Ein jegliches hat seine Zeit. Auch dieses Buch hatte wohl seine Zeit, man nennt sie Pubertät. Meinetwegen auch: Jene verlängerte Pubertät, zu der der Eventkapitalismus heute das Erwachsenenleben diesseits der 40 macht, nur, dass wir auch noch lächeln sollen, wenn es weh tut, und wenn wir weinen, dann ist das hoffentlich über Instagram oder YouTube vermarktbar. In diesem Sinne: Wie gesegnet waren vielleicht die Zeiten, als der Tag nur mit einer Schusswunde begann.

Auch hatte es einst eine Zeit, in der Verlage solche professionell pubertären Werke veröffentlichten. Und das war gar nicht so schlecht. Denn aus AutorInnen, die wütend und mehr mit Habitus als Stil die Bühne betreten, werden ja noch eher große Künstler, die irgendwann einmal gelungen Werke vorlegen, als aus solchen, die sich bereits auf Slams und in Schreibschulen mit 20 alle Kanten abschleifen.

Das ändert nichts daran, dass Früher begann der Tag mit einer Schusswunde nicht viel mehr ist als eine Sentenzenparade. Der Autor meckert, wie man vielleicht im  Jugendzentrum mit 20 gemeckert hat, darüber, was in Deutschland alles scheiße ist, und reiht pamphletistische an bemüht tief klingende Sentenzen, etwa so:

„Auf jedem verlorenen Posten steht eine Retorte. Fein gekleidete Herren treten, verbeugen, schütteln, zwinkern, husten, reißen, sagen, zucken. Der Beifall des Publikums wird dunkelbraun. Deshalb hat Deutschland etwas mit Wolfgang zu tun.
Ob das Wort ›Käse‹ in der Schweiz auch ein Käse ist?
Ich bin vergeßlich. Ich wurde nicht mit Marmelade im Mund erzogen. Ich war im Rohrstock zuhause. Papier macht prost. »Wenns zu schlimm wird, müssen Dichter sterben.« Meine Gleichgültigkeit gehört an sich ins Lexikon. Auch auf Polterabenden und auf Partys bin ich im Gebirge. Ich leere Flaschen, denn manchmal: hat man das Gefühl, daß.
Draußen passiert es klipp und klar. Auf eine Gelegenheit wartet man am besten im Papierkorb. Tausend Handtücher “ (so geht das durchweg!)

Mehr steckt da nicht drin. Nix mit „jeder Satz ist eine Geschichte“, wie es die Verlagswerbung suggeriert. Nicht alles ist eine Geschichte, wobei man sich, wenn man denn will, eine denken kann. Zum Beispiel: Manchmal beobachte ich Vögel am Fenster und denke mir aus, was die wohl über mich denken könnten, wenn sie Menschen wären und ich ein Vogel („warum hat der komische Vogel da einen Computer“, z.B. und „Fuck, wir Menschen können doch gar nicht fliiiiiiiiieeee….“). Aber: Das macht die Vögel vorm Fenster noch nicht zu Geschichten. Die Geschichte muss ich erzählen.

Mit 20 hätte mir Früher begann der Tag mit einer Schusswunde vielleicht gefallen. Denn damals genügte es, wenn ein Autor meine Meinung(en) nur laut genug herausschrie. Und für einen angehenden Schreiberling ist auch schön zu sehen, dass man nicht wirklich an der Form feilen muss, sich um Struktur nicht kümmern, sondern einfach nur so darauflos wüten kann, und es gibt tatsächlich Verlage, die das drucken. Und im Großen und Ganzen war das ja noch nicht mal falsch: Wolf Wondratschek entwickelte sich tatsächlich zu einem der stilsichereren deutschen Schriftsteller.

Früher begann der Tag mit einer Schusswunde aber muss man heute nicht nochmal lesen. Da greift man doch besser zu etwas anderem, etwa dem hier besprochenen Selbstbild mit russischem Klavier.

Bild: Pixa, gemeinfrei