Strauß‘ didaktisches Pamphlet Römische Tage, Funkes „Lesen ist voll wichtig“-Pans Labyrinth und die Frage: „Warum Gegenwartsliteratur?“

Drei Kolumnen von mir aus den vergangenen Wochen:

I: Engagierte Literatur von halbrechts?:

„Römische Tage“ von Simon Strauß geht den Weg weiter, den „Sieben Nächte“ begann. Es ist dabei seltener unfreiwillig komisch, offener politisch, und gerade so weit literarisch gestaltet, dass der Autor sich im Zweifel von den geäußerten Ideen distanzieren kann. Das muss dann auch ästhetisch enttäuschen.

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Und so trifft das Strauß Alter-Ego diesmal unter anderem: Eine Restaurantbesitzerin, die den Faschismus quasi zur italienischen Natur erklärt, Zirkusdirektoren auf der Party eines homosexuellen Zirkuskünstlers, die sich von der EU die Lebensgrundlage zerstört sehen, Wissenschaftler, die darüber jammern, dass junge Forscher sich nicht für Rom interessieren, weil man da keine Genderforschung betreiben kann, einen alten Kardinal, dem der jetzige Papst zu lasch ist, eine emanzipierte Kamerafrau, die selbstverständlich die EU hasst, einen jungen Kellner, der von der Bekanntschaft seines Großvaters mit Borchardt und Mussolini schwärmt, und einen Philosophen, der es wagt, sich auf einer liberalen Party gegen Abtreibung auszusprechen, und dafür von der gesamten Versammlung beinahe gewaltsam zur Entschuldigung genötigt wird.

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II – Die „Ver-Buchung“ eines Films. Cornelia Funkes „Das Labyrinth des Fauns“:

Cornelia Funke hat aus „Pans Labyrinth“ ein typisches Funke-Buch gemacht. Fans wird es freuen, aber dem Film wird das kaum gerecht. Funke verkindlicht den Stoff, zeichnet schwarz/weiß und baut ganz viel Pro-Lesen-Didaktik ein.

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Ja, auch in Pans Labyrinth nimmt das Buch, aus dem Ofelia ihrer Aufgaben zieht, eine wichtige Rolle ein, es gibt die Rahmenhandlung mit der Prinzessin, die in ihr Königreich zurückkehren möchte, und es wird erwähnt, dass Ofelia gern Feengeschichten liest. Zweimal in einzelnen kurzen Sätzen, einmal in einem dreisätzigen Wortwechsel. Das ist der große Unterschied, der den Film so viel überzeugender macht: Es wird angerissen, nicht doziert. Es werden subtil Motive zu den Themen Märchen und Magie verknüpft, alles wirkt stark auf die Vorstellungskraft ein, ohne Lesern mit Gewalt eine Message „pro Lesen“ aufzudrängen.

Funke dagegen erzählt den Lesern relativ genau, was sie zu denken haben. Das hat auch seine Auswirkung auf das eigentlich zentrale Übel der Geschichte, das ja nicht in den Schwierigkeiten liegt, die von Ofelias fantastischer Welt ausgehen, sondern im ganz realen Franco-Faschismus, in den die Mutter über Vidal praktisch eingeheiratet hat. Dessen Bösartigkeit ist im Film die typische eines autoritären Charakters. In der Art, wie er anfangs mit Frau und Kind umgeht, könnte man sich gut vorstellen, dass er in friedlicheren Zeiten Sportlehrer geworden wäre, Busfahrer oder Verkehrspolizist. Unter Franco ist er brutaler Mörder. Bei Funke dagegen lesen wir sehr früh im Buch holz-hämmernd:

„Ofelia wusste, dass der Mann, den sie bald »Vater« würde nennen müssen, böse war. Er hatte das Lächeln des Zyklopen Ojáncanu, und in seinen dunklen Augen nistete die Grausamkeit der Monster Cuegle und Nuberu, Ungeheuer, denen sie in ihren Märchenbüchern begegnet war.“

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III – Warum (zur Hölle!) Gegenwartsliteratur lesen?:

Die Literaturgeschichte hat genügend Meisterwerke hervorgebracht, die man 24/7 wieder und wieder lesen könnte. Warum plagt sich unser Literaturkolumnist eigentlich trotzdem mit den immergleichen mittelmäßigen Texten herum über die Leiden mittelalter Mittelklasse-Männer und Frauen an einer Gesellschaft, an der sie doch nichts ändern wollen?

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Aber es sind ja nicht mal die Inhalte. Man kann aus jedem gottverdammten Inhalt literarisch etwas machen. Es ist auch und besonders die Form: Diese kurze Prosa. Diese im Stakkato beschreibende. Mit den bildlichen Adjektiven. Die mal gelb, mal grün schillern. Und dann sich mal parataktisch zu einem hohen Gedanken aufschwingen, wie dem, dass, wenn in unendlicher Zeit unendlich viele Menschen sowieso alle nur denkbaren Geschichten geschrieben haben werden, es letztlich egal ist, ob und welches Buch man schreibt. Und dann wieder: Kurze Sätze. Rhetorische Fragen. Und je nach Autorenhabitus (Neo-Bukowski!) vielleicht noch ein paar Kraftausdrücke.

Immerhin, in ihrer absoluten Belanglosigkeit hat die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wahrscheinlich erstmalig in der Breite die absolute Kongruenz von Form und Inhalt erreicht. Hurra.

Und dann sind da noch diese Schrifstellerromane. Schriftsteller, die übers Schriftstellern Schriftstellern. Vielleicht, weil man als Schriftsteller nicht mehr in die Welt heraus kommt, um anregenden Stoff zum Schriftstellern zu finden? Ernsthaft, jedem Schriftsteller sollte nur genau ein Schriftstellerroman gestattet sein. Die gehen nämlich auch in gut, wenn man es nicht übertreibt.

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Bild: Pixabay, gemeinfrei

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