Satire auf Neue Rechte? Zornfried & weitere Sonntagskolumnen. u.A. Tolles im Selbstverlag!

Es ist mal wieder Zeit für eine Übersicht meiner neuen Kolumnen für DieKolumnisten:

Zornfried:

Als Satire im Sinne großer Gesellschaftssatiren wie Heinrich Manns Der Untertan charakterisiert in einem lesenswerten Text ein Rezensent der ZEIT die kurze Novelle Zornfried von Jörg-Uwe Albig. Das muss in Zeiten, in denen mit Satire vor allem das bissige Sich-lustig-machen über den politischen Gegner gemeint ist, vielleicht konkretisiert werden. Ein wirkliches enges Ziel der Satire, wenn man den Roman als solche begreifen möchte, gibt es in Zornfried nicht. Weder sind es die Bewohner des lose auf Schnellroda gemodelten Rittergutes, noch sind es die Journalisten, die sich für eine gute Story mit denen gemein machen. Wenn überhaupt nimmt der Roman die Gesellschaft als Ganzes in den Blick, die solche Typen hervorbringt, doch das, ohne eine einzige Pointe im komödiantischen Sinne zu setzen. Vielleicht aber sollte man sich gar nicht zu sehr von dem Begriff Satire leiten lassen: Zornfried ist eine äußerst dicht geschriebene Novelle, die eine interessante Geschichte erzählt. Sie transzendiert auf jeder Seite deutlich den beschränkten Rahmen „engagierter“ Literatur.

Der Plot in Kürze: ein mittelalter Journalist, der zwar einerseits meint, den humanistischen Grundkonsens zu vertreten, aber andererseits seine Werte auch vor allem zu haben scheint, weil sie eben die seines Milieus sind, stößt auf einen martialisch-intellektualistischen Männerbund auf Burg Zornfried. Vor allem fasziniert ihn der enigmatische Dichter Storm Linné, dessen Gedichte ihn so sehr abstoßen wie anziehen. Gewiss, er macht sich über den Duktus lustig, doch er beginnt zu recherchieren, wird von dem Milieu aufgesogen, irgendwann dann drängt sich eine forschere Journalistin dazwischen, die sich aus der Perspektive des Protagonisten deutlich zu stark dem Milieu anbiedert (…)

Alendia:

Ja: Es gibt den Selbstverlag und von Goethe bis George sind einige der größten Werke in solchen erschienen. Aber: Auch der wird von gelernten Erwartungen affiziert und die schiere Masse der Publikationen macht es fast unmöglich, dort die Perlen heraus zu fischen.

Warum Alendia gut ist:

Alendia ist wie gesagt eine solche. Der Band erzählt in zehn sogenannten „Legenden“ vom „Jahr nach dem Fall des dritten Mondes“. Aus den Bruchstücken des gefallenen Mondes scheinen die „Manon Nebul“ zu dringen, Energieströme, mittels derer manche Begabte, die zunehmend verfolgt werden, die Welt magisch beeinflussen können. Die zehn „Legenden“ erweisen sich mit der Zeit als durch gemeinsame Ereignisse in der Welt sowie teils wieder auftauchende Charaktere verbunden, von denen einige sich gegen Ende des Buches zu einer Gruppe zusammenfinden, die man vielleicht als die hauptsächlichen Protagonisten bezeichnen könnte. Ich habe die Segnungen des Erzählens in Kurzgeschichten bereits an anderer Stelle gelobt und auch kein Geheimnis daraus gemacht, dass das die bevorzugte Erählweise ist, die in meinen eigenen Großtexten zum Einsatz kommt. Ich verweise hier nur auf  entsprechende Artikel (3 Links). Alendia macht vieles richtig, das Werke anderer Autorinnen und Autoren in solchen Fällen falsch machen.

Der Wundertäter:

Erwin Strittmatters Der Wundertäter habe ich mir zwecks Schließen einer Bildungslücke vorgenommen. Der Autor, von dem man heute kaum noch etwas hört, galt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der DDR, Der Wundertäter ist sein Opus Magnum, und dann wird dieses Jahr auch noch 30 Jahre Mauerfall gefeiert. Die Skepsis vor dem Anlesen ist groß: Der Roman wird als Roman des 20. Jahrhunderts gefeiert. Es würde also nicht überraschen, wäre das wieder eines dieser als Roman verkleideten Bücher, halb (Familien-) Biografie, halb persönliche Interpretation der Geschichte. Ein deutscher Roman eben mit mehr erzieherischem als ästhetischem Anspruch. Auch die unglaubliche Länge von gut 1500 Seiten berechtigt zu Zweifeln: Je dicker die Bücher, desto weniger wird der Erfahrung nach auf ästhetische Gestaltung geachtet.

Schon die ersten Seiten belehren eines Besseren: Zwar folgt nun tatsächlich eine Lebensgeschichte, die noch vor der Geburt des Protagonisten beginnt und bis in sein hohes Alter weiterlaufen wird, doch schreibt Strittmatter auf eine Art und Weise, die Melodie und Rhythmus der Sprache zum zentralen Vehikel der Perspektiven Stanislaus auf die Welt macht. Stanislaus ist je nach Blickwinkel übernatürlich begabt oder ein bisschen einfältig. Alles, was im Roman geschehen wird, ist konsequent durch seine Augen gefiltert. Und dem jungen Stanislaus ist die Welt voller Wunder. Er lernt zu hynotisieren, baut eine innige Verbindung zu einer „Schmetterlingskönigin“ auf, heilt Krankheiten, verliebt sich in die Pfarrerstochter, wird verbannt, arbeitet als Lehrling und Geselle in grotesken bis klaustrophobischen Backstuben, geht auf Wanderschaft usw usf. Immer erzählt Strittmatter dabei in rasantem Tempo, wechselnd zwischen dichten, beschreibenden Passagen und knappen eindringlichen Bildern (…)

Bild: pixabay, gemeinfrei

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