begriff von der „fröhlichen Resignation“ des Goethes der Weimarer Klassik entspricht. Platter, aber durchaus nicht ganz daneben, ist das alte Wort vom Gottvertrauen, mit oder ohne Gott. Genau in dieser Weise gibt es eine Tür im Gesetz, die „nur für dich“ bestimmt ist, in dieser Weise bleibt K. als Führer in den eigenen Tod Sieger. Das Kafkaeske ist genau die Kollision dieser klassisch-klassizistischen Haltung mit einer Welt, in der dieser Haltung absurd, besser noch: verzweifelt, wirken muss. Aber ohne, was wiederum Lamping richtig herausstellt, dass Kafka das Absurde bewusst herausarbeiten würde oder gar eine Philosophie des Absurden in der Denkweise des späteren Existenzialismus anstreben würde. Die Verzweiflung allerdings wird angenommen und trotzig als Notwendiges in den Kampf eingemeindet. Kafkas Schreiben ist das der fröhlichen Resignation in die dieser keinesfalls würdige industriell verwaltete Welt bei gleichzeitigem ernstem Festhalten an der Würde der Resignation.“

Und in ähnlicher Weise transformiert die moderne Erfahrungswelt der Großstadt die seichte Hesse-Philosophie, indem sie sie Traktate mit Welt und Geschichte vermengt, und am Ende kommt ein Buch heraus, dass wiederum viele zu Unrecht als Intellektuellenroman für die pubertierende Jugend verachten, weil eben der Name Hesse drauf steht. Sicher ist Harry Haller vor allem so eine die Welt verachtende, halbstarke Schopenhauer/Nietzschekreuzung, ein selbsterklärter Übermensch, der sich aber noch nicht mal die Gelassenheit des „Bindegliedes“ Zarathustra erarbeitet hat. Und die Parabel an sich, Befreiung, Bewusstseinserweiterung, wie auch immer man es nennen möchte, durch das Leben-Lernen von einer „burschikosen“ Frau, das ist eigentlich alles reichlich abgeschmackt. Aber die dreibödige Konstruktion von Erzählungen in der Erzählung, das Ambivalente Verhältnis von Welt und magischem Theater, die wahnwitzige Vorstellung, dass Harry im Traktat über den Steppenwolf doch schon eigentlich über sich liest, was auch die Namen andeuten, die wilde Traumlogik des magischen Theaters später und das Erschüttern auch des früher real Geglaubten (ist nicht Hermine aufgrund mehrerer Hinweise doch von Anfang an fast zwingend als Projektion Harrys zu lesen?), all das bricht die belehrende Seite des Romans aufs Vorteilhafteste auf, das Buch macht Spaß, ist verwirrt, und kann gerade deshalb vielleicht als einziger Roman Hesses Leser auch nach dem überstandenen 20. Lebensjahr hier und da erschüttern.

PS: Und ich frage mich jedes Mal, ob JK Rowling ihren Harry und ihre Hermine nicht vielleicht dem Steppenwolf entnommen hat.

Rezension hervorgekramt und fertiggestellt als Reaktion auf diesen Artikel bei Kapitel 7.

Bild: Pixa, gemeinfrei