Free Jazz: Auch dieser „Feind“ ist unter euch. Über die Abwehr eines sehr unklaren Begriffs.

Michael Wollny, ist ein leider nicht mehr zugängliche Artikel des SWR angeteasert, halte nichts vom Free Jazz. Nun war die von mir kürzlich besprochene Performance mit Émile Parisien aber doch offenkundig „Free“ in allen nur denkbaren Richtungen, die Jazz und Musik allgemeiner nur nehmen können (zu den Richtungen – s.u.).

Es scheint mir, dass „Free Jazz“ vor allem zu einem Reizwort geworden ist, mit dem sich einerseits Menschen von dem abgrenzen, was sie nicht mögen, und das andererseits das Nichtmögen bereits wieder mitformt. Ganz ähnlich übrigens wie die Vokabel „atonal“ in der Neuen Musik. Stelle ich Wollny/Parisien jemandem als eines der krassesten Free-Jazz Konzerte vor, die ich bisher gehört habe, stehen die Chancen gut, dass sie/er den Stream am 6.7. um 20 Uhr im SWR2 nicht einschalten werden, und wenn, dann das ganze als schwer hörbar empfinden werden (trotzdem unbedingt einschalten!). Ebenso beispielsweise, wenn man das wunderbar melancholische, kaum dissonante Konzert zum Andenken eines Engels von Berg als eines der zentralen Werke der Neuen Musik einführt. Doch frei und atonal heißen nicht zwingend brutal fürs Gehör, und niemals heißt es chaotisch, undurchdacht, desorganisiert. Das sollte man auch denen ins Stammbuch schreiben, die Konzerte wie zum Beispiel die des Art Ensembles of Chicago statt als die hochkomplexen Kunstwerken, die sie sind, für die im Vorfeld der Improvisation zahlreiche Absprachen getroffen werden müssen (oder die Musiker kennen sich bereits so gut, dass sie schon ganz intuitiv auf Signale im Spiel, in der Mimik, in der Gestik, reagieren können), stattdessen als quasi unmittelbaren Ausdruck „afrikanischer Lebensfreude“ feiern (auch das habe ich schon vernommen).

Momente der Freiheit

Vielleicht sollte man sich erstmal überlegen, wo von Musik eigentlich frei sein kann, und das Beispiel des Jazz macht die Sache vielleicht leichter einsichtig als die Neue Musik.

1 – Da wäre unspezifisch erstmal die Freiheut von den Zwängen der Komposition, der Niederschrift. Das ist sowieso der Anspruch von Jazz, Punktum.

2 – Dann spezifischer die Freiheit von den Schemata des Genres, also etwa der Anzahl der Takte, die für Soli, für Gruppenimpro, für festes Spiel, vorgesehen sind usw. Davon macht sich der Jazz teils relativ früh frei, ohne dass man schon von Free Jazz sprechen würde.

3– Dann wären da die klassischen Regeln der Tonalität und damit auch die Art und Weise, wie von einer in die andere Tonart motiviert wird, welche Soli überhaupt spielt werden können wenn die Band sich gerade in einer bestimmten Tonart bewegt. Spätestens davon abzuweichen beginnt das chromatische Spiel Coltranes, Davis‘ und anderer, die wir gemeinhin in dieser Zeit auch noch nicht als Free Jazzer bezeichnen, obschon damit das Regiment der klassischen Harmonik spätestens zu bröckeln beginnt. Wobei ich stark bezweifle, dass Parker, Monk & Co, also die Bee-Bop Ära von einem Mozartenthusiasten, der schon auf den Erweiterungen (bzw. Brüche) der Modulationsregeln bei Beethoven nicht klar kam, als regulär tonal gefunden worden wären – Free Jazz als Frage der Perspektive. Überhaupt müsste man sich für eine fruchtbare Diskussion hier erst einmal klarmachen, was man eigentlich als „tonal“ definiert. Die vor allem in der Klassik vorherrschende Harmonielehre, die vom Tonalen Zentrum einer Komposition aus dann auch bestimmte Progressionen bis hin zu der Tonart, in der der Schluss des Stücks zu stehen hat, vorschreibt, samt strenger Modulationsregeln (also wie von einer in die andere Tonart gewechselt werden darf und von welcher zu welcher), oder einfach die Verwendung von Tonleitern des Dur/Mollsystems, egal wie die zueinander in Bezug stehen, oder, und das scheint mir mittlerweile die verbreitetste Verwendung: Alles, was im ersten Moment angenehm klingt?

4 – Weiterhin, wiederum mit Bezug zur Klassik, kann sich Musik von den Konventionen der „sauberen“ Tonerzeugung befreien. Das steht fast am Anfang des Jazz mit den Growls der Dixieland Bigband, und wird bei Ellington quasi Programm. Phrasen, in denen fast nur Luft geblasen wird, Schrei der Bläser, Gewittergeräusche und Ähnliches, das haben auch die konservativsten Retrobands im Programm.

