Beginn meiner Arthurreihe. Malorys Morte D’Arthur – Die große Übersicht.

Hiermit beginne ich eine Reihe von Rezensionen, die die wichtigsten, vor allem aber die schönsten Stücke der Arturliteratur vorstellen soll. Nummer 1 fällt eher unter „wichtig“…

Malorys Le Morte D’Arthur ist eine zwiespältige Angelegenheit. Oder, um gleich ein passendes Bild zu verwenden: Ein zweischneidiges Schwert. Wobei das auch wieder wenig Sinn ergibt. Ist nicht manches gute Schwert zweischneidig? Ich habe die Wendung nie wirklich verstanden…

Zumindest: Das gut 1000-seitige Kompendium des Großteils der bekannten Geschichten, die sich um die Tafelrunde und den Heiligen Gral ranken, ist nicht so langweilig, wie ich befürchtet habe. Malorys Stil ist, zumindest in der mir vorliegenden Hörbuchversion, zugänglich, die Sprache wirkt in einer Weise altertümlich, wie heute einer schreiben würde, der altertümlich schreiben möchte, aber nicht unverständlich. So etwa klingt es in einer der bilderreicheren Passagen – etwas sperrig, doch nicht ohne sprachlichen Reiz:

„IN May when every lusty heart flourisheth and bourgeoneth, for as the season is lusty to behold and comfortable, so man and woman rejoice and gladden of summer coming with his fresh flowers: for winter with his roughwinds and blasts causeth a lusty man and woman to cower and sit fast by the fire. So in this season, as in the monthof May, it befell a great anger and unhap that stinted not till the flower of chivalry of all the world was destroyedand slain; and all was long upon two unhappy knights the which were named Agravaine and Sir Mordred, that were brethren unto Sir Gawaine. For this Sir Agravaine and Sir Mordred had ever a privy hate unto the quee nDame Guenever and to Sir Launcelot, and daily and nightly they ever watched upon Sir Launcelot.“

Es klingt zwar oft auch viel trockener, doch immerhin: Das Ganze ist mehr als eine Chronik, es wird tatsächlich erzählt, beschrieben, es gibt viele Dialoge. Auf der anderen Seite wiederholen sich allerdings die Abläufe der Geschichten doch relativ oft, und gleichzeitig fehlt den einzelnen Abenteuern der Zauber, die frühere Romanzen einerseits durch die Versform, die noch die Vorstellung des Vortrages bei Hof und durch fahrende Rezitatoren lebendig werden lässt, andererseits durch das deutliche sich Reiben nur halb verstandener keltischer Vorstellungen und höfischer Etikette, erzeugten. Malory hat den so vielschichtigen Stoff ganz in seine Zeit transportiert, die Ritter führen ständig Tjoste und andere Wettkämpfe aus, werden beim Bischof vorstellig, jeder bekommt genau eine Dame zugeordnet, weil Ritter nunmal Damen haben, immer! – usw. usf. Und zwischen den ersten Büchern über die Entstehung der Tafelrunden und dem Zentrum des Werks, der Gralsquest, ist viel Leerlauf, Füllmaterial, Abenteuer ohne besondere Bedeutung. Aber letztlich schrieb Malory damit wohl für ein ähnliches Publikum wie heute George RR Martin und die Game of Thrones-Autoren: Man wollte möglichst langwierig unterhalten sein, nicht konzentriert und in jedem Moment der Lektüre gefordert, wie es etwa die so viel dichteren Idylls of the King verlangen, die wiederum den Großteil der Handlung von Malory borgen.

Wer alles rund um die „Matter of Britain“ in ihrer bis heute tradierten Ausformung in einem Werk geliefert bekommen möchte, greift auch heute wahrscheinlich noch am besten zu diesem Endpunkt und Kanonisator der Artusepik, von dem dann fast alle neueren Bearbeitungen ihren Ausgang nehmen. Wer mehr davon spüren möchte, was diese Geschichten im 12. und 13. Jahrhundert so faszinierend machte, dass sie binnen weniger Jahrzehnte den gesamten europäischen Kontinent eroberten, findet wahrscheinlich in den Versromanzen des Chrétien, im Parzifal des Wolfram und in den Lays der Marie de France reichere Quellen. Allerdings sind Leser da auch gefordert: Die alten Sprachformen sind nicht einfach zu lesen, und allein aus neueren Übersetzungen wird man nicht schöpfen wollen, will man nicht gerade das besondere wieder verlieren.

Bild: Wiki, gemeinfrei

9 Gedanken zu “Beginn meiner Arthurreihe. Malorys Morte D’Arthur – Die große Übersicht.

  1. literaturreiseblog sagt:

    Es freut mich, dass du dich dafür begeisterst und den Einstieg – völlig zurecht – mit Malory machst. Es ist wirklich beachtlich, welche Kreise die Werke um und mit Arthus sich zogen.

    Zur Sprache: Ich habe zwar nicht Morte d’Arthur gelesen, allerdings während meines Studiums „The Noble Table of the Sangreal“ – also die Gralsgeschichte. Ich muss jedoch zugeben, dass ich nicht mehr viel davon weiß. Vermutlich kein Zufall, dass ich kurze Zeit später Anglistik links liegen und mein Germanistikstudium aufgenommen habe^^ Aber ich erinnere mich noch, dass man es überraschend gut lesen konnte. Auch hilfreich, dass man deutsch spricht, wenn man die sprachliche Verwandtschaft bedenkt.
    Und im deutschen Raum bzgl. der Sprache hast du vollkommen Recht. Ich habe den Iwein gelesen (nicht den Parzifal; diesen nur Stellenweise wegen Vorlesungen), welcher in die selbe Zeit fällt. Dort liest man so etwas:

    Do erlasch diu sunne diu ê schein,
    und zergienc der vogelsanc,
    als ez ein swaerez weter twanc.

    Ich hatte jedoch eine quasi zweisprachige Ausgabe, wenn man so möchte, so dass ich immer wieder bei unklaren Stellen nach rechts schielen konnte. Im Nachhinein bin ich froh, es möglichst auf mittelhochdeutsch gelesen zu haben, aber noch einmal würde ich so etwas nicht machen :D

    Bin jedenfalls gespannt, wie die nächsten Blogeinträge dazu werden :-)

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    1. soerenheim sagt:

      Zeitlich eingestieren bin ich mit Malory nicht. Ich habe Wolframs Parzifal & Gottfrieds Tristan als Hörbuch (gekürzt, jeweils mit mittelhochdeutschen Passagen & Einordnungen) & auch schon Texte zu den Idylls & dem Karrenritter soweit fertig. Aber Malory ist eben der beste Überblick & da recht zugänglich mE viele moderne Nacherzählungen kaum nötig…

      Geplant sind dazu auf jeden Fall noch der gereimte & der alliterative Morte D’Arthur, Gawain & The Green Night, Die Lays der Marie de France & The life of Merlin.

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