Steampunk mit viel Punk im Sinne von „Gegen den Strich“: Der Kristallpalast von Oliver Plaschka.

Oliver Plaschka ist eine der ganz wenigen mir bekannten Autoren, die auch ältere Texte immer wieder überarbeiten, und der das Glück hatte, dass solche Überarbeitungen jetzt gleich zweimal auch publiziert wurden. Zuerst Fairwater, nach meinem Dafürhalten bekanntlich einer der ganz großen deutschsprachigen Romane, die erschienen sind, seit man von literarischer Moderne spricht, und nun auch die deutlich behutsamer editierte Neuauflage von Der Kristallpalast, einer temporeichen Koproduktion mit Alexander Flory und Matthias Mösch, die in einem alternativen London kurz vor der Weltausstellung von 1851 spielt. Laut Nachwort einer der ersten deutschsprachigen Romane, die offiziell als „Steampunk“ beworben wurden.

Ich habe in einer früheren Kurzbesprechung diesen Roman als den zugänglichsten von Plaschka beschrieben (mit Ausnahme vielleicht der neueren Das Licht hinter den Wolken und Marco Polo). Das heißt aber nicht, dass der Text ohne Finesse daherkommt: Aus drei wechselnden Ich-Perspektiven wird eine Intrige rund um ein Juwel entwickelt, das – angeblich? – im Kristallpalast ausgestellt wird, sowie um weitere dazu korrespondierende Steine und Amulette, die ihre Träger mit besonderen „Talenten“ ausstatten – so auch die drei ProtagonistInnen. Hinzu kommt eine weitere, gewissermaßen eine Doppelperspektive: Das Tagebuch einer Indien-Expedition, die auf den Spuren einer früheren Expedition wandelt, welche wiederum jene Magie oder Technik entdeckt haben dürfte, die für das Chaos rund um die Weltausstellung verantwortlich ist.

Klingt kompliziert, ist aber schon allein auf der Ebene des Abenteuerromans hervorragend ausgeführt. Nur wenige Seiten braucht es, bis der Mord geschieht, der die Dinge ins Rollen bringt. Doch statt dass nun eine langweilige Schnitzeljagd folgte, schauen wir schon wenige Seiten später durch die Augen des Mörders selbst. Eine dichte Verfolgungsjagd, eine Art Prosagedicht mit Action, führt uns in die Welt in und um den Kristallpalast ein, worauf dann langsam in der Folge Welt und Charakteren mehr Tiefe verliehen wird.

Das London Plaschkas ist düster, multikulturell, vom scharfen Kontrast zwischen Arm und Reich durchzogen, und obschon womöglich ein wenig überzeichnet, um als Spiegel unserer Welt zu dienen, doch nicht all zu sehr: Das weiß, wer einschlägige Social Novels und Reportagen aus der Zeit kennt. Wenn Plaschka im Nachwort betont, dass im Genre Steampunk all zu oft der Punk vergessen werde, ist es genau dies, die widerständige Anti-Idyllik, die gemeint sein dürfte (und nicht etwa, dass zu wenige Viktorianer einen Iro tragen). Dieser Roman taugt nicht zur Weltflucht, er stößt Leserinnen und Leser auf ein Kondensat der Widersprüche der eigenen Welt.

Wer freilich eine saubere Auflösung all der undurchsichtigen Vorgänge im Hintergrund erwartet, die die Handlung motivieren, dürfte wie so oft bei Plaschka enttäuscht werden: Wie die Steine funktionieren, was genau es mit den Mächten auf sich hat, die den drei TalentträgerInnen zunehmend unheimlich werden, wird nicht wirklich aufgelöst. Das Fantastische fungiert hier als schillernde Metapher – wenn man Studierte beeindrucken wollte, könnte man sagen, im Sinne einer Dialektik der Aufklärung: Das sich festklammern Wollen und Können etwa an überkommenen Formen der Unterdrückung wird so zum Beispiel durch die niederländischen „Heeren“ symbolisiert, die quasi noch als lebende Leichname versuchen, das niederländische Empire gegen das britische wieder aufzurichten. Die Technik selbst droht sich dabei in einer Weise zu verselbstständigen, die selbst die, die glauben, sie zu beherrschen, nicht vollends überblicken. Dass dazu keine genaue Funktionsweise angegeben wird, ist folgerichtig, sind doch auch die Prozesse, die dazu führen, dass immer nur eine Variante der Herrschaft des Menschen über den Menschen die andere ablöst, während der wahrscheinlich der Großteil der Menschheit durchaus mit Recht von sich behaupten könnte, doch meist nur das Beste für das Ganze zu wollen, alles andere als ein Prozess, bei dem man nur an den richtigen Hebeln justieren müsste.

Der Kristallpalast ist ein kurzweiliger Abenteuerroman mit gewichtigem Hintergrund, durchaus meist locker zu lesen, aber dabei weit mehr als „nur“ eine spannende Geschichte. Schön, dass der Verlag Ohne Ohren davon eine Neuauflage ermöglicht hat.

Bild: Wiki, gemeinfrei

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