5 – Und schließlich wäre da noch die oft übersehene Freiheit, sich  n i c h t  aller Freiheiten zu bedienen, was von Anfang an auch im „freeesten“ Jazz ususu gewesen sein dürfte (Das Art Ensemble of Chicago etwa baut(e) in fast alle seine Alben swingende Tänze o.ä. ein).

Atonalität = Dissonanz?

Entscheidend auch: Eine Abkehr von der klassischen Tonalität führt nicht zwingend zu krassen Dissonanzen. Free Jazz kann melodisch sein, als wohlklingend empfunden werden, kann getragen sein, ruhig, in sich gekehrt, ebenso wie explosiv, das Gehör zeitweise absichtsvoll überreizend. Und guten Musiker werden hier wie in allen Perioden der Musik das nicht (oder nur zeitweise, in Aufbruchsphasen) als Selbstzweck einsetzen, um zu verstören, sondern weil eine I d e e dahinter steckt, und wenn man derer gewahr wird, wird man auch das Werk genießen können. Bleiben wir bei Wollny/Parisien. Der Auftakt des Konzertes gehörte definitiv zu den schönsten melodischen Klängen, die das Publikum je vernommen hatte. Eine sanfte melancholische Klage, mit leichten Dissonanzen, ebenso leichten Unsauberkeiten im Spiel, ein perfektes getragenes Stück, das seine Perfektion gerade aus den darunter schimmernden Widersprüchen nahm. Die erste Konzerthälfte steigerte sich dann über ein wild-angeregtes, doch immer wieder auch harmonisches Gespräch, zwei sich nur Kurz überschneidende, wieder recht melodische Soloperformance in das Feuerwerk des Finales. Das wilde Schlussstück hätte kaum derart genießen können, wer nicht über die ersten drei Titel dorthin geführt worden wäre, es wäre sonst nur ein witztiges Spektakel geblieben. Doch auch der Auftakt wäre eine wahrscheinlich bald vergessenen musikalischen Nettigkeit, ohne die Explosionen, die folgten, mit ihren wiederum sanften Gegenstücken. Viele Free-Jazz-Alben scheinen übrigens den gegenteiligen Weg zu gehen: da eröffnet das Stück, das an das Gehör höchste Ansprüche stellt, um den Hörer dann in unterschiedlichen Variationen ins Harmonische zurückzuführen (Paradebeispiel. Szabados und Braxtons Szabraxtondos).

Was alles nicht „tonal“ ist…

So oder so: Viele Hater würden Free Jazz gar nicht erkennen, wenn sie ihn hören. Das gilt auch für „klassische“ Abweichungen von der so hochgehaltenen Tonalität. Satie etwa, sagt man mir, verstößt in seinen Gnossiens, die Gegner Neuer Musik heute hochhalten als Beispiel, dass man auch im 20. Jahrhundert noch „schöne“ Musik machen kann, gegen fast alle Regeln, die Mozart heilig gewesen wären. Ebenso Debussy. Als Multi- oder Polytonal, also ohne festgelegt tonales Zentrum, aber mit diversen spürbaren tonalen Zentren, werden diese Stücke beschrieben. Younee, deren Musik auch vor allem angenehm unterhaltend daherkommt, beschreibt ihr Projekt selbst als Free Classic/Jazz. Wollny, der laut SWR mit Free Jazz nichts anfangen kann, dürfte in fast jeder seiner Improvisationen sich mindestens eine der oben genannten Freiheiten nehmen. Wahrscheinlich müsste man, nimmt man die Sache ernst und benutzt „Free Jazz“ nicht einfach als Bezeichnung für das, was einem nicht gefällt, sagen: Fast aller Jazz auf Weltklasseniveau ist heute „Free“1. Nicht immer in allen Belangen, aber selten in keinem. Es ist wie mit der modernen Lyrik: Liebe Hater alles Progressiven: Der Feind ist längst mitten unter euch, doch weil ihr euch ungern tiefer mit der Kunst beschäftigt, die ihr liebt oder hasst, werdet ihr es wahrscheinlich niemals merken.

1(Auch die Gegenteilige Haltung habe ich während meiner Recherchen angetroffen: Wenn wirklich frei nur die vollendete Atonalität sei, dann könne Jazz das Ideal nie erreichen, da die gemeinsame Improviastion immer auf tonale Anker zutreibe, nur durchdachte Komposition könne das durch bewusste Vermeidung verhindern. Es gebe also keinen atonalen. Sondern höchstens polytonalen Jazz)

Ein Gedanke zu “Free Jazz: Auch dieser „Feind“ ist unter euch. Über die Abwehr eines sehr unklaren Begriffs.

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