Phänomenales Free-Jazz-Konzert mit Wollny/Parisien

Am Wochenende war ich auf einem wunderbaren Konzert mit Michael Wollny und Émile Parisien. Es tun mir alle leid, die die Chance hatten, und es verpasst haben, besonders, die es mit Absicht verpasst haben, weil „Free Jazz ist ja nur Krach“ & so.

Dieser perfekte musikalische Bogen, von diesem verträumten, manchmal klagenden, Auftaktstück mit den langen melodischen Phrasen, so warm geblasen, dass die Spitzen zu vibrieren scheinen wie heiße Luft über eine Oase bis hin zum entfesselten Finale der ersten Hälfte (s.u.). Diese ganze Art und Weise, wie Saxophon und Klavier in den vielen langsamen, melodischen Passagen immer ganz leicht zueinander verschoben klingen, so ein Hauch von Dissonanz, der den Klang noch intensiver fühlen lässt, ohne dass es gleich verstören würde (Hat etwas von Szabraxtondos). Und dann das Steigern, durch die einzelnen Stücke hindurch, der aufgeregte Dialog der Instrumente im zweiten, das lange Piano-Vorspiel im Dritten, das dann vom Saxophon aufgegriffen wird und ausklingt, bis Parisien nur noch Luft bläst, und das Schlussstück der ersten Hälfte, das sich vom Harmonischen schon so sehr ins Ver-Rückte steigert, dass Pianist Wollny schließlich halb ins Klavier klettert, um die Seiten mit der Hand zu zupfen – das war ganz große Kunst, und tatsächlich von mir so vorher nicht erwartet worden. Und stets der Verzicht auf die billige, die abrundende Note zum Schluss, die Bereitschaft stattdessen, als habe man vergessen, wie es weiter geht, das Spiel mit einem ganz unerwarteten leisen Moment einfach ausschwingen zu lassen…

Dass die beiden sanft und verträumt können, klar. Aber dass sie diese Synthese zwischen Wahnsinn und Zartheit schaffen würden … wirklich einzigartig. Und dann noch dieser Kontrast, wenn auf der Bühne der wirklich winzige Parisien mit seinem Instrument regelrecht zu ringen scheint, sich beugt, streckt, stampft, als wisse er nicht ob er tanzen oder wüten wolle – und die Töne derweil so federleicht aufsteigen.

Am 6. Juli wird das Ganze ab 20.03 Uhr in SWR 2 ausgestrahlt, und ich hoffe sehr, es wird eine CD-Produktion geben bzw eine dauerhafte Online-Quelle, die das Konzert archiviert. Es wäre wirklich traurig, bliebe von dieser Musik keine Spur zurück.

